Kunststoff-Kreislauf:Ein Markplatz für den Müll

Cirplus

Christian Schiller will mit seiner Online-Plattform Cirplus den Plastik-Kreislauf ankurbeln.

(Foto: Cirplus)

Aus Plastikabfällen werden Shampooflaschen: Mit seiner Online-Börse Cirplus will Christian Schiller Kunststoffe sammeln und wiederverwerten. Die Idee dazu kam ihm, als er der Apokalypse ziemlich nahe war.

Von Steffen Uhlmann

Eigentlich ein Irrsinn: Die halbe Erdkruste wird angezapft, um Erdöl, das "schwarze Gold", mit riesigem Aufwand zutage zu fördern. Viele daraus gewonnene Produkte, wie etwa Plastikverpackungen, landen dann später im Nirgendwo, auf geordneten oder wilden Müllhalden, in Erdlöchern, in Müllverbrennungsanlagen oder gar im Meer.

Gerade die Ozeane sind, wie Wissenschaftler und Umweltaktivisten heftig kritisieren, zu billigen Mülllagern verkommen. Nach ihren düsteren Prognosen werden spätestens zur Hälfte unseres Jahrhunderts mehr Plastikteile als Fische in unseren Weltmeeren herumschwimmen, wenn nicht nachhaltig etwas dagegen unternommen wird.

Christian Schiller, 36, hat diese drohende Apokalypse bereits einmal ganz unmittelbar erfahren - auf einem Segeltörn zwischen Kolumbien und Panama. Als er eines Tages bei Flaute seine Beine entspannt ins Wasser baumeln ließ, stieß er bald auf eine harte, zunächst undefinierbare Masse. Schnell stellte sich heraus, dass seine Yacht in einem dichten, Hunderte Meter langen Müllteppich aus Plastikresten festsaß - das Ruder hatte sich in dieser übel riechenden Masse verfangen.

Der Vorfall ist nun mehr als drei Jahre her, doch er beschäftigt den Jungunternehmer immer noch. "Mir will einfach nicht in den Kopf, dass man etwas sorglos wegwirft, was eigentlich einen Wert hat", sagt er. "Bei Metallen hat man das längst erkannt. Da wird gesammelt und wiederverwertet, weil das mit wachsender Ressourcenknappheit immer mehr Geld bringt. Und darüber hinaus auch noch die Umwelt schont."

Cirplus

Um die 240 Millionen Tonnen Plastikabfälle entstehen jährlich laut Erhebungen der Weltbank weltweit. Volkan Bilici und Christian Schiller gründeten 2019 die Firma Cirplus, um Plastikabfälle wieder zurück in den Wirtschaftskreislauf zu bringen.

(Foto: Cirplus)

Genau das kam ihm in den Sinn, als die Yacht wieder flottgemacht gen Panama kreuzte. Warum nicht aus dem Recycling gebrauchter Kunststoffe ein Geschäft machen? Der Bedarf dafür ist da. Denn um die 240 Millionen Tonnen Plastikabfälle kommen jährlich laut Erhebungen der Weltbank weltweit zusammen. Und nicht mal ein Fünftel von dieser riesigen Halde aus Plastikverpackungen und -gegenständen aller Art wird derzeit recycelt. Dafür landen mehr als zehn Millionen Tonnen der Kunststoffe in einem der Weltmeere. "Das ist eine Lkw-Ladung", sagt Schiller. "In der Minute."

Schiller ist erst Mitte dreißig. Als das französische Start-up Blablacar im April 2013 anfing, seine Online-Mitfahrzentrale in Deutschland aufzubauen, wurde Schiller ihr erster deutscher Angestellter. Unter seiner Leitung wurde binnen weniger Jahre das Deutschlandgeschäft der Franzosen auf- und ausgebaut - mit wachsendem Erfolg: 2017 hatte Blablacar hierzulande schon sechs Millionen Kunden. Mit so viel Erfolg im Rücken stieg Schiller aus, um sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen, ein Jahr lang um die Welt zu reisen.

Nicht ahnend, dass ihm diese Reise durch fast 20 Länder eine neue berufliche Herausforderung bescheren würde. Schließlich wurde ihm beim Anblick des Plastikmüllteppichs der aberwitzige Umstand deutlich, dass die Menschen zwar in der Lage sind, im Weltall die Erde monatelang zu umrunden, aber sie es im irdischen Alltag nicht vermögen, den nützlichen Plastikwerkstoff massenweise in einen sinnvollen Wirtschaftskreis zu überführen. "Absurd", sagt er. "Dabei könnte man dieses menschengemachte Problem schon mit einer klugen Ordnungspolitik für die Märkte lösen."

Zurück in Deutschland begann er sich intensiv mit dem Problem zu beschäftigen. Zuerst allein, später dann zusammen mit Volkan Bilici. Den Software-Spezialisten, der jahrelang als IT-Entwickler in der kunststoffverarbeitenden Industrie gearbeitet hatte, lernte Schiller bei seiner Bewerbung für das Programm Entrepreneur First eines englischen Start-up-Förderers kennen. Bald waren sie sich einig, in Sachen Recyclinggeschäft zusammenzuarbeiten.

