Süddeutsche Zeitung

Krise in Griechenland:Drei Szenarien für den Ausgang der Krise

  • Die Finanzmärkte waren am Montagmorgen zwar geschockt - im Tagesverlauf machten sie einen Großteil ihrer Verluste aber wieder wett.
  • Wie genau es mit Griechenland und dem Euro weitergeht, ist aber nach wie vor unklar - zumindest bis zum Referendum am kommenden Sonntag.
  • Grundsätzlich sind immer noch drei Szenarien möglich, wie es mit Griechenland danach weitergehen könnte.

Analyse von Alexander Hagelüken

Am Montag würde es krachen an den Börsen, das sagten nach der Eskalation der Griechen-Krise alle voraus. Verhandlungen aus, Banken zu, das erstmalige Ausscheiden eines Landes aus dem Euro greifbar wie nie: Das muss doch krachen. Es krachte auch. Die Kurse griechischer Staatspapiere fielen so stark, dass die Rendite auf fast 15 Prozent stieg (nach etwas mehr als zehn Prozent Mitte Juni). Der Euro fiel zunächst unter 1,10 Dollar (nach fast 1,12 am Freitag), der Dax gab mit knapp fünf Prozent so stark nach wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Besonders stark erwischte es Bankwerte, die eine Pleite der Griechen noch am ehesten trifft. Die Anleger, die bis Freitag auf eine Einigung gesetzt hatten, wurden von der Eskalation sehr kalt erwischt.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat das Land weiter herabgestuft und teilte mit, die Wahrscheinlichkeit eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone liege nun bei rund 50 Prozent.

Aber bald sah es weniger dramatisch aus. Der Euro stieg wieder an, auf fast 1,12 Dollar. Beim Dax blieb am Ende ein Minus von 3,56 Prozent übrig, immer noch einer der größten Tagesverluste seit langem. Der Euro-Stoxx ging noch stärker nach unten. Am Montag hat es an den Börsen also doch nicht richtig gekracht.

Wie kann das sein, wenn erstmals ein Land aus dem Euro ausscheiden könnte?

Die Konsequenzen des Griechen-Dramas liegen noch immer im Dunkeln

"Ein Grexit wäre vor allem für Griechenland bedauerlich", glaubt Michael Schröder, der beim ZEW-Institut über Finanzmärkte forscht. "Er würde sich für die griechischen Bürger und Betriebe dramatisch auswirken. Aber in den europäischen Aktienkursen ist der Grexit schon enthalten." Solche Sätze kommen am Montag von vielen. "Mich hat es nicht überrascht, dass die Märkte gelassen blieben", so Thomas Mayer, früherer Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Das hat nicht die Dimension, aus dem ein Crash wird."

Aber womit haben die Anleger jetzt überhaupt zu rechnen? Gibt es einen Deal in letzter Minute? Kippt ein Ja zum Hilfspaket beim Referendum die Regierung, oder kippt ein Nein die Griechen aus dem Euro?

Die Finanzmärkte müssen sich auf eine Woche der Unsicherheit einstellen, prophezeit Eckhard Sauren, Gründer des gleichnamigen Fondsanbieters. Sauren hält die Auswirkungen auf hiesige Investoren aber in jedem Fall für begrenzt, egal wie es ausgeht: "Deutsche Anleger sollten ihre langfristige Strategie verfolgen und nicht aufgrund der Turbulenzen handeln. Wir schauen immer auf Griechenland, aber für den Gesamtmarkt ist viel bedeutsamer, was zum Beispiel gerade in China passiert." Wie es mit Griechenland weitergeht, lässt sich in drei Szenarien einteilen: Im Euro bleiben, Grexit, Ansteckung Europas.

Im Euro bleiben

Die Schweizer Großbank UBS geht immer noch davon aus, dass die Griechen im Euro bleiben. Sie rät Anlegern dazu, Aktien nachzukaufen, wenn es rund um das Referendum zu einem weiteren Kursrutsch kommen sollte. "Wir glauben, dass es der richtige Weg ist, in Aktien der Eurozone investiert zu bleiben", - und zwar überproportional gegenüber anderen Regionen. Ein Verbleib ist tatsächlich auf mehreren Wegen denkbar, nicht nur durch einen Deal in letzter Minute, sondern auch durch ein Ja zum Hilfspaket beim Referendum. "Das wäre eine gute Nachricht. Man hat dann vermutlich auch eine neue Regierung für Verhandlungen", sagt Fondsmanager Sauren.

