Deutsches KI-Genie Richard Socher Ein Forschertraum im Silicon Valley

Für seine Dissertation zog Richard Socher nach Stanford - dann blieb er in Kalifornien und gründete ein Unternehmen, weil man das hier "mit der Luft atmet". Heute, mit 35, ist er Chefwissenschaftler des Konzerns Salesforce.

(Foto: Eric Millette)

Der 35-jährige Richard Socher ist einer von wenigen deutschen KI-Experten im Silicon Valley. 2016 verkaufte der Stanford-Wissenschaftler sein KI-Start-up an das US-Unternehmen Salesforce. Heute leitet er deren Forschungsabteilung.

Von Malte Conradi

Für viele Wissenschaftler auf der ganzen Erde sind sie ein Traum: Die Bedingungen, unter denen an der Universität Stanford im Herzen des Silicon Valley geforscht wird. In fast allen Ranglisten für das Fach Informatik gilt die Uni als die beste des Globus. Der Dresdner Richard Socher, der zunächst in Leipzig und Saarbrücken studiert hatte, war auf dem besten Weg in dieses Forscherparadies.

Nach seiner Promotion in Stanford hatte er den Vertrag für eine Professur an einer anderen Spitzenuni schon unterschrieben. Es wäre ziemlich sicher eine große Uni-karriere geworden, allzu viele Talente wie Socher gibt es im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) schließlich nicht. KI, da sind sich die Fachleute einig, ist die Zukunft. Und Stanford ist so etwas wie ihr Epizentrum.

Aber dann glaubte Socher, damals gerade Anfang dreißig, etwas noch Besseres gefunden zu haben. Also sagte er der Uni an der Ostküste wieder ab. Das ist ihm bis heute so peinlich, dass er nicht sagen will, um welche Universität es damals ging. Socher gründete ein Start-up und lehrte nebenher in Stanford. Weil er sein eigener Herr sein wollte, seine Ideen in der Praxis ausprobieren wollte.

Und weil um ihn herum alle gründeten. "Bevor ich ins Valley kam, wusste ich nicht, dass Forschung und Industrie so verknüpft sind. Dann war ich hier, mittendrin, wo man das Gründen mit der Luft atmet." Socher erzählt von diesem Erweckungserlebnis heute noch begeistert, jungenhaft lachend. Sein Deutsch hat über die Jahre in Kalifornien einen amerikanischen Klang bekommen, aber das Sächsische seiner Heimat dringt noch durch.

Im selben Stanford-Büro wie die Google-Gründer

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Vielleicht wollte auch das Schicksal, dass Richard Socher die Uni verlässt: Das Büro, in dem er an seiner Dissertation arbeitete, trug die Nummer 221. "Irgendwann fiel mir auf, dass es dasselbe Büro war, in dem Larry Page und Sergey Brin gearbeitet hatten." Auch die beiden Google-Gründer hatten einst nach einigem Zögern ihre Unikarrieren aufgegeben, um in die Wirtschaft zu gehen. Und auch Google betreibt heute eines der führenden Forschungsinstitute für KI.

Und so ist Richard Socher heute, mit 35 Jahren, einer der angesehensten und interessantesten Forscher in Sachen KI - nicht an einer Universität, sondern bei einem Unternehmen. Natürlich wird es ein lukratives Angebot gewesen sein, als der Software-Konzern Salesforce 2016 Sochers Start-up übernahm und den Gründer als Chefwissenschaftler für künstliche Intelligenz einstellte. Doch Socher beteuert, es sei ihm nur um die Möglichkeiten als Forscher gegangen. Was Ausstattung und Mitarbeiter angehe, sei er bei Salesforce um ein Vielfaches besser gestellt als an einer der Top-Unis. "Ansonsten wäre der allergrößte Teil meiner Forschung an einer Universität identisch."

Auch die CSU lässt sich von Socher beraten

Es mögen ziemlich deutsche Bedenken sein, im Valley jedenfalls macht es kaum jemandem Sorgen, dass die Forschung zu einer Schlüsseltechnologie in großen Teilen in der Hand privater Konzerne liegt. Google, Amazon, IBM, Microsoft und Salesforce investieren mächtig in die künstliche Intelligenz. Die Auswirkungen, die es haben wird, wenn sie zum Durchbruch kommt, vergleichen Experten weniger mit dem letzten Technologiesprung, dem Umzug des Internets auf das Handy, als vielmehr mit der Erfindung des Internets an sich.

Socher kennt und versteht diese Sorgen, hält sie aber für unbegründet. "Es ist erst einmal nicht intuitiv, in der Tat. Aber wir alle in der Privatwirtschaft publizieren unsere Arbeiten genauso, wie es die Kollegen an den Unis tun. Das müssen wir schon deshalb tun, weil wir sonst die guten Leute nicht zu uns holen können." Forscher-Ehrgeiz, den gibt es eben auch in der sehr gut bezahlten Privatwirtschaft.

