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Künstliche Intelligenz:Durchs Schaufenster betrachtet

Ein digitales Assistenzsystem zeigt einer SAP-Messe-Besucherin in Orlando, welches Outfit ihr stehen könnte.

Bildschirme erkennen, wie Kunden reagieren, Autos fahren mit digitalen Assistenzprogrammen - künstliche Intelligenz ist längst Alltag, sagt SAP-Vorstand Bernd Leukert.

Von Helmut Martin-Jung

Na, wie wär's zum Beispiel damit?" Der Mann vor dem Schaufenster sieht sich seinen digitalen Zwilling an, der ein neues Outfit trägt. Und verzieht das Gesicht. Sofort reagiert das Abbild und führt etwas anderes vor, etwas Legereres. Schon besser. Und irgendwann betritt der Mann vielleicht das Geschäft und kauft den Pulli oder die Hose, die ihm so gut gestanden haben. Toller Service, noch gibt es ihn allerdings nur als Technikdemonstration. Immerhin, auf der Hausmesse des IT-Konzerns SAP in Orlando, wo sie vor Kurzem zu sehen war, erregte sie großes Interesse.

Bernd Leukert, der im SAP-Vorstand die Produkte des Unternehmens verantwortet, wählt im Gespräch dieses Beispiel des digital aufgemotzten Schaufensters, um zu zeigen, was eine Technik leisten kann, von der zwar viele schon mal ein paar Schlagwörter gehört haben. Doch was sich dahinter wirklich verbirgt, ist den meisten dann doch eher ein Rätsel. Künstliche Intelligenz (KI), Machine Learning, Echtzeit-Datenbanken, Cloud - ist das nicht das Teufelszeug, das Roboter so schlau macht, dass die irgendwann einfach so gut wie alle Jobs übernehmen können? Und vielleicht sogar uns überflüssig macht? Uns Menschen. Zumindest als Arbeitskräfte.

Leukert hält wenig von den dystopischen Szenarien, wie sie in Hollywood-Filmen gerne gezeichnet werden. Da übernehmen die Maschinen die Macht, wollen plötzlich die Geißel des Planeten, den Menschen, beseitigen. Der Übergang zu einer von KI gestalteten Welt werde sich nicht wie bei einem Lichtschalter vollziehen, erst aus, dann an. Sondern schrittweise. "Das wird kontinuierlich in den Alltag integriert werden", sagt er. Eine Entwicklung, die im Übrigen längst begonnen habe. "Alle reden ja immer vom autonomen Fahren", auch so ein Bereich, in dem künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen unverzichtbar sind. "Aber keiner merkt, dass es ja schon längst mehr und mehr digitale Assistenten gibt." Die zum Beispiel selbständig einparkten oder bei Gefahr bremsten.

Digitale Assistenten aber können noch viel mehr. Wenn erst einmal alle Daten eines Unternehmens zusammenfließen und zwar in Echtzeit, dann also, wenn sie anfallen, können daraus auch zu jedem Zeitpunkt Schlüsse gezogen werden. Leukert: "Wenn eine Firma überraschend einen neuen Auftrag rein bekommt, den sie besonders schnell abarbeiten soll, kann die KI aufgrund der Daten Szenarien liefern, was passiert, wenn etwas verschoben wird."

Schon jetzt laufen gut drei Viertel aller Transaktionsumsätze weltweit irgendwann durch ein SAP-System. In der neuen Welt der Daten und ihrer Verarbeitung in Echtzeit will SAP aber nicht mehr bloß das System im Hintergrund sein, das zuverlässig vor sich hin tickt, von Zeit zu Zeit Ergebnisse ausspuckt und sich ansonsten möglichst unauffällig verhält.

Das Software-Unternehmen mit Hauptsitz in der badischen Provinz ist ganz im Gegenteil auf dem Weg, sich zu einem digitalen Assistenten zu wandeln. Einem Helfer, der einem die langweiligen Routinejobs abnimmt. Einem System, das Hilfe gibt bei Entscheidungen, das sich von selbst meldet, wenn ihm etwas merkwürdig oder wenigstens beachtenswert vorkommt. Und das sich damit verändert von einem Begleiter, von einem Anbieter für unterstützende Aufgaben wie Mitarbeiterverwaltung, zu einem Partner, der Zugriff auf die Kerndaten eines Unternehmens bekommen will. "Wir wollen stärker in die Kern-Wertschöpfungsprozesse", sagt Leukert, "aber wir wollen nicht selbst das Geschäft übernehmen."