Thomas Mayer, der zuletzt das Analyseinstitut Flossbach von Storch aufgebaut hat, klingt weniger positiv: "Wenn Griechenland im Euro bleibt, geht das Gewürge weiter", befürchtet er. In jedem Fall aber würde sich für deutsche Anleger nicht viel ändern, denkt er. Sie hätten mehr darauf zu achten, was sich in der Weltwirtschaft tut: "Für den Anleger ist es wichtig, was in den USA und China passiert" - und dort ist keine Krise zu sehen.

Der Grexit

Michael Schröder vom Mannheimer ZEW-Institut hält es inzwischen für am wahrscheinlichsten, dass es zu einem Ausstieg der Griechen aus dem Euro kommt. "Vor ein paar Jahren hätte das noch ein Erdbeben ausgelöst", sagt der Forscher. "Inzwischen aber spielt Griechenland keine so große Rolle mehr." In Europa hat sich viel geändert: "Die Banken haben vieler ihrer Probleme bereinigt", sagt Schröder. "Und zwar nicht nur, was Kredite an Griechenland angeht, sondern auch andere Schwierigkeiten. Die Banken sind in den meisten Teilen Europas gesund". Dazu kommt nach der Einschätzung vieler Ökonomen, dass der wirtschaftliche Trend in allen anderen Krisenstaaten, die schmerzlicher und konsequenter reformiert haben als Griechenland, nach oben zeigt: Ob in Spanien, Irland oder Portugal.

Und dann ist da noch, was die Analysten der Deutschen Bank die Brandmauer der Europäischen Zentralbank nennen. Sie vertrauen wie andere Marktbeobachter darauf, dass die EZB Turbulenzen im Falle eines Grexit abfedern wird. "Solange die EZB zu ihren Geldkanonen steht, wird es kein Finanzakteur wagen, auf die anderen Krisenstaaten einzuprügeln. Die EZB hat enorme Feuerkraft", schätzt Thomas Mayer.

Somit würde ein Ausstieg Griechenland den Griechen ernsthafte Probleme bereiten, was alle Gesprächspartner bedauern. Für den Rest Europas und seine Anleger aber wäre ein Drachmen-Griechenland eine kleine Volkswirtschaft, die bisher weniger als zwei Prozent zur Wirtschaftsleistung der Währungsunion beiträgt. Und in die weniger als ein halbes Prozent der deutschen Exporte gehen. Deshalb sieht Mayer, dass eine tiefe Rezession in Griechenland die Stimmung an Europas Finanzmärkten für ein paar Wochen verhagelt, aber ohne fundamentale Folgen bleibe.

Die Ansteckung

Was aber, wenn die Krise doch auf andere Staaten übergreift? Vor einigen Jahren wurde noch viel darüber diskutiert, dass sich die Finanzmärkte bald den nächsten Euro-Staat vorknöpfen könnten, sobald wirklich ein Land aus der Währungsunion ausscheidet. Am Montag kommt eine scharfe Warnung von Gustav Horn, der für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung die Konjunktur beobachtet. Die Eskalation der Griechenland-Krise könnte den Aufschwung in diesem und kommenden Jahr schwer schädigen, glaubt Horn, der bisher für die deutsche Wirtschaftsleistung ein Plus von zwei und 2,2 Prozent für 2015 und 2016 voraussagte. Horn fürchtet Ansteckungseffekte, die zu einer Rezession im gesamten Euroraum führen könnten.

Diesem Szenario aber widersprechen viele Marktbeobachter. So notiert die Deutsche Bank, dass bisher kein Kapital aus potenziellen Ansteckungsländern wie Spanien oder Portugal abfließe - so ein Abfluss wäre aber der Mechanismus, über den eine Ansteckung laufen müsste. Andere verweisen erneut darauf, dass sich die wirtschaftliche Situation in den anderen Staaten von der Griechenlands völlig unterscheide. Und dass eben die Europäische Zentralbank bereit stehe.

Aber hat man solche beschwichtigenden Worte nicht auch gehört, bevor die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Welt erst in einen Börsencrash und dann in eine tiefe Rezession riss? Ja, das hat man. Allerdings war die Situation eine völlig andere, glaubt Thomas Mayer: "Lehman Brothers war unheimlich vernetzt. Da konnte sich jeder Finanzakteur betroffen fühlen, dass er vielleicht über ein paar Ecken Geld verliert. Im Fall Griechenlands dagegen liegen die Schulden fast nur noch bei staatlichen Institutionen. Von Griechenland kann wenig Unheil auf die Märkte ausgehen." Bisher wird das bestätigt: Die Anleihen von Spanien und Portugal fielen am Montag kaum.

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Quelle:
SZ vom 30.06.2015/sry
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