Und dann gibt es noch ein schlagendes Argument, warum die KI-Forschung so stark in großen Unternehmen betrieben wird, ob es einem nun gefällt oder nicht: Künstliche Intelligenz ist auf Daten angewiesen. Möglichst viele und möglichst sauber kategorisiert. Denn nur so kann die Software Muster erkennen und die richtigen Schlüsse ziehen. Und über genau solche Datensätze verfügen Unternehmen wie Google, Amazon oder auch Salesforce, das anderen Unternehmen eine Plattform bietet, von der aus sie ihre Kundenbeziehungen organisieren können.

Das wichtigste für eine KI: Eine gute Datensammlung

"Eine saubere Datensammlung ist die größte Hürde zur KI", sagt Socher. "Bei Salesforce haben wir so eine Sammlung." Und bald auch ein interessantes KI-Produkt: Der digitale Assistent Einstein, seit Längerem schon im schriftlichen Einsatz, versteht nun auch gesprochene Sprache. So sollen Unternehmen ihren Kunden mithilfe von Salesforce Gespräche mit Computern anbieten können, die von einem Gespräch mit einem Menschen nicht zu unterscheiden sind. Derzeit ist der Einstein Voice Assistent in der Pilotphase, noch in diesem Jahr soll er auf den Markt kommen.

Sollte Einstein sich durchsetzen, wäre das für Socher ein wichtiger Erfolg. Er hatte sich schon auf die Anwendung der KI auf Spracherkennung spezialisiert, als andere das noch für Spinnerei hielten. "Kaum jemand nahm das damals ernst", erzählt Socher, "an der Uni hieß es immer, das sei doch diese Sache, die in den Neunzigerjahren nicht funktioniert hat." Es funktionierte doch, und Socher gewann die Auszeichnung für die beste Dissertation des Jahres.

Spätestens damit war er im Valley ein begehrter Mann, inzwischen reist er zu Vorträgen und Konferenzen um die Welt. Und auch in seiner alten Heimat Deutschland spricht sich langsam herum, dass es da einen Landsmann in Kalifornien gibt, der sich mit der Zukunft auskennt. Gerade erst erklärte er der CSU auf ihrer Klausurtagung, was getan werden müsse, damit Deutschland den Anschluss behält und der Weg für Leute wie ihn nicht zwangsläufig nach Amerika führt.

Deutschland und KI? Zumindest "nicht hoffnungslos"

Vielleicht verbietet es ihm seine Freundlichkeit, deutlicher zu werden, wenn Socher sagt, Deutschland stehe in der KI zumindest "nicht hoffnungslos" da. "Es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt hat die Politik begriffen, dass das ein Thema ist, um das sie sich kümmern muss." Auf seiner Empfehlungsliste ganz oben: Das deutsche Bildungssystem müsse die Informatik entdecken. Und zwar möglichst als Pflichtfach, vielleicht anstelle einer zweiten Fremdsprache. Auch an den Unis müsse viel mehr in Richtung KI geforscht werden, "und vielleicht muss man auch besser bezahlen, um die guten Leute zu halten", sagt Socher.

Bleibt nur die Frage, auf die viele Menschen im Silicon Valley erstaunlich oft keine Antwort haben: Warum das alles? "Weil sich jede einzelne Industrie von Landwirtschaft bis zur Medizin in nur wenigen Jahren durch KI verändern wird", lautet Sochers Antwort. Und weil diese Veränderungen erst einmal Stress bedeuten. Manche Jobs werden sich wandeln, andere werden verschwinden. "Diesen Wandel müssen wir gestalten, gerade Deutschland ist darauf mit seinem ausgezeichneten Sozial- und Bildungssystem gut vorbereitet", meint Socher.

Kurzfristig, so sagt er, mache er sich Sorgen um die Menschen, deren Jobs wegfallen. Langfristig verspricht er sich von der KI, dass sie die Menschheit von einfachen, eintönigen Arbeiten befreien wird. "Jahrhundertelang arbeiteten die meisten Menschen in der Landwirtschaft. Die Automatisierung machte das überflüssig - und wer wünscht sich denn heute noch, er dürfte auf dem Feld arbeiten?"

Und wenn die Menschen vom Autofahren, vom Kassieren und vom Beantworten von Kundenfragen befreit sind, was machen sie dann? Dafür findet Socher, typisch Silicon Valley, die ganz großen Worte: "Sie werden kreativere Beschäftigungen finden. Was immer das sein wird, es wird uns zeigen, was es heißt, menschlich zu sein."

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