Süddeutsche Zeitung

Kunstausstellung:Einmal die Wikipedia ausdrucken, bitte!

Lesezeit: 2 min

Von Jessica Binsch

Die ganze deutschsprachige Wikipedia auszudrucken und zu binden, ergäbe sehr viele Bände. Um genau zu sein: Derzeit wären es 3406.

Das hat Michael Mandiberg herausgefunden, ein US-amerikanischer Künstler. Er hat alle deutschsprachigen Wikipedia-Artikel in eine Buchvorlage verwandelt und einhundert Bände davon gedruckt. Die restlichen Bücher sind im Berliner Projektraum Import Projects als Fototapete an die Wand geklebt. Zusammen ergeben sie die Ausstellung "Print Wikipedia: from Aachen to Zylinderdruckpresse", die an diesem Samstag für Besucher eröffnet.

Mandibergs Werk zeigt: Auf Bücherregalen aufgereiht, würde die deutschsprachige Wikipedia ein ganzes Zimmer füllen. An drei hohen Altbauwänden würden die Regale bis kurz unter die Decke reichen, vollgestopft mit Bänden von A wie Aachen über MAM wie Mammutbäume bis UNF wie Unfallforschung. Allein die Artikel zur DDR erstrecken sich über drei Bände, fast alles wird dokumentiert, etwa die "DDR-Oberliga (Badminton)". Insgesamt umfasst die deutsche Wikipedia fast zwei Millionen Artikel, weltweit sind es 37 Millionen.

Gigabyte-Angaben sind abstrakt, Bücher sind konkret

3406 Bände sind beeindruckend und überschaubar zugleich. Ein ganzer Raum voller Menschheitswissen, Stand März 2016. Das Projekt sei Kunstwerk und Datenvisualisierung zugleich, sagt Mandiberg. "Wenn ich sage, dass die deutschsprachige Wikipedia so und so viele Gigabyte Daten umfasst, sagt dir das gar nichts. Aber wir verstehen, wie viele Informationen in einem Buch stecken."

Besonders viel Platz nehmen Listen ein: 273 Bände sind nur mit Aufzählungen gefüllt. Listen von Komponisten, von Städten, von Brücken, von Kulturdenkmälern. All dieses Wissen haben die freiwilligen Mitschreiber der Wikipedia zusammengetragen. Auch ihre Namen sind verzeichnet. In fünf separaten Bänden stehen die Namen der 800 000 Nutzer, die an der nun gedruckten Version der Wikipedia mitgeschrieben haben.

Auch Mandiberg ist Wikipedia-Autor. 2009 fing er an, an Einträgen über moderne Kunst mitzuschreiben. Dann packte ihn die Frage, wie groß die Wikipedia eigentlich ist. Jahrelang arbeitete er immer wieder an dem Projekt. Im vergangenen Jahr druckte er die englischsprachige Wikipedia, die größte Sprachversion. Sie bringt es auf 7 600 Bände. Im Gegensatz zur deutschsprachigen, bei der sich Mandiberg auf 100 physische Bände beschränkte hat, gibt es sogar komplett. Eine US-Uni hat die ganze Ausgabe in ihrer Bibliothek stehen.

Die Buchproduktion ist aufwändig

Die Wikipedia-Artikel zu kopieren und von ihrem Online-Format in ein Druckformat umzuwandeln, sei aufwändig, sagt Programmierer Jonathans Kiritharan. Allein aufgrund der riesigen Datenmenge dauere jeder Produktionsschritt mehrere Tage.

Mit Beginn der Ausstellung will Mandiberg damit anfangen, seine Druckvorlagen ins Internet zu stellen. Er will alle 3406 Bände auf der Webseite lulu.com hochladen, über die Autoren ihre Bücher selbst veröffentlichen können. Dort können Interessierte dann die Bände kaufen. Mit etwa 75 Euro pro Band wird das allerdings recht teuer.

Ein Buch ist ganz schön unpraktisch

Dafür lassen sich die gedruckten Bücher anfassen, aufblättern, durchforsten. Dabei zeigt das Projekt auch, wie unpraktisch ein Nachschlagewerk in Buchform eigentlich ist. In der digitalen Wikipedia können Leser per Klick auf einen Link zur nächsten Erklärung kommen. In der gedruckten Version der Enzyklopädie ist Blättern angesagt, manchmal muss man zu einem anderen Band wechseln und dort weiterblättern. In der Berliner Wikipedia-Bibliothek müssen Besucher dazu manchmal auf eine Leiter klettern - nur um festzustellen, dass das gewünschte Buch noch nicht gedruckt ist. Die feinstoffliche Welt kennt keinen Hyperlink.

Die Artikel selbst sind bis zum Druck vielleicht schon wieder überholt. Denn Wikipedia-Inhalte verändern sich ständig, wenn Freiwillige Fehler verbessern oder Informationen ergänzen. Hinzu kommt die Zeit für die Produktion. "Die Bücher sind immer schon veraltet", sagt Mandiberg. "Das ist Teil der Idee." Das Projekt zeige den Unterschied zwischen digitalem und analogem Wissen. "Die Wikipedia wächst die ganze Zeit", sagt Programmier Kiritharan. "Sie ist unendlich."

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