Süddeutsche Zeitung

Krise bei Praktiker:Zwickau, Hochburg der Baumärkte

Auf 34.300 Einwohner kommt in Deutschland ein Baumarkt, im Osten ist das Überangebot am größten. Mit der Insolvenz von Praktiker lichtet sich das Feld. Die Branche ist in einem tiefen Umbruch - und sucht nach neuen Geschäftskonzepten.

Von Stefan Weber, Düsseldorf

Früher hechtete er über den Rasen von Wimbledon; später mimte er den Graspfleger im heimischen Garten: Boris Becker, das Tennis-Idol, war eine Zeitlang das Werbegesicht der Baumarktkette Praktiker gewesen. Viel geholfen hat es der blau-gelben Marke nicht. Seit Donnerstag ist der Insolvenzverwalter im Haus. Beckers frühere Frau Barbara hat offensichtlich auf das bessere Pferd gesetzt: Sie vertreibt Teppich- und Tapeten-Kollektionen, die ihren Namen tragen, exklusiv beim Praktiker-Konkurrenten Hornbach.

Baumarkt-Strategen setzen gerne auf die Zugkraft prominenter Werbefiguren. Sie sollen helfen, die eigene Marke abzuheben vom Branchen-Einerlei. Tatsächlich aber unterscheiden sich die Märkte nur wenig voneinander. Ihr Profil ist unscharf, sie sind häufig austauschbar. Das beginnt damit, dass sich die Sortimente stark ähneln. Und selbst beim Service ist oft kaum noch ein Unterschied zu erkennen, nachdem die gesamte Branche vor ein paar Jahren erkannt hat, dass sie an dieser Stelle nachbessern muss.

Auch die früher üblichen Rabattschlachten sind nach Beobachtung der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zuletzt in den Hintergrund gerückt. Mit einer Ausnahme: Praktiker. Die Kette hatte zwar zwischenzeitlich alle Eide geschworen, nicht mehr so großzügig mit dem Rotstift umzugehen. Aber als die Löcher in der Kasse immer größer wurden, fiel dem Management dann doch nichts anderes ein, als massiv die Preise zu senken. Schließlich musste schnell Geld in die Kasse, um offene Rechnungen zu begleichen. Wie "ein Drogenabhängiger" habe Praktiker immer weiter die Dosis erhöhen müssen, um Kunden in die Märkte zu locken, urteilt etwa Karl-Erivan Haub, der Chef der Tengelmann-Gruppe, zu der Marktführer Obi gehört.

Der Blick auf die Statistik vermittelt ein friedliches Bild: Der Branchenumsatz pendelt seit Jahren um die Marke von 18 Milliarden Euro. Auch bei der Zahl der Märkte gibt es kaum Bewegung. Nach Berechnungen des Handelsforschungsinstituts EHI haben in den vergangen drei Jahren gerade einmal zehn Märkte dicht gemacht. Was die Zahlen nicht verraten: Die Branche steckt in einem tiefen Umbruch. Wachstum ist nur möglich, wenn man der Konkurrenz etwas wegnimmt.

Wie "ein Drogenabhängiger"

Auch die Frage nach dem richtigen Standort und der optimalen Marktgröße wird immer häufiger gestellt. Sind Mega-Märkte mit mehr als 20.000 Quadratmetern und einem angedockten Drive-in für Baustoffe, wie sie vor allem die Bauhaus-Kette forciert, das Konzept der Zukunft? Oder ist es klüger, auf kleinere Formate in innerstädtischen Lagen zu setzen? Die könnten ihr Angebot spezialisieren, beispielsweise auf die Wünsche von Bewohnern von Mehrfamilienhäusern. Entsprechende Versuche gibt es bereits, etwa in Köln.

Viel hängt davon ab, in welchem Umfang Heimwerker und Hobbybastler künftig online bestellen. Im vergangenen Jahr machten Bestellungen über das Internet erst weniger als zwei Prozent des Branchenumsatzes aus. Aber die Zuwachsraten sind enorm. Handelsexperten von KPMG können sich vorstellen, dass viele Märkte sperrige Produkte nur noch anliefern. Dann kämen die Läden mit deutlich weniger Verkaufsfläche aus. Dagegen spricht, dass die meisten Baumarkt-Käufer die Ware direkt mitnehmen möchten, um sie gleich zu "verbauen".

Nach Angaben des Branchenverbandes BHB gibt es derzeit rein rechnerisch einen Baumarkt je 34.300 Einwohner, vor 30 Jahren war es 85.500 Einwohner. In Sachsen-Anhalt ist die Überversorgung am größten. Dort kommt auf 22.000 Einwohner ein Laden. Die Hochburg der Baumärkte ist Zwickau. Dort ringt ein Dutzend Märkte um die Gunst von 95.000 Einwohnern. Mit dem Aus für Praktiker wird das Filialnetz dünner werden. Denn für viele Märkte dürfte es keinen neuen Nutzer geben. Haub prognostiziert: "Es wird viele enttäuschte Vermieter geben".

Mit welch harten Bandagen gekämpft wird, zeigt sich derzeit im Großraum München. Dort flaggen bis zum Jahresende 16 im Franchisesystem betriebene Märkte von Obi auf Hagebau um. Damit kehren sich die Kräfteverhältnisse in der Region komplett um. Hagebau, bisher in München kaum präsent, wird auf einen Schlag zum Marktführer. Haub zufolge hat es zuletzt immer wieder Streit mit den Franchisenehmern gegeben. "Dann ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem man getrennte Wege gehen muss." Die Marktbetreiber dagegen fühlten sich von der Obi-Zentrale zunehmend an der kurzen Leine geführt. Der Wettstreit verspricht Spannung. Die Region München, so verspricht Haub, werde künftig ein Investitionsschwerpunkt für Obi sein.

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SZ vom 13.07.2013/fzg
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