Süddeutsche Zeitung

Kritik an Videospiel:Foltern mit GTA V

Lesezeit: 3 min

Wer GTA V spielen will, muss sich darauf einstellen, einen Menschen zu foltern. In einer Passage, die knapp zehn Minuten dauert, wählt der Spieler aus: Waterboarding oder Zange. Menschenrechtsorganisationen sind entsetzt.

Von Hakan Tanriverdi

Die aktuellste Pressemitteilung, die Take 2 Interactive anlässlich ihres Knaller- und Ballerspiels GTA V herausgegeben hat, lautet: "Mehr als eine Milliarde US-Dollar umgesetzt in den ersten drei Tagen". Für Take 2 ist GTA V eine spielgewordene Geldmaschine. Für Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder "Freedom from Torture" (Freiheit davor, gefoltert zu werden) hingegen ist das Spiel eine Verharmlosung von Folter.

Keith Best, Chef von Freedom from Torture, sagte dem Guardian: "Rockstar North hat tatsächlich eine Grenze überschritten, weil sie Menschen dazu zwingen, in die Rolle eines Folterers zu schlüpfen und unaussprechliche Taten auszuführen, wenn sie in dem Spiel weiterkommen wollen." Rockstar North gehört zu Take 2.

An einer Stelle des Spiels wird ein neuer Charakter eingeführt, er heißt Trevor. In der auf Games spezialisierten Seite Polygon wird er beschrieben als Soziopath, der es liebe, Menschen umzubringen. Beim Bayerischen Rundfunk heißt es, Trevor sei ein "richtiges Arschloch", das Menschen aus Spaß ins Gesicht schieße, weil sie ihn dumm angeschaut hätten.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, warum GTA V erst für Menschen ab 18 Jahren freigegeben ist.

(Warnung für Leser, die GTA V noch spielen wollen. In den folgenden Absätzen werden Teile der Handlung erklärt.)

Dieser Trevor arbeitet für den Geheimdienst FIB (eine offene Anspielung auf das real existierende FBI). Das FIB will einen Menschen umbringen, dafür hat es einen Scharfschützen engagiert, der durch ein Fernrohr "Aserbaidschaner" ins Visier nimmt. Das FIB weiß nicht, wer genau der zu tötende Mensch ist. Hier kommt Trevor ins Spiel. Er ist in einer Lagerhalle, neben ihm ein an den Stuhl gefesselter Mensch, der vor Angst winselt. Anschließend wird der Spieler aufgefordert: "Um das Ziel zu finden, foltere Mr. K." Die Szene, die jeder spielen muss, wenn er weiterkommen will, ist dutzendfach auf YouTube geladen und vorgespielt worden.

Erschossen wird ein Linkshänder

Zur Wahl stehen mehrere Instrumente: Zangen, Metallrohre, Elektroschocker und Waterboarding, eine Methode, bei der das Opfer das Gefühl hat, zu ertrinken. Der Gefolterte wird in Großaufnahme beim Jammern gezeigt: "Das darf doch nicht legal sein" und "Ich habe Angst vor dem Ertrinken", schreit es. Trevor entscheidet sich in einem der Videos zuerst für das Waterboarding. Man hört, wie das Opfer Wasser spuckt und röchelt, der Spieler wird aufgefordert, weiter fleißig Wasser auf den Gefesselten zu schütten. Als es vorbei ist, sagt ein FIB-Agent, der neben Trevor ist und im Telefonkontakt zu dem Scharfschützen steht: "Als ob es nie passiert ist."

Die Informationen, die der gefolterte Mann gibt, stimmen nicht, also kommt das nächste Folterinstrument zum Einsatz. Dieses Mal Elektroschocks. Der Spieler zertrümmert in Form von Trevor dem Opfer anschließend noch seine Knieschieben. Und so weiter, und so fort. Die ganze Passage dauert zehn Minuten. Am Ende wird ein Mensch erschossen, weil er einen Bart trägt, Zigaretten raucht und Linkshänder ist. Mission erfüllt.

Angeregt als Kritik an der Folterpraxis in Guantanamo

Die gesamte Passage hat viele Diskussionen ausgelöst. In dem Artikel des Bayerischen Rundfunks schreibt Autor Franz Liebl, Fachmann der Spiele-Abteilung, dass er den Controller anschließend weggelegt habe, weil ihm schlecht wurde. Das ist exakt an der Stelle, an der die Spielemacher mit der Moral kommen und erklären, was sie mit der Szene eigentlich aussagen wollten.

Trevor setzt das humpelnde Opfer in sein Auto, fährt es zum Flughafen und hält dabei einen Monolog. "Die Medien und die Regierung wollen, dass wir daran glauben, dass Folter notwendig ist und wir die Infos, die wir damit gewinnen können, auch brauchen." Anschließend sagt er zu seinem Opfer: "Lass uns kurz rekapitulieren, was wir durch dich gelernt haben." Das Opfer sagt: "Ich hätte auch alles gesagt", woraufhin Trevor antwortet: "Eben. Folter ist nur für den, der foltert. Nur für ihn ist es eine gute Zeit. Es ist nutzlos als Mittel der Informationsbeschaffung."

In GTA V muss der Spieler also foltern, um herauszufinden, dass Folter nutzlos ist.

Folterszenen an sich sind nicht neu, weder im Spiel noch im Kino. Erst 2012 erschien der Film "Zero Dark Thirty", in dem die Folterpraxis des Gefangenenlagers Guantanamo Bay en Detail gezeigt wird. Im Bereich der Spiele gibt es eine Erweiterung von "World of Warcraft" (WoW) mit dem Namen "Wrath of the Lich King". In diesem Spiel muss eine Figur so lange gefoltert werden, bis sie eine wichtige Info preisgibt. Das war 2008.

In Reaktion auf dieses Spiel schrieb Richard Bartle, Professor für Computerspieldesign: "Ich habe kein Problem mit Folter in einem MMO (Onlinespiel, an den Massen von Menschen teilnehmen können, Anm. d. Redaktion) - ein Entwickler kann das nutzen, um den Spielern interessante Sachen zu sagen." Das geschehe im Fall von WoW nicht. "Das heißt, entweder die Entwickler können nichts Schlechtes an Folter erkennen oder aber sie sind tatsächlich dafür." Beide Fälle seien unzufriedenstellend.

GTA V versucht genau das, mit der moralischen Autofahrt am Ende. Aber die Art, wie das passiert, erscheint vielen immer noch zu lapidar. Die Spieler zehn Minuten zu zwingen, einen Menschen halbtot zu foltern, um das Thema in einer kurzen Autofahrt zu streifen, das ist für viele zu wenig.

Für Menschenrechtsorganisationen ist es eine Beleidigung ihrer Arbeit.

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