Kühne + Nagel:126 Schränke, 32 Uhren, zwei Kinderwägen

Die Spedition Kühne + Nagel hat im Dritten Reich Habseligkeiten von Juden, die deportiert wurden oder geflohen sind, aus Frankreich und Benelux nach Deutschland transportiert.

Von Christian Stücken und Charlotte Theile, Zürich

Die Schlagzeilen für Kühne + Nagel könnten eigentlich kaum besser sein: "Kühne + Nagel zahlt hohe Dividende." Oder "Kühne + Nagel schwimmt im Geld."

Mit 63 000 Mitarbeitern in mehr als 100 Ländern zählt das Logistikunternehmen zu den größten der Welt, in diesem Jahr feiert es Jubiläum. 1890 wurde die Spedition von August Kühne und Friedrich Nagel in Bremen gegründet, heute sitzt das Unternehmen im steuergünstigen Schweizer Kanton Schwyz. Doch die festliche Stimmung wird dem 125 Jahre alten Konzern in diesen Tagen leicht verloren gehen. Denn die Geschichte des Unternehmens gibt, wie ein Film des Bayerischen Rundfunks zeigt, der am Mittwochabend um 21 Uhr ausgestrahlt wurde, nicht nur Anlass zum Feiern.

Dem Beitrag des Politik-Magazins Kontrovers zufolge profitierte Kühne und Nagel unter der Führung von Alfred Kühne, dem Vater des heutigen Haupteigentümers Klaus-Michael Kühne, und seines Bruders Werner indirekt von Enteignungen der Nazis: Habseligkeiten von deportierten Juden aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg werden von der Spedition nach Deutschland transportiert. Kühne + Nagel war damit an der sogenannten M-Aktion beteiligt, wie Dokumente zeigen. M steht für Möbel.

1942 begannen die Nazis unter diesem Decknamen die Plünderung jüdischer Wohnungen in Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden. Etwa 70 000 Wohnungen deportierter und geflohener Juden waren betroffen. Mit den beschlagnahmten Möbeln sollten deutsche Behörden im Osten ausgestattet werden. Tatsächlich waren es besonders ausgebombte Familien in Deutschland, die von den Lieferungen profitierten.

Allein in Paris sollen von den Nazis fast 40 000 Wohnungen durchsucht worden sein. Kunst und Gemälde wurden gesondert erfasst. In Deutschland wurden die Gegenstände versteigert, viele deutsche Familien konnten sich zu Schnäppchenpreisen mit Möbeln versorgen. Diverse Unternehmen, darunter Speditionen und Lagerhäuser, beteiligten sich an dem Geschäft.

"Wenn man diese Listen durchgeht, muss man häufig schlucken", sagt ein Historiker

Eine Liste etwa zeigt, was genau die Spedition Kühne + Nagel auf einem der Schiffe nach Deutschland transportierte: 126 Schränke, 32 Uhren, zwei Kinderwagen. Der Historiker Johannes Beermann forscht im Rahmen seiner Doktorarbeit über die deutschen Transportunternehmen während der NS-Zeit. Er sagt: "Wenn man diese Listen durchgeht, muss man häufig schlucken." Die Kinderwägen erinnern ihn daran, "dass die NS auch jüdische Kinder deportiert und ermordet" habe.

Kühne + Nagel mag sich zu diesem Teil der Firmengeschichte nicht im Detail äußern. Das Firmenarchiv sei 1944 abgebrannt, man habe keine Unterlagen dazu, erklärte das Unternehmen gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Dass die Spedition an Möbeltransporten beteiligt gewesen ist, sei zwar "unbestritten". Unklar sei jedoch "wer die Spedition Kühne + Nagel beauftragt hatte, in welchem Zusammenhang sie erfolgten und ob die Durchführung wissentlich und willentlich geschah".

Wurde Kühne + Nagel also möglicherweise von den Nazis gezwungen, die Transporte der Möbel und Habseligkeiten aus jüdischem Besitz durchzuführen?

Jaromír Balcar, Historiker am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, bezweifelt dies in dem Fernsehbeitrag: "Es gibt eher Hinweise darauf, dass auch dieses Geschäft so lukrativ war, dass man versucht hat, die Konkurrenz nach Möglichkeit davon auszuschließen, um es eben selber abzuwickeln."

Ein Schreiben aus dem Jahr 1942 legt dies nahe. Darin weist ein Mitarbeiter einer Dienststelle darauf hin, dass für den Abtransport der Liftvans, also der Container, "weitestgehend die Transportfirma Kühne und Nagel, einzuschalten ist".

Hatte Kühne + Nagel also eine Art Monopol für die Transporte? Für Historiker Jaromír Balcar liegt dieser Schluss nahe. Er sagt: "Monopol heißt, dass Kühne + Nagel, so weit bekannt, die einzige Spedition war, die diese Möbelaktion durchgeführt hat."

