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Kriminalität bei Solaranlagen:Auf den Spuren der Solar-Mafia

Solarpark in Nordrhein-Westfalen

Anlagen wie diese in Nordrhein-Westfalen sind meistens unbewacht und damit leichte Beute.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Ökostromanlagen werden zum begehrten Diebesgut. Deutsche Ermittler registrieren Tausende Fälle, der Schaden geht in die Millionen.

Sie kamen nachts. Sie arbeiteten in Schichten und sie verschwanden nach wenigen Stunden unbemerkt. Mit einem Lieferwagen hatte die Bande den grünen Metallzaun auf einem brandenburgischen Militärflugplatz durchbrochen. Eine Gruppe montierte 150 Solarmodule fachmännisch ab, eine zweite stapelte die tonnenschwere Fracht auf Lastwagen. Entdeckt wurde der dreiste Feldzug erst am nächsten Morgen. Mit Sonnenaufgang meldete die Technik Ausfälle an die Zentrale des Betreibers. Ganze Reihen von Modulen des riesigen Solarparks produzierten keine Energie mehr. Zurück blieben nur ein paar Gestelle. Schaden: etwa 50 000 Euro.

In Deutschland ist die Sonne innerhalb einer Dekade zu einem wichtigen Faktor im Stromnetz geworden. Auf insgesamt einer Million Feldern und Dächern speisen Solaranlagen heute Energie ein. Allein der betroffene Solarpark bei Cottbus versorgt einige Tausend Haushalte. Doch der strahlende Boom hat eine bislang kaum bekannte Schattenseite: Von Friesland bis nach Bayern ziehen in diesen Monaten immer wieder Banden übers Land und montieren bei Nacht Solaranlagen von Firmendächern, Schulen, Eigenheimen und Feldern.

Die Ware wird schnell ins Ausland weiterverkauft

Das Bundeskriminalamt (BKA) ist alarmiert. Vor einigen Jahren schon begann diese ganz neue Form von Kriminalität. "Seit circa 2005 sind hier Diebstähle von Solarmodulen in größerem Umfang bekannt", erklärt die Behörde. Doch inzwischen erreicht sie besorgniserregende Ausmaße. Die Schäden liegen je Fall im "fünfstelligen, manchmal sogar im sechsstelligen Euro-Bereich. Meist würden "mehrere Dutzend bis einige Hundert montierte Module von Dächern, aus Solarparks, aber auch aus Lagerhallen oder auf dem Transport entwendet", stellt die Wiesbadener Behörde fest.

Die ganze Dimension der Diebeszüge macht eine aktuelle Umfrage der Süddeutschen Zeitung unter den zuständigen Landeskriminalämtern klar. In den Jahren von 2011 bis Ende 2014 registrierten Deutschlands Ermittler bundesweit insgesamt mehr als 1880 Diebstähle von Modulen oder Zubehör mit einem Gesamtschaden von mindestens 15 Millionen Euro. Der tatsächliche Wert der Beute dürfte jedoch noch höher liegen. Denn in vielen Bundesländern beginnt man erst, Solardiebstähle in der offiziellen Statistik gesondert auszuweisen. Rheinland-Pfalz und die drei Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin erheben dazu bislang keine gesonderten Daten. Aus den vier Bundesländern liegen deshalb keine Angaben vor. Andere Länder wie Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt weisen die Schäden erst seit 2014 aus.

