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Kulturerbe:Frankreich zu versteigern

Die Chartreuse du Glandier ist zwar wunderschön, hat aber auch Nachteile: Eine verbaute Klosterkirche, Heizkosten von mehr als 100 000 Euro, und Handyempfang gibt es auch nicht.

(Foto: Leo Klimm)

Das Land hat alle Mühe, sein üppiges architektonisches Kulturerbe zu erhalten. Eine Firma macht daraus ein Geschäft.

Von Leo Klimm, Beyssac/Paris

Was für ein Idyll: Die Kirche, der Spitzturm mit Wetterhahn, der gotische Kreuzgang, der Rosengarten. Ein Bach, der über ein Wehr rauscht. Und was hat das alte Kloster nicht alles erlebt, von seiner Gründung durch die Kartäuser im Jahr 1219 über die Vertreibung der Mönche während der Französischen Revolution bis zur Nutzung als Flüchtlingsheim während des Ersten Weltkriegs.

In diesem Herbst stand die Chartreuse du Glandier mitsamt ihrer reichen Geschichte beim Auktionshaus Agorastore zur Versteigerung. 44 Gebäude, 16 000 Quadratmeter bewohnbare Fläche, dazu 16 Hektar Wald und Ackerland in einer sanften Hügellandschaft Südwestfrankreichs. Etwas abgeschieden ist der Ort, 70 Kilometer sind es nach Limoges. Das ist der Preis des Idylls. Renovierungsbedürftig ist die spezielle Immobilie auch. Das ist der Preis der Geschichte. Dafür verlangte die Stadt Paris, seit 100 Jahren Eigentümerin, von den Bietern ein schnäppchenhaftes Mindestgebot: 750 000 Euro. "Wir können damit nichts mehr anfangen", sagt Emmanuel Grégoire, Vizebürgermeister von Paris. "Der Unterhalt ist uns zu teuer." Allein der Wachdienst für die Anlage kostet 600 000 Euro pro Jahr.

Frankreichs Kulturerbe ist überbordend. Doch dem Staat und den Kommunen, denen viele historisch und architektonisch wertvolle Gebäude gehören, ist das nicht selten eine Last. Jenseits der gut erhaltenen Pariser Palais oder der Loire-Schlösser gibt es unzählige Objekte wie die Chartreuse du Glandier - ehemalige Kirchen, Jagdhäuser, Gerichtsgebäude, alte Schlösser, denen der Verfall droht: 23 Prozent der kulturhistorisch bedeutenden Gebäude im Land sind in schlechtem Zustand, so eine Erhebung des Kulturministeriums.

"Besonders bei den Kommunen gibt es noch viel zu holen."

Genau daraus macht Agorastore ein Geschäft. Agorastore - das klingt mit der Anlehnung an die Agora, dem gesellschaftlichen Mittelpunkt der griechischen Antike, wie ein Beitrag zum Gemeinwesen. Andererseits zeigt der zweite Namensteil "Store" an, dass das Pariser Start-up ein sehr kommerzielles Unternehmen der digitalisierten Welt ist. Über seine Onlineplattform versteigert es alles, was Städte und Gemeinden loshaben möchten. Vom gebrauchten Traktor bis zum Jahrhunderte alten Stück gebauter Geschichte.

"Besonders bei den Kommunen gibt es noch viel zu holen", sagt David Riahi, der Chef von Agorastore. Allein die Stadt Paris möchte sich jedes Jahr von Immobilien im Wert von 200 Millionen Euro trennen, die sie außerhalb ihres eigenen Gebiets besitzt. Zum Vergleich: Diese Summe ist fast ebenso hoch wie jene, die Frankreichs Regierung 2020 durch ihre eigenen Immobilienverkäufe erlöst. "Es schlummern so viele Schönheiten im ganzen Land", frohlockt Riahi. Er will derjenige sein, der sie wachküsst und für jede Versteigerung Provision einstreicht.

Riahi, 36, sitzt in einem winzigen Büro, das in einer früheren Manufaktur im Pariser Osten untergebracht ist. 2011 hat Riahi, der vorher beim Marketplace-Betreiber Priceminister sein Handwerk gelernt hat, Agorastore mit einem Kompagnon übernommen. Damals hatte die Firma drei Mitarbeiter und ihr Geschäft dümpelte vor sich hin. Jetzt fährt Riahi sie hoch: 40 Mitarbeiter zählt Agorastore. Sie kümmern sich um Preisgutachten. Und vor allem um die IT.

