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Kreml-Kritiker:Chodorkowski warnt vor Ausbluten Russlands

Veranstaltung des Deutsch-Russischen Forums

Kremlkritiker Michail Chodorkowski

(Foto: dpa)

Bei seinem ersten Auftritt in Deutschland seit der Eskalation in der Ukraine attackiert Ex-Oligarch Michail Chodorkowski Russlands Präsidenten Wladimir Putin: Dessen Politik treibe die geistige Elite aus dem Land.

Von Markus Balser, Berlin

Schon der Ort des Auftritts legt nah, dass der einst reichste Mann Russlands an diesem Abend Dinge mit Reichweite zu sagen hat. Bei seinem ersten Auftritt in Deutschland seit der Eskalation der Ukraine-Krise im Sendesaal im Rundfunk Berlin-Brandenburg betritt Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski, 51, die Bühne langsam und unsicher. Der einst wichtigste Unternehmer Russlands wirkt als zehre die jahrelange Haft noch immer an den Kräften. Doch was Chodorkowski zu sagen hat, sorgt auch leise für ein Raunen im Publikum.

Der frühere Ölmagnat und enteignete Yukos-Chef nutzt seinen Auftritt in Berlin am Dienstag Abend für heftige Attacken auf Russlands Präsident Wladimir Putin und die russische Machtelite. Sie bereichere sich auf Kosten des russischen Volks an den Reichtümern des Landes - vor allem bei Geschäften mit Öl und Gas. Durch Korruption und schlechte Führung gingen dem Land 20 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verloren. Wegen der niedrigen Öl- und Gaspreise gerate das Land nun immer stärker in Bedrängnis und müsse etwa Rentenfonds der jüngsten Generation auflösen, um den Haushalt zu stabilisieren. "Immer mehr erfolgreiche und innovative Menschen verlassen das Land", warnt Chodorkowski.

Entschlossenere Politik des Westens gefragt

Erst seit Dezember ist der selbst wieder ein freier Mann. Nach vielen Jahren der Lagerhaft ließ ihn Präsident Putin überraschend nach Deutschland ausreisen. Seither lebt er mit seiner Familie in der Schweiz - zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Doch am Dienstagabend in Berlin macht Chodorkowski klar, dass er sich wieder einmischen will. Seine proeuropäische Oppositionsbewegung "Offenes Russland" soll Kreml-Chef Wladimir Putin herausfordern.

Auf die Frage, ob er Russlands Präsident werden wolle, antwortete der 51-Jährige, er wäre nicht daran interessiert, Kreml-Chef zu werden, wenn Russland sich "normal" entwickelt. Sollte es jedoch notwendig erscheinen, die Krise zu überwinden und eine Verfassungsreform einzuleiten, "dann wäre ich bereit, diesen Teil der Arbeit zu übernehmen".

Auch von den Regierungen Westeuropas fordert Chodorkowski eine entschlossenere Politik gegenüber Putin. "Der Westen muss klar machen, dass sie sich gegen das Regime richten, das ein autokratisches System aufbaut - nicht gegen das Volk." Sonst drohe Europa, einen Keil zwischen sich und die russische Bevölkerung zu treiben. Die Sanktionen müssten vor allem beherzter umgesetzt werden. "Ich erwarte, dass man endlich aufhört, Menschen und Organisationen zu unterstützen, die dem Land schaden."

"Der Tag des Endes dieser Herrschaft wird kommen"

Chodorkowski ist indes selbst umstritten. Sein kometenhafter Aufstieg in den 1990er Jahre verdankte er der Nähe zu Boris Jelzin. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wird Chodorkowski 1993 stellvertretender Energieminister. Mitte der 90er Jahre kauft er die Ölfirma Yukos für den Schnäppchenpreis von 350 Millionen Euro. Korruptions- und sogar Mordvorwürfe begleiten den Aufstieg des Managers. Chodorkowski baut das Unternehmen um - am Ende hat Russlands größter Ölkonzern einen Marktwert von 30 bis 40 Milliarden Dollar.

Als der immer mächtigere Chodorkowski 2003 vor laufenden Kameras das System von Willkür und Korruption, volkswirtschaftliche Ineffizienz aufgrund mafiöser Verflechtung von Staat und schlechtem Unternehmertum kritisiert, wird er verhaftet - und in zwei umstrittenen Gerichtsverfahren verurteilt.

Wie lange es dauert, bis die Isolierung der russischen Regierung Wirkung zeigt? "Vielleicht zwei, vielleicht zwanzig Jahre", sagt Chodorkowski noch. "Kommen aber wird der Tag des Endes dieser Herrschaft auf jeden Fall."

© SZ.de/zoch

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