Peter Sostaric gehört zu denen, die sich an die Fersen der Täter heften. Sostaric ist Staatsanwalt und Abteilungsleiter der brandenburgischen Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Frankfurt/Oder. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bandenstrukturen der Solarmafia zu knacken. In Brandenburg wurde deshalb in diesem Jahr die Soko Helios gegründet - im Altgriechischen steht das für Sonne. "Die Anlagen werden meist fachmännisch abmontiert, die Tatorte vorher professionell ausgespäht", sagt Sostaric. Ein Aufwand, der sich lohne. Denn der Wert der Module ist auch gebraucht hoch. Es gehe "im Einzelfall um Zehntausende Euro". Die Täter gehen immer wieder nach dem gleichen Muster vor. Geklaut wird meist nachts, weil die Anlagen dann keinen Strom produzieren. Am Tag, wenn Tausende Volt durch die Leitungen jagen, wäre der Diebstahl um einiges gefährlicher. Die Fahnder beobachten, dass Diebe ihre Beute möglichst schnell über die Grenze bringen - meist in Richtung Osteuropa. Dort werden die Zellen dann oft in neuen Parks verbaut. "Der Verkauf im Ausland muss schnell über die Bühne gehen. Kein Täter will das Diebesgut lange in eigenen Hallen lagern. Das Entdeckungsrisiko wäre zu groß", sagt Sostaric.

Mit Peilsendern und Abhöranlagen gegen die organisierte Kriminalität

Der Aufwand für die Solardiebe ist groß. Die Module wiegen etwa 20 Kilogramm und sind im Durchschnitt einen Quadratmeter groß. Solche Taten müssen gut geplant sein, wissen die Fahnder. "Wir haben es mit organisierter Kriminalität zu tun", heißt es in der Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Brandenburg. Der Diebstahl selbst wird oft von Kleinkriminellen ausgeführt, die in wirtschaftlicher Not stecken. Es gehe für die Fahnder "vor allem auch darum, an die Hintermänner heranzukommen", sagt Sostaric. Nur so ließe sich die Serie stoppen.

Peilsender unter verdächtigen Fahrzeugen, das Abhören von Telefongesprächen - auch die Strafverfolger arbeiten inzwischen mit vielen Mitteln, um dem Problem Herr zu werden. So auch in einem aktuellen Fall. Die Soko Helios ermittelte seit Jahresanfang gegen eine neue Bande. Klar war nur, dass ein bestimmter Transporter von den Tätern genutzt wird. Als der und ein weiterer Wagen im Mai aus Polen über die Grenze fuhren, wurde er von verdeckten Ermittlern bis zu einer Solaranlage bei Eußenheim in Bayern begleitet. Dort schlugen die Diebe zu: Sie ließen 194 Module im Wert von 60 000 Euro mitgehen. Der Zugriff erfolgte erst bei der Rückkehr nach Polen. So war es mit den dortigen Ermittlern vereinbart. Neben einem Kurier und dem Kopf der Bande wurden sechs weitere Täter verhaftet.

Ein seltener Erfolg. Denn häufig gibt es keinerlei Indizien. Zwar lassen Täter auch mal Module von einem städtischen Supermarktdach mitgehen. Meist aber suchen sie sich entlegene Parks, die gut zu erreichen sind und nur sporadisch bewacht werden. Zeugen gibt es deshalb selten. Selbst Alarmanlagen helfen wenig. Wenn der Wachschutz eintrifft, ist es meist zu spät. Und noch kostspieligere Schutzmechanismen wie eine Infrarotüberwachung leiste sich kaum ein Betreiber, sagt Stefan Wippich von der Berliner Dienstleister Envaris, der Solaranlagen wartet und repariert. Das sei wirtschaftlich kaum machbar. Envaris verpasst den Modulen von Solarparks deshalb inzwischen kaum entfernbare Seriennummern, die den Weiterverkauf der Module wenigstens erschweren sollen.

Das BKA sieht indes keine Entwarnung. Im Gegenteil. Gegenwärtig würden immer mehr Solarparks errichtet und Module auf großflächigen Dächern montiert. "Da mit dem zunehmenden Angebot auch die Nachfrage steigen wird, dürfte es auch in naher Zukunft weiterhin zu schadensträchtigen Diebstählen kommen", erklärt die Behörde. Das musste auch der Betreiber des bestohlenen Parks bei Cottbus feststellen. Kaum waren die Täter weg, der Zaun repariert, wurde der Park zum zweiten Mal bestohlen - vielleicht sogar von der gleichen Bande. Diesmal schraubte sie das Zubehör aus der Verankerung: 30 Wechselrichter.

© SZ vom 06.07.2015/dgr
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