Manches ist unverkäuflich. "Den Eiffelturm zum Beispiel werden wir nie anbieten."

"Eine gute IT ist entscheidend für Onlineversteigerungen", sagt Riahi. Seinen Kunden verspricht er, finanziell unsolide Bieter auszusortieren und dank Auktion dennoch den bestmöglichen Preis zu erzielen. In Frankreich ist unvergessen, wie sich der Staat vor ein paar Jahren vom US-Fonds Carlyle über den Tisch ziehen ließ: Die öffentliche Hand verkaufte die frühere Nationaldruckerei in Paris für 85 Millionen Euro; drei Jahre später reichte Carlyle die historische Immobilie für 377 Millionen Euro weiter. So etwas soll nicht wieder vorkommen.

Riahis wichtigster Job allerdings ist die Kundenakquise: Die Kommunen müssen zum Verkauf bewegt werden. Die Stadt Paris etwa ist ein ausgesprochen lohnender Kunde, denn sie könnte in nächster Zeit noch so manch besonderes Objekt loswerden wollen. "Ein paar Sachen sind unverkäuflich", sagt Vizebürgermeister Grégoire. "Den Eiffelturm zum Beispiel werden wir nie anbieten." Anders sieht es mit diversen Schlössern aus, die Paris im ganzen Land verstreut besitzt. Darunter das historisch bedeutsame Château de Villers-Cotterêts, das einst vom Renaissance-König Franz I. nördlich der Hauptstadt erbaut wurde. "Wir prüfen den Verkauf", sagt Grégoire.

Auf solche Gelegenheiten lauert Agorastore-Chef Riahi nur. Er hat für die kommenden Jahre ehrgeizige Expansionspläne. Die Corona-Krise und ihre Folgen für die öffentlichen Finanzen werden sein Geschäft antreiben, glaubt er. "In Zeiten leerer Kassen wird die Verkaufsbereitschaft der Kommunen zunehmen." Sein Brot-und-Butter-Geschäft ist die Versteigerung von Schulbussen, Baggern oder Landmaschinen. Das sichert heute die Profitabilität. Überproportionales Wachstum erwartet er aber bei den Immobilienauktionen. Mag der Umsatz von Agorastore mit zehn Millionen Euro noch überschaubar sein, soll er sich Riahi zufolge in den nächsten drei Jahren mindestens verdoppeln. Auch über den Schritt ins Ausland, etwa nach Deutschland oder Spanien, denkt er nach. Er will die Zeit nutzen, solange es in seiner Marktnische noch keine echten Konkurrenten in Europa gibt.

Sehr teure Heizkosten, kein Handyempfang. Klöster haben ihre Macken

Für das frühere Kloster in Südwestfrankreich hat Agorastore bei der Versteigerung ein Höchstgebot von drei Millionen Euro hereingeholt. Unter den Bietern waren ein theologisches Institut, eine Yogaschule, ein Veranstalter von Ferienfreizeiten. "Wir behalten uns vor, nicht allein nach finanziellen Kriterien zu entscheiden, sondern das geeignetste Projekt zum Erhalt des Ortes auszuwählen", sagt Vizebürgermeister Grégoire. Zurzeit sichtet er die Gebote samt der Projektentwürfe, im Januar will er über den Zuschlag entscheiden.

Auch den möglichen Käufern darf es nicht allein ums Geld gehen. "Historische Immobilien sind Liebhaberobjekte, sie erfordern Leidenschaft, Geduld und Toleranz", sagt Riahi.

In der Tat: Als die Kaufinteressenten im Herbst die Chartreuse du Glandier besichtigten, entdeckten sie nicht nur den Charme des alten Gemäuers. Sondern auch wertmindernde Kuriositäten wie den Umstand, dass das Innere der ehemaligen Klosterkirche mit Schlafzimmern auf drei Etagen verbaut wurde; die Anlage diente bis vor Kurzem als Heim für Behinderte. Die Besucher erfuhren außerdem, dass es allein 130 000 Euro kostet, die frühere Kartause zu heizen. Und sie mussten feststellen, dass es dort keinen Handyempfang gibt. Idyll und Geschichte haben ihren Preis.

© SZ/sana
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