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Kunststoff:Warum Plastik noch Zukunft haben könnte

Bunt in Dormagen: Kunststoffhersteller Covestro

(Foto: Martin Heuwold/oH)
  • Die Kunststoffbranche ist im Umbruch. Das alte Geschäftsmodell, Plastik aus Erdöl machen, stößt zumindest in Europa an Grenzen.
  • Trotzdem verzeichnet die Plastikindustrie weltweit steigende Produktion. Auf der eigenen Messe "K" beraten die Plastikfabrikanten über die Zukunft.

Branko Šmon will das Unfassbare anschaulich machen: Die schiere Masse an Plastik auf der Welt, heruntergerechnet auf jeden Erdbewohner. Das Ergebnis steht im Foyer der Messe Düsseldorf: ein Quader, ein mal ein Meter, knapp zwei Meter noch, voller Kunststoff. Läge alles Plastik weltweit in Form kleiner Kügelchen an einem Ort, dann käme jeder Mensch auf einen Kubus dieser Größe. Die Betrachter sollten sich damit auseinandersetzen, appelliert Künstler Šmon: "Schaut euch das Große an, und verändert es im Kleinen."

Die Betrachter, das sind dieser Tage Besucher der weltgrößten Kunststoffmesse K, die alle drei Jahre stattfindet. Bei der ersten K 1952 nahmen die Besucher noch Nylonstrümpfe und Plastikdosen mit nach Hause. Heute gilt die Messe als Schaulaufen einer Branche, die weltweit im vergangenen Jahr 359 Millionen Tonnen Kunststoff hergestellt hat - so viel wie nie zuvor.

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Doch so billig, so haltbar, so leicht Plastik auch ist, so sehr steht es in der Kritik: Zu viel landet nach der Nutzung in der Natur; Wale verenden an Tüten, Aufnahmen verdreckter Strände gehen um die Welt. Daher kämpft die Branche nicht nur um ihren Ruf. Vielmehr gerät ihr herkömmliches Geschäftsmodell, Erdöl zu Plastik zu verarbeiten, zumindest in Europa an Grenzen.

Entsprechend hin- und hergerissen sind die Firmenvertreter: Die vergangenen Jahre seien "wunderbar" gewesen, sagt Ulrich Reifenhäuser, Chef des Kunststoffmaschinenbauers Reifenhäuser aus Troisdorf bei Bonn. Und die Branche werde weiter wachsen: dank dem Wachstum der Weltbevölkerung, der Nachfrage nach Elektronik, Autoteilen, künstlichen Gelenken. Dennoch herrsche Verunsicherung, so Reifenhäuser, der im Beirat für die Aussteller der K spricht: Das Image leide. "Diese Kunststoffwelt muss sich verändern." Das große Ziel sei die Kreislaufwirtschaft, sagt der Unternehmer. Doch er schränkt ein: "Das ist nicht von heute auf morgen zu schaffen."

Noch ist der Plastikkreislauf längst nicht geschlossen: Hierzulande gehen nur gut 40 Prozent der Kunststoffe am Ende ins Recycling; die knappe Mehrheit wird verbrannt. Andere Wertstoffe wie Glas oder Papier sind weiter, wenngleich ihre Herstellung mehr Energie benötigt.

Ein Grund ist, dass viele Kunststoffprodukte aus verschiedenen Materialien und Schichten bestehen, die sich nicht gut trennen lassen. Für Verpackungen sieht die EU bereits vor, dass diese bis 2030 komplett recycelbar sein sollen. Doch auch Konzerne wie Dupont, die beispielsweise große Plastikteile für den Motorraum von Autos herstellen, tüfteln an nachhaltigeren Produkten: "Ich habe den Eindruck, dass mehr und mehr Kunden darauf achten, dass wir Kunststoffe entwickeln, die am Ende ihrer Nutzungsdauer leichter zu recyceln sind", sagt Scott Collick, Forschungschef der Kunststoffsparte des US-Konzerns.

Solange ihr Kreislauf nicht geschlossen ist, braucht die Plastikindustrie fossile Rohstoffe; sie kauft bis zu sechs Prozent der jährlichen Erdölförderung ein. Hersteller wie Dupont haben erste Produkte, die zum Teil aus recyceltem Material bestehen. "Deren Anteil an unserer gesamten Produktion beträgt noch einen einstelligen Prozentanteil", gesteht Collick, "aber er wird in den nächsten Jahren steigen."

Mehr Recycling, pflanzliche Stoffe, Chemie aus CO₂: Viele Wege führen zu nachhaltigerem Plastik

Ein Problem sieht die Branche darin, dass das Sammeln und Sortieren von Kunststoffabfällen weltweit noch nicht gut funktioniere. "Die Nachfrage nach hochwertigem, recyceltem Material ist zurzeit höher als das Angebot."

Dennoch kündigt auch Deutschlands bedeutendster Kunststoffhersteller Covestro eine "größtmögliche Abkehr von fossilen Ressourcen wie Erdöl" an. Das ist reichlich ambitioniert, basieren die Produkte derzeit doch noch zu 99 Prozent darauf, wie Vorstandschef Markus Steilemann einräumt. Auch am genauen Zeitplan arbeite man noch. Doch wolle Covestro - vor vier Jahren aus dem Bayer-Konzern herausgelöst und mittlerweile selbst im hiesigen Leitindex Dax gelistet - als großer Hersteller vorangehen.

Auch die Leverkusener wollen fortan mehr gebrauchten Kunststoff verwenden - etwa in den Schaumstoffen, die sie für Matratzen herstellen. Und sowohl Covestro als auch Dupont forschen an pflanzlichen Ressourcen, etwa nicht essbaren Maisresten oder Rizinus, um Öl als Rohstoff zu ersetzen. Zudem gewinnt Covestro in einem ersten Reaktor in Dormagen bei Köln Chemikalien aus dem Treibhausgas CO₂, die nun zum Teil in Matratzen oder Kunstfasern stecken. Der weltgrößte Chemiekonzern BASF indes hat vorige Woche bekanntgegeben, dass er 20 Millionen Euro in eine norwegische Firma investieren wird, die gemischte Plastikabfälle unter hohen Temperaturen in ihre chemischen Bestandteile zerlegt. So will BASF "fossile Ressourcen teilweise ersetzen".

Mit derlei Investitionen wollen die Unternehmen dem gesellschaftlichen und auch politischen Druck etwas entgegensetzen: Man denke etwa an das Verbot von Einwegplastikprodukten wie Trinkhalmen oder Wattestäbchen, das die EU für 2021 angekündigt hat. Auch eine Mindestquote für recycelte Materialien in der Plastikproduktion ist in der politischen Diskussion.

"Kunststoff an sich ist nicht das Problem und gehört nicht verboten", hält Covestro-Chef Steilemann dem entgegen. Gerne verweisen sie in der Branche darauf, wie Kunststoffe in Windrädern und der Fassadendämmung zur Energiewende beitragen, wie leichte Plastikteile den Verbrauch von Autos und die Reichweite von Elektrofahrzeugen optimieren. Doch, so fordert es etwa Künstler Šmon, müssten künftig mehr Kunststoffprodukte sortenrein werden, und die Recyclingquoten endlich steigen. Damit sein Kubus im Foyer nicht bald noch viel größer werden muss.

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