Krise bei Siemens Geflecht aus Sparten und Sektoren

15.000 Arbeitsplätze baut Siemens ab, der Betriebsrat läuft Sturm. Für den neuen Konzernchef Joe Kaeser ist das aber nur eine von vielen Baustellen in seinem weitverzweigten Unternehmen.

Von Christoph Giesen

Um Siemens zu verstehen, sagen Analysten halb im Scherz, braucht man mehrere Jahre. Der Konzern ist ein Geflecht aus Sparten und Sektoren, die allesamt umsatzstark genug wären, um alleine im Dax notiert zu sein. Das hat Vorteile, man kann eine Marktmacht entfalten und den ganz Großen der Branche etwa in den USA, in Korea oder der Schweiz Paroli bieten.

Es kann aber auch Nachteile haben: Irgendwo in diesem weitverzweigten Unternehmen, das ebenso Schnellzüge herstellt, wie Ultraschallgeräte oder Gasturbinen, gibt es immer ein Problem, eine Bilanz die schwächelt, ein Geschäftsgebiet, das Sorgen macht. Wer Siemens leitet, der muss den Konzern und seine Eigenheiten verstehen: Joe Kaeser, 56, der Neue an der Spitze der größten deutschen Industriebehörde, hat jedenfalls genug Jahre auf dem Buckel, um das Geflecht zu durchdringen und die Baustellen, die er in seinem Konzern hat, anzupacken. Es sind aber einige.

Programm Siemens 2014

Es war ein ehrgeiziges Programm, das der ehemalige Vorstandschef Peter Löscher vor einem Jahr seinen Leute vorlegte. 6,3 Milliarden Euro sollte das Unternehmen einsparen und die Rendite des Konzerns auf mindestens zwölf Prozent steigen. Mittelfristiges Ziel: 100 Milliarden Euro Umsatz. Siemens sollte ein wenig so werden wie GE, der große Wettbewerber aus den USA: schlanker, profitabler, einfach besser. Ende Juli musste Löscher gehen, nach einer Gewinnwarnung brachen die Kurse ein. Das ambitionierte Ziel, bis 2014 zwölf Prozente Rendite zu erwirtschaften, ist nicht mehr realistisch. Löschers Nachfolger muss nun sagen, wie es weitergeht: Ein schlankeres Unternehmen oder weiter erste Industriebehörde des Landes.

Streit mit dem Betriebsrat

Wie auch immer Kaeser den Konzern künftig aufstellen möchte, ohne den mächtigen Betriebsrat wird es schwierig. Zwei Monate ist Kaeser nun im Amt. Und zwei Auseinandersetzungen hat es mit der Arbeitnehmervertretung bereits gegeben - eine auffällige Quote. Erst kam heraus, dass Siemens sich nach einem Streit mit dem Betriebsrat von Arbeitsdirektorin Brigitte Ederer trennt. Unstimmigkeiten gab es auch um den Vertrag von Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler. Nun übernimmt Technologie-Vorstand Klaus Helmrich Ederers Dossier.

Kaum war der Ederer-Eklat aus der Welt, gleich der nächste Streit: Am Sonntag verkündete Siemens, dass 15.000 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen. Adler reagierte barsch: "Den Arbeitnehmervertretern wurde nie eine Gesamtzahl über den Abbau bekanntgegeben, daher sind wir überrascht und maßlos verärgert", beschwerte er sich. Massenentlassungen im Konzern und niemand weiß Bescheid? "Wir haben alle geplanten Anpassungen in den vergangenen Monaten vor Ort adressiert und mit den Arbeitnehmervertretern besprochen", verbreitete der Konzern am Montag.

Erwartungen und Realität

Die Sache ist simpel im Ausland: Deutschland steht für ordentlichen Fußball, jede Menge Bier und feine Ingenieurskunst, die immer ein bisschen zu teuer ist, aber wunderbar funktioniert. Im angelsächsischen Raum haben sie einen eigenen Terminus dafür: Over-engineering. Man kann das Problem entweder irgendwie lösen oder aber den deutschen Weg gehen, ein perfekt ausgeklügeltes Stück Technik, das fantastisch aussieht und sehr durchdacht ist. Das kostet zwar ein wenig mehr: Aber es kommt aus Deutschland!

Bei Porsche, Mercedes und Audi klappt das. Siemens schwächelt. Technologievorstand Helmrich hat eine einfache Lösung. Sein Dreisatz lautet: Wer die Technologieführerschaft hat, übernimmt die Marktführerschaft und fährt auch die größten Umsätze und Margen ein. Soweit richtig. Entscheidend dabei ist allerdings auch, in welchem Bereich man Marktführer ist. Die größte und leistungsstärkste Gasturbine zu bauen, hilft wenig, wenn niemand sie gebrauchen kann und die Kunden lieber zwei kleinere Geräte der Konkurrenz kaufen. Natürlich preiswerter.

Pech und Pannen

Für die Missgeschicke, die die Kunden an Siemens zweifeln lassen, gibt es etliche Beispiele, sie sind peinliche und vor allem teuere Altlasten für Konzernchef Kaeser. So ist das Unternehmen beispielsweise mit der Lieferung von ICE-Zügen an die Deutsche Bahn seit langem in Verzug. Das Projekt hakt an der Zulassung durch die Behörden. Die gesamte Bahnsparte war deshalb zuletzt in die Verlustzone gerutscht. Schwierigkeiten hat Siemens auch bei der Anbindung von Windparks in der Nordsee. Die Vertragsstrafen, die das Unternehmen zahlen muss, kosten den Konzern ein Vermögen. Verlustreich endete auch der Ausflug ins Solargeschäft mit der Übernahme des israelischen Solarunternehmens Solel. Siemens muss die Sparte schließen, ein Käufer wurde nicht gefunden.

Weltkonjunktur

Und dann ist da noch die Weltkonjunktur: Viele Produkte, die Siemens anbietet, sind von der globalen Wirtschaftsentwicklung abhängig. Ist die allgemeine Nachfrage schlecht, merkt das der Siemens-Vertrieb zuerst: Krankenhäuser verschieben den Kauf eines Computertomografen oder ein Kraftwerk wird vielleicht doch nicht so eilig gebraucht. Lange Jahre hielt vor allem das zweistellige Wirtschaftswachstum in China die Konjunktur am Laufen. Doch längst machen sich Pekings Wirtschaftsplaner die ersten Gedanken, wie sie ihr Wachstum beibehalten können, von zweistelligen Raten ist die Volksrepublik jedenfalls weit entfernt.

Besonders sensibel auf Schwankungen am Weltmarkt reagiert der Industrie-Sektor bei Siemens. Die Automatisierungstechnik ist so ein Beispiel. Lahmt die Konjunktur, werden weniger Maschinen in den Fabriken der Welt geordert, das ist ein Problem für den deutschen Mittelstand, der viele Maschinen entwickelt und zusammenschraubt, aber auch für Siemens, denn die Geräte sind randvoll mit Siemens-Technik, sie steuern die Maschinen.