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Krise der deutschen Solarbranche:Es war einmal ein grüner Traum

Märchenhaft war der Aufstieg der deutschen Ökostrom-Unternehmen, aus kleinen Start-ups wurden Weltmarktführer. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende? Nichts da! Beinahe im Wochentakt gehen die Solarhersteller pleite, nun auch der einstige Pionier Q-Cells. Gegen Billigprodukte aus China haben sie keine Chance.

Die Geschichte von Q-Cells - man könnte sie als Märchen erzählen. Von Gründern, die auszogen, um einen uralten Traum der Menschheit zu realisieren: den von unendlich viel grüner Energie. Firmenchef Anton Milner und seine drei Mitgründer fangen klein an. Bei Bitterfeld setzen sie im Jahr 2000 eine Fabrik auf Wiesen und stellen so viele Solarzellen her, dass sich ein kleines Dorf mit Strom versorgen lässt. Ein Jahr später sind es drei, 2004 acht Mal so viele.

Einen Konkurrenten nach dem anderen hängt Q-Cells ab. Die deutsche Ökostromförderung ist gerade erfunden, die Branche wächst schnell. Neue Fabriken entstehen. 2008 ist die Firma plötzlich der größte Zellenhersteller der Welt. Auch der Kurs hebt ab: An der Börse ist der Konzern drei Milliarden Euro wert - fast 80 Euro pro Aktie. "Saubillig" findet das der Gründer.

Große Töne, das war einmal. Das Unternehmen aus dem ostdeutschen Bitterfeld-Wolfen mit seinen rund 2300 Mitarbeitern stellte am Dienstagmittag beim Amtsgericht Dessau Insolvenzantrag. Der einstige Pionier ist nach monatelangem Überlebenskampf pleite. Der Verlust war zu hoch, die Konkurrenz zu hart. Im vergangenen Jahr häufte die Firma einen Verlust von 846 Millionen Euro an, bei einem Umsatz von einer Milliarde Euro. Die Aktien sind seither nun wirklich spottbillig: Am Dienstag kosten sie noch 14 Cent.

Der Fall Q-Cells ist der Höhepunkt einer beispiellosen Pleitewelle in der deutschen Solarbranche. Beinahe im Wochenrhythmus stirbt derzeit ein Stück grüne Hoffnung. Die einst größte deutsche Solarfirma Solon aus Berlin ist insolvent. Conergy aus Hamburg verbuchte einen Verlust von 162 Millionen Euro. Auch Phoenix Solar aus dem bayrischen Sulzemoos gerät in Bedrängnis. Selbst Großkonzerne wie Siemens müssen Millionen auf ihr Solargeschäft abschreiben.

So viele Solaranlagen wie nie, dennoch geht den grünen Vorreitern die Luft aus

"Die Branche ist gebeutelt", sagt die Wirtschaftsforscherin Marlene O'Sullivan vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Stuttgart, die für die Bundesregierung seit Jahren über die Solarindustrie Buch führt. O'Sullivans Bilanz macht klar, was in Deutschland dank Ökostromförderung in den vergangenen Jahren bereits entstanden ist: Mehr als 380.000 Menschen arbeiteten 2011 in der jungen Erneuerbaren-Branche - 125.000 Jobs allein in der Solarbranche, gepäppelt von gewaltigen Investitionen.

Fast 23 Milliarden Euro flossen 2011 in den Ausbau der erneuerbaren Energien - 65 Prozent davon in die Photovoltaik. Rekord. Noch nie bauten die Deutschen so viele Solaranlagen auf ihre Dächer. Und der Boom soll 2012 trotz Förderkürzung erst mal weitergehen, sagte die federführende Bundesnetzagentur voraus.

Wie kann das sein, sorgt sich inzwischen auch die Politik, dass dennoch so vielen grünen Vorreitern im Land die Luft ausgeht? "Deutschland ist Weltmarktführer im Bereich der erneuerbaren Energien", frohlockte noch im vergangenen Jahr Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). "Wenn wir diese Stellung ausbauen, dient das der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie und unseres Landes."

Doch ob tatsächlich die Deutschen vom weltweiten grünen Boom profitiert, ist längst die große Frage. Denn niemand zwingt die Deutschen, heimische Paneele zu kaufen. Angebote von Yingli oder Suntech aus China sind oft billiger und nicht viel schlechter als Produkte aus Europa. Auch weil deutsche Hersteller sich auf der steten Förderung ausgeruht haben, sitzen die Gewinner der Branche schon lange nicht mehr nur zwischen Freiburg und Rostock.

Zhengrong Shi weiß das. Er mag die Deutschen und am liebsten ihre "weise Politik". Das "Ein-spei-se-gesetz" ist für den Mann ein Zungenbrecher. Aber Shi lobt es bei Dienstreisen in Europa mit aller Energie so oft, bis die Silben halbwegs fließen. Es war auch diese unaussprechliche Vokabel, die seinem Unternehmen in Wuxi im Jangtse-Delta einen sagenhaften Aufschwung bescherte. Das Wort, das für die Förderung des Solarstroms in Deutschland steht.

Ganz bewusst baut China die eigenen Solarfirmen zur Weltmacht auf

Shi zählt zu den reichsten Unternehmern der Volksrepublik. Es sind Konzerne wie Suntech oder Yingli, die inzwischen den Weltmarkt für Photovoltaik dominieren. Vor acht Jahren hatten hiesige Firmen noch einen Weltmarktanteil von 60 Prozent. Heute liegt er unter 30. Stattdessen vereinen Chinesen fast die Hälfte des globalen Umsatzes auf sich - und annähernd 60 Prozent der Gewinne.

Subventionierte Energie, günstige Kredite, ganz bewusst baut China die eigenen Solarfirmen zur Weltmacht auf. Und die Zeiten dürften für hiesige Anbieter noch härter werden. Denn die Fördersätze in Deutschland sollen erneut sinken. Nach einem Beschluss des Bundestags geht die milliardenschwere Solarförderung in Deutschland je nach Anlage um 20 bis 40 Prozent zurück. Bundesumweltminister Röttgen hält das im Hinblick auf die gewaltigen Fördersummen für unvermeidlich. "Wir müssen die Kosten im Blick halten." Die Branche müsse der asiatischen Billigkonkurrenz mit Innovationen begegnen. "Wer nicht anpassungsfähig ist, der wird ein Opfer."

In Sachsen-Anhalt versuchen sie nun erst einmal zu verhindern, dass sie zum Opfer werden. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) kündigte Rettungsversuche an. "Bisher haben wir aus jeder großen Insolvenz eine Fortsetzungslösung entwickelt", sagte er am Dienstag.

Fortsetzungslösung? Vielen in Berlin schwant, dass das kaum reichen wird. China versuche in der Solarbranche ein Monopol aufzubauen, wetterte Umweltminister Röttgen kürzlich und deutet einen härteren Kampf gegen Dumping an: "Ich will, dass unsere Industrie überlebt. Sonst hätten sich die Fördermilliarden der vergangenen Jahre nicht gelohnt."

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