Künstliche Diamanten Milliardengeschäft mit falschen Steinen

Juweliere wie hier in Tokio müssen noch genauer hinschauen. Künstliche Diamanten sind kaum noch von natürlichen zu unterscheiden.

(Foto: Akio Kon/Bloomberg)
  • Künstliche Diamanten sind von echten kaum noch zu unterscheiden. Umweltschäden und Berichte über Blutdiamanten haben dem Image der Originale geschadet.
  • Deshalb kaufen immer mehr Menschen lieber die Laborsteine als die natürlichen.
  • Das bedroht aber das Geschäft der Juweliere - und den Status von Diamanten als sicherer Geldanlage.
Von Claus Hulverscheidt, New York

Der vielleicht aufregendste Tag seines Lebens begann für Jerry Singh mit einer Fälschung. Schon lange hatte der 30-Jährige mit dem Gedanken gespielt, seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Doch jetzt, als es so weit war, schlotterten ihm die Knie. Nicht nur, dass er sich nicht hundertprozentig sicher sein konnte, was seine Traumfrau antworten würde. Er hatte sich zudem für einen Ring mit einem künstlichen Diamanten entschieden - und wer das Gewese kennt, das in den USA um Größe, Aussehen und Preis der Verlobungsgabe gemacht wird, der ahnt, wie hoch sein Pulsschlag gewesen sein muss. Doch Singh hatte richtig gewählt, denn er wusste, dass seine Freundin "Blut-Diamanten" aus ethischen Gründen ablehnt. "Sie war von dem Ring begeistert ", erzählte er der Washington Post. Und ja sagte die junge Dame auch.

Das angehende Ehepaar aus New York steht für einen Trend, der unter jungen Amerikanern zunehmend um sich greift. Künstlich hergestellte Diamanten sehen ihren natürlich entstandenen Gegenstücken nicht nur immer ähnlicher, sie sind im Schnitt auch 20 Prozent billiger und gelten als umweltfreundlicher. Vor allem aber besteht keine Gefahr, dass bei der Herstellung Menschenrechte verletzt oder Kriegskassen von Diktatoren gefüllt wurden.

Noch ist die Fabrikware ein Nischenprodukt im weltweit 14 Milliarden Dollar umfassenden Rohdiamantengeschäft. Die US-Bank Morgan Stanley rechnet aber damit, dass sich der Marktanteil von gut einem Prozent im vergangenen Jahr bis 2020 vervielfachen wird - auf 7,5 Prozent bei großen und gar 15 Prozent bei Kleindiamanten. Die Entwicklung verläuft so schnell, dass die etablierten Schmuckhändler aufgeschreckt sind: "Es herrscht eine gewisse Panik" erklärt Tiffany Stevens, Präsidentin des US-Komitees zur Überwachung der Reinheit von Juwelierwaren (JVC).

Dabei machen den Händlern nicht nur die neue Konkurrenz und die Gefahr zu schaffen, künstliche Diamanten als echt untergeschoben zu bekommen. Sie müssen zudem feststellen, dass die Begeisterung für Schmuck und Edelsteine in vielen Ländern ganz generell nachgelassen hat. Vor allem junge Menschen geben ihr Geld oft lieber für Elektronik oder Reisen aus. Inflationsbereinigt sind die Preise für Spitzen-Diamanten in den vergangenen 30 Jahren bereits um 80 Prozent gefallen.

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Jahrhundertelang waren Diamanten Statussymbol und Geldanlage

Natürliche Diamanten waren über Jahrhunderte zugleich unanfechtbares Statussymbol wie unverwüstliche Geldanlage. Der Wert der Steine resultierte dabei nicht nur aus ihrem betörenden Funkeln, sondern auch aus ihrer Seltenheit, den ungewöhnlichen Umständen ihrer Entstehung und dem Aufwand, den man betreiben muss, um sie der Natur abzutrotzen. Rohdiamanten bilden sich, wenn reiner Kohlenstoff über Millionen von Jahren Hunderte Kilometer unter der Erdoberfläche bei extremer Hitze und unter hohem Druck zusammengepresst wird. Dass sie heute in Tiefen liegen, in denen man sie schürfen kann, verdankt der Mensch Erdbeben und vulkanischen Aktivitäten.