Augenzeugen in den Niederlanden erinnern sich noch heute, wie die Transport- Schiffe mit der Flagge von Kühne + Nagel im Hafen lagen und sich dann, beladen mit Möbeln, auf den Weg nach Deutschland machten. Ein profitables Geschäft.

Die Recherchen des Politikmagazins Kontrovers haben auch die Entnazifizierungsakten von Alfred und Werner Kühne im Bremer Staatsarchiv zutage gefördert. Die Brüder Kühne mussten sich nach dem Krieg überprüfen lassen, ob sie mit den Nationalsozialisten zusammen gearbeitet haben. Über die Möbel-Transporte ist dort nichts zu finden. Dafür sind persönliche Lebensdaten und die wirtschaftliche Entwicklung dokumentiert.

Nach 1933, als die Nazis die Macht ergriffen, brummte demnach das Geschäft der Spedition. Allein Alfred Kühne verdient mehr als 175 000 Reichsmark. 1942, als die "M-Aktion", die Möbel-Aktion anläuft, erreicht er seinen Spitzenverdienst: Mehr als 270 000 Reichsmark. Bettina Schleier vom Bremer Staatsarchiv meint dazu: "Das sind schon enorme Summen. Heute wäre er Einkommens-Millionär."

Es sei nicht bekannt, sagt das Unternehmen, dass man sich mit den Machthabern arrangiert habe

Weiter heißt es in der Entnazifizierungsakte vom 22. Dezember 1946: Alfred Kühne sei es zu verdanken, dass die Spedition, ein "nationalsozialistischer Musterbetrieb", 1937 mit dem Gaudiplom ausgezeichnet wurde. Er sei nicht nur seit 1933 Mitglied der NSDAP gewesen, sondern er sei auch "an die Angestellten des Betriebs mit der Anforderung, in die Partei einzutreten, herangetreten". Mitarbeiter geben nach dem Krieg an, die Kühnes seien "große Nazis" gewesen.

Die Firma von Klaus-Michael Kühne erklärt dazu: "Es ist nicht bekannt, dass sich die Kühne-Brüder mit den Machthabern arrangiert haben. Es gab unseres Wissens nach keine engeren Beziehungen."

Klaus-Michael Kühne ist heute 78 Jahre alt. Der Sohn von Alfred Kühne wird längst mit anderen, erfreulicheren Themen in Verbindung gebracht: Er gilt als Retter der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, deren Miteigentümer er vor einigen Jahren wurde. Er unterstützt den Hamburger Sportverein (HSV), gewährt Kredite, die explizit an die Verträge mit bestimmten Spielern gebunden sind. Acht Millionen Euro stellte er 2012 für die Verpflichtung des Niederländers Rafael van der Vaart zur Verfügung.

Doch auch in der Schweiz macht Kühne, der Journalisten gern in der Zentrale von Kühne + Nagel in "Schindellegi, hoch über dem Zürichsee" empfängt, von sich reden. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte er im November 2014, warum der Wirtschaftsstandort Schweiz auf dem absteigenden Ast sei: "Die Schweizer lassen sich von der Neidkultur in Deutschland zunehmend anstecken." Obwohl Kühne offiziell die Verantwortung für das Unternehmen abgegeben hat, mischt er als Ehrenpräsident des Verwaltungsrats und Großaktionär immer noch kräftig mit.

In einer Pressemitteilung beklagt das Unternehmen sich: "Ein Teil der Medien in Deutschland nimmt das Firmenjubiläum zum Anlass, Kühne + Nagels Rolle in der Zeit von 1933 bis 1945 zu beleuchten." Man bedauere, Tätigkeiten im Auftrag der Nationalsozialisten ausgeführt zu haben. Zugleich betont das Unternehmen die "seinerzeitigen Verhältnisse in der Diktatur" als "schwere und dunkle Zeiten", in denen Kühne + Nagel "unter Aufbietung aller seiner Kräfte" die eigene Existenz behauptet habe.

Zu einer anderen Frage möchte sich das Unternehmen dagegen nicht im Detail äußern: In der Entnazifizierungsakte von Alfred Kühne liegt ein Schreiben des amerikanischen Geheimdiensts. Die Amerikaner setzen sich dafür ein, dass Kühne die Spedition wieder betreiben kann.

Für den Journalisten und Geheimdienstexperten Erich Schmidt-Eenboom ist dies ein Beleg dafür, dass Kühne + Nagel in den 1950er-Jahren möglicherweise auch als Tarnfirma der Organisation Gehlen, einem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, fungierte. Für das Unternehmen aus dem Kanton Schwyz ist das "eine abwegige Unterstellung".

Der Film des Politikmagazins "Kontrovers" ist online unter br.de/kontrovers abrufbar.

© SZ vom 16.04.2015
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