Cirplus will eine Art Amazon für recycelte Kunststoffe sein

Anfang 2019 gründeten sie Cirplus. Mit dem Anspruch, die erste globale Internetbörse für Plastikmaterial zu schaffen. Unter dem Firmennamen, der sich aus circular (kreisförmig) und surplus (Mehrwert) zusammensetzt, erreichten die beiden Gründer die zweite Runde von Entrepreneur First. Das brachte ihnen 2019 ein erstes Startkapital von 80 000 Britischen Pfund ein. Zwei Jahre später sind weitere Risikokapitalgeber aus Schweden und Deutschland hinzugekommen. Zudem wird Cirplus mit staatlichen Fördergeldern gestützt.

Cirplus hat derzeit 10 Mitarbeiter, rund 1000 Nutzer sind auf der Plattform registriert. Die Zahl steigt ständig, nicht zuletzt weil die Plattform bislang noch kostenfrei ist. Das Unternehmen lebt derzeit noch von Investoren- und Fördergeldern. Investoren glauben fest an Cirplus.

Geht es nach den Gründern, wird aus ihrer Internetplattform eine Art Amazon für recycelte Kunststoffe und Kunststoffabfälle. "Mehr noch", sagt Schiller. "Wir wollen eine professionelle Beschaffungsplattform für Plastik und sämtlicher Kunststoff-Rezyklate sein."

Die vielfältige Zusammensetzung der Plastikabfälle macht das Geschäft kompliziert.

Genauer betrachtet, will Cirplus Entsorger und Recyclingfirmen miteinander vernetzen, die aus dem Abfall recycelten Kunststoff herstellen und den dann an Kunststoffverarbeiter weitergeben, die das gelieferte Rohmaterial für ihre Produkte, zum Beispiel Shampooflaschen, benötigen. Und die wiederum beliefern schließlich ihre recycelten Produkte an Markenhersteller und andere Produzenten. So würde dann das Plastik als wertvoller Rohstoff wieder in einem neuen Produkt aufgehen und nicht im Meer oder in einer Müllverbrennungsanlage landen.

So weit die Theorie. Und die Praxis? Der Teufel steckt im Detail. Vor allem die vielfältige Zusammensetzung der Plastikabfälle macht das Geschäft für die Recycler kompliziert. Für sie ist es extrem schwierig, eine gleichbleibende Qualität und Sortenreinheit für hochwertige Anwendungen bereitzustellen. Schon das macht den Griff zur Neuware in der Regel viel günstiger. "Solange der Preis der Neuware 20 bis 30 Prozent unter dem des Rezyklats liegt, das obendrein heute noch häufig qualitativ nicht an die Neuware heranreicht, dürfte es schwierig bleiben, einen stabilen Käuferkreis aufzubauen", sagt Schiller. "Die Kunden kaufen keine gebrauchte Ware, solange sie sich nicht sicher sind, dass die Qualität stimmt."

Zudem sei der Markt hochgradig fragmentiert und damit völlig intransparent. Nach vorsichtigen Schätzungen kommen allein in der Europäischen Union (EU) auf 50 000 Kunststoffverarbeiter nur reichlich 1000 Recycler, oftmals kleine und mittlere Unternehmen mit Jahreskapazitäten von höchstens 20 000 Tonnen. "Da braucht es kluge Investitionsanreize und Förderprogramme", glaubt der Cirplus-Chef. "Und eine Handelsplattform wie uns."

Viele Abfallerzeuger und Entsorger wissen immer noch nicht, welches Marktpotenzial ihr Abfall hat, weil sie die Zahlungsbereitschaft der Endkunden nicht kennen. Den Recyclern wiederum fällt es immens schwer, auf dem zersplitterten wie kleinteiligen Markt für ihre Kunden einen kontinuierlichen Mengenzufluss in gleichbleibender Qualität sicherzustellen. Und das auch noch unter teilweise völlig unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Allein in den EU-Ländern gibt es 27 verschiedene gesetzlichen Vorgaben für die Behandlung von Abfällen. "Das ist nur mit einem digitalisierten Beschaffungsprozess in den Griff zu bekommen", ist sich Schiller sicher. "Denn da scheitert doch jedes menschliche Gehirn." Mit seiner Digitalplattform Cirplus glaubt er, auf dem Weg zu einem globalen Marktplatz für recycelte Kunststoffe zu sein. Nicht zuletzt, weil er es dank Digitalisierung sämtlicher Beschaffungsstufen schon jetzt schafft, die Kosten für einen Rezyklat-Einsatz um ein Viertel zu verringern.

Und noch einen Erfolg können die beiden Cirplus-Gründer jetzt für sich verbuchen. Gemeinsam haben sie mit Branchengrößen wie dem Dualen System Deutschland (der Gelbe Sack), dem Entsorger Remondis oder dem Anlagenbauer Krauss Maffei sowie dem Deutschen Institut für Normung die dringend nötige neue DIN-Vorgabe für Kunststoffabfälle auf den Weg gebracht. Schon ab Oktober schafft sie dezidierte Rahmenstandards für die Klassifizierung von Kunststoff-Rezyklaten, etwa nach Herkunft, Qualität oder Menge, wenn möglichst alle Marktteilnehmer sie anerkennen und mitziehen. Für Schiller aber ist die DIN SPEC 91446 der "Durchbruch" für die Schließung ganzer Plastikkreisläufe. "Das wird die digitalisierte Handelsabwicklung enorm beschleunigen", sagt er. "Genau dafür ist ja Cirplus gemacht."

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