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Kritik an Deutschlands Export-Überschüssen:Jedem Überschuss muss ein Defizit gegenüberstehen

Problematischer wird es, wenn wie in China Exporterfolge etwa durch Wechselkursmanipulationen erkauft werden, oder wenn Überschüsse und Defizite dauerhaft bestimmte Größenordnungen überschreiten.

Die EU etwa hat eine Obergrenze von sechs Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung festgelegt. Wer über längere Zeit Fehlbeträge auf diesem Niveau ansammelt, der bekommt irgendwann ein Schuldenproblem. Merkels Rezept für diese Länder lautet deshalb: niedrigere Arbeitskosten = steigende Wettbewerbskraft = höhere Exporte. Aus dem Außenhandelsdefizit wird so am Ende ein Überschuss.

Das Konzept hat allerdings gleich zwei Pferdefüße: Erstens funktioniert es schon rein mathematisch nicht, denn weltwirtschaftlich gesehen muss ja jedem Überschuss ein Defizit gegenüberstehen. Eine Welt, in der alle Staaten gleichzeitig mehr ex- als importieren, kann es also nicht geben. Im Gegenteil: Wenn Länder, die heute hohe Fehlbeträge im Außenhandel aufweisen, diese in Überschüsse verwandeln, dann geht das nur, wenn die heutigen Überschussländer ihren Saldo reduzieren.

Wer Waren exportiert, exportiert die Verschuldung mit

Und zweitens: Wer wie Deutschland in großem Stil Waren exportiert, exportiert die Verschuldung immer mit. Es ist in Teilen die gleiche Verschuldung, die Merkel an anderer Stelle mit milliardenschweren Rettungspaketen etwa für Griechenland und Spanien einzudämmen versucht. Was nämlich passiert, wenn ein spanischer Kunde beim Exportweltmeister einen Mercedes ordert, dafür bei seiner Bank einen Kredit aufnimmt, diesen nicht tilgen kann und damit das Geldhaus in Schieflage bringt? Es würde passieren, dass der deutsche und die übrigen EU-Steuerzahler die Bank stützen müssen - und so den Mercedes bezahlen.

Ginge es nach dem Lehrbuch, könnte es zu dem Karussellgeschäft gar nicht kommen. In der Theorie nämlich erhielte der spanische Mercedes-Fan den Kredit mangels Bonität gar nicht. "Spätestens seit der Euro-Krise wissen wir allerdings, dass die Finanzmärkte meist alles andere als effizient sind", sagt Sebastian Dullien von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft.

Er sieht deshalb Überschussländer wie Deutschland in der Pflicht, die "zu wenig im Inland investieren oder zu viel sparen". Sie müssten zum Beispiel deutlich mehr für Straßen, Schienen und Bildungseinrichtungen ausgeben. "Das würde zum einen direkt die Importnachfrage nach Vorprodukten erhöhen, zum anderen Einkommen bei Bauarbeitern schaffen, die dann wiederum mehr Produkte aus dem Ausland kaufen oder sich einmal einen Urlaub auf Mallorca gönnen", so Dullien.

Ein Vorschlag, dem Ökonomenkollege Fuest umgehend widerspricht: Selbst wenn der Staat die gewaltige Summe von 25 Milliarden Euro für Investitionen in die Hand nähme, so rechnet er vor, entspräche dies gerade einmal einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts - oder einem Siebtel des Außenhandelsüberschusses.

Vielleicht würde es die Debatte schon entkrampfen, wenn sich Kritiker wie Verteidiger des deutschen Wirtschaftsmodells zunächst auf eine neue Terminologie einigen würden. Anstatt die Deutschen mit Kritik an ihrem "Exportüberschuss" in den Widerstand zu treiben, schrieb jüngst ein kluger Kommentator der Wochenzeitung Die Zeit, "sollten wir künftig einfach von einem Importdefizit sprechen".

© SZ vom 13.11.2013/schä
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