Es wird also keine SAP-Eisenbahnen geben, wohl aber solche, bei denen SAP mitfährt. Die italienische Staatsbahn etwa lässt Dinge wie Klimaanlagen und Antriebsaggregate von Sensoren überwachen und mithilfe von SAP live checken. Treten Unregelmäßigkeiten auf, verdächtige Vibrationen etwa, bemerken das die Sensoren lange bevor Menschen es spüren können. Und die Software, die genau weiß, wie Maschinen normalerweise vibrieren, kann Alarm schlagen.

Dinge wie diese, glaubt Leukert, werden nicht bloß das normale Geschäft verbessern, indem Maschinen früher gewartet und so vor zeit- und kostenintensiven Ausfällen bewahrt werden. Sie werden auch neue Geschäftsmodelle möglich machen. Leukert: "Ein Anbieter von Kompressoren verkauft keine Maschinen mehr, er vermietet sie auch nicht. Er verkauft komprimierte Luft." Die Kunden, etwa ein Autohersteller, müssen sich nicht mehr um die Maschinen kümmern, das macht der Anbieter. Und er muss nur das bezahlen, was er auch verbraucht hat. "Das ist im Moment noch am Anfang", sagt Leukert, "aber das kommt."

Anwender sollen ein digitales Werkzeug bekommen, keine Werkzeugmaschine

Auch das Geschäft von SAP selbst verändert sich damit. Man kann dort noch immer Software-Lizenzen kaufen und diese in den eigenen Rechenzentren laufen lassen. Aber eigentlich verlangen die modernen Zeiten andere Lösungen. Die Welt ändert sich heute zu schnell, als dass man Software jahrelang unverändert betreiben könnte. Bezieht man dieselbe Leistung dagegen aus der Cloud, muss man sich nicht mehr selbst um Updates und Absicherung kümmern.

Heißt also: Anstatt die Software selber zu installieren, ruft man sie über das Internet aus Rechenzentren ab. "In der Cloud betreibt der Hersteller das System", sagt Leukert. Dort würden ständig inkrementelle Änderungen vorgenommen, also kleinere Anpassungen, Fehlerkorrekturen, Modernisierungen. Und damit komme es nicht zum gefürchteten Big Bang. Der dann eintritt, wenn in einem Unternehmen nach Jahren des Stillstandes auf einen Schlag eine neue Software-Version eingeführt wird und plötzlich vieles ganz anders ist.

So radikal, wie ihre Kunden sich verändern müssen, so umfassend muss sich auch ihr Dienstleister verändern. SAP auf einem Microsoft-Azure-Server? Geht. Open-Source-Software? Na klar. "Wir müssen bei der Entwicklung von Technologien offener werden", sagt Leukert. Auch mit Google arbeitet man deshalb zusammen in Sachen Algorithmen. Über Algorithmen - die mathematischen Arbeitsanweisungen für Computer etwa zur Analyse von Daten - könne man sich nicht vom Wettbewerb differenzieren, sagt Leukert. Die Aufgabe von SAP sieht er vielmehr darin, sie in die Prozesse der Kunden zu integrieren. Mit anderen Worten: SAP-Anwender sollen das digitale Werkzeug bekommen, mit dem sie ihren Job machen können, nicht eine Werkzeugmaschine, die sie erst einmal verstehen und benutzen lernen müssen.

Auch was die Hardware angeht, ist Höchstleistung gefragt. SAP hat dazu vor Kurzem eine Partnerschaft mit Nvidia geschlossen. Deren eigentlich zur Berechnung von Grafikinhalten gedachten Chips eignen sich hervorragend für KI-Anwendungen. Auch Nvidias Entwicklung neuer Technologien für einen Speicher, der nicht beim Ausschalten der Stromversorgung alles wieder vergisst, beobachtet man bei SAP sehr genau.

Aber sind das alles nicht nur Fantasien und Luftschlösser? Während in Wirklichkeit die erfolgreichen Mittelständler glauben, sie könnten so weitermachen wie bisher? "Immer mehr Mittelständler sehen ein, dass sie ihr gut laufendes Geschäft damit noch ausbauen können, ohne dass sie dafür zu sehr ins Risiko gehen müssen." Beim industriellen Internet sieht Leukert daher Europa auf einem sehr guten Weg. Viele Pilotprojekte würden jetzt gerade in die richtige Produktion übernommen, sagt er, "man kann sich das anschauen."

© SZ vom 14.06.2017
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