Fabrikdiamanten werden dagegen im Labor gewonnen, indem man in einer Hitze- und Druckkammer Mikrowellenstrahlen, Methan und andere Gase auf einen fingernageldicken echten oder künstlichen Rohdiamanten "herabregnen" lässt. Die so entstehenden Kohlenstoffschichten lassen den Diamanten bis auf die gewünschte Größe wachsen. In der Vergangenheit waren die Kunst-Edelsteine meist von einem milchig-gelben Schleier durchzogen und wurden vor allem als Schneidwerkzeuge in der Industrie eingesetzt. Seit einigen Jahren jedoch lassen sie sich so rein und farblos herstellen, dass sie selbst für große Brillantringe ohne Einschränkung taugen.

Unterschiede zum Original sind mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen

Chemisch und strukturell gesehen sind natürliche und künstliche Diamanten weitgehend identisch. In einigen kleinen Details unterscheiden sie sich jedoch, wie Emily Chin, Assistenzprofessorin am Institut für Ozeanografie der Universität von Kalifornien, erläutert. Das gelte etwa für Verunreinigungen mit Stickstoff, die es in beiden Fällen gibt, deren Ausprägung aber nicht identisch sei. "Die Unterschiede sind jedoch mikroskopisch klein und mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen", so Chin.

Außer mit dem Preis werben die Hersteller von Labor-Diamanten vor allem mit der vermeintlich besseren Öko- und Menschenrechtsbilanz. Das erscheint einfach, da herkömmliche Edelsteine oft aus politisch instabilen Ländern wie Angola oder der Demokratischen Republik Kongo kommen, in denen auf die Rechte, die Gesundheit, manchmal gar das Leben der Minenarbeiter kaum Rücksicht genommen wird. Die Umweltzerstörungen, die die Branche anrichtet, sind so gewaltig, dass sie sogar vom Weltraum aus sichtbar sind.

Und doch ist das so eine Sache mit der Umweltfreundlichkeit von künstlichen Diamanten: "Auch die synthetische Gewinnung erfordert viel, manchmal sogar sehr viel Energie und hinterlässt Müll", sagt Edelsteinexpertin Chin. Der Begriff Öko-Diamanten ist deshalb nur gerechtfertigt, wenn die entsprechenden Labore auf regenerative Energiequellen setzen. Und auch den teils unterdrückten Arbeitern in Afrika ist nicht - oder jedenfalls nicht in ausreichendem Maße - geholfen, wenn man ihnen eine der ganz wenigen Einnahmequellen in ihren Regionen einfach wegnimmt.

Ob künstliche Diamanten eine gute Geldanlage sind, ist fraglich

Allerdings: Der Vorrat an natürlichen Diamanten geht weltweit zurück. Die Industrie muss an immer unzugänglicheren Stellen schürfen, in der Arktis etwa oder im Meeresboden. Das verschlechtert die Öko-Bilanz weiter, erhöht die Kosten - und stärkt die Stellung der Kunst-Steine. "Labor-Diamanten sind bereits dabei, einen Teil der Lücke zu füllen", so Chin.

Ob sich Kunstdiamanten wie ihre natürlichen Ebenbilder auch zur Geldanlage eignen, ist indes höchst fraglich. Einige Experten warnen gar, dass ein Ring mit Labor-Edelsteinen, der heute einige Tausend Dollar kostet, in zehn Jahren kaum noch etwas wert sein könnte, weil sich die Herstellung künstlicher Diamanten weiter deutlich verbilligen dürfte. Es erginge dem Ring dann wie den ersten Flachbildfernsehern, die nach der Erfindung besserer, billigerer Geräte plötzlich unverkäuflich waren.

Fragt man Fachfrau Chin nach ihrer persönlichen Vorliebe, ist die Antwort im Übrigen eindeutig. "Es hat schon etwas sehr Besonderes zu wissen, dass der Diamant, den du trägst, Milliarden Jahre alt ist und einen sehr gewundenen Weg hinter sich hat", sagt sie. Ihr heutiger Mann ahnte das wohl und bereitete sich entsprechend gewissenhaft auf den Heiratsantrag vor: mit einem echten Diamant-Ring.

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