Süddeutsche Zeitung

Kreditnetzwerk in Italien:Unter uns

Eine Ersatzwährung hilft auf Sardinien kleinen Unternehmen, vom Käser bis zum Zahnarzt. Sie tauschen Dienstleistungen, gewähren sich zinsfrei Kredit - und entkamen so der Krise.

Von Ulrike Sauer, Rom

Es war für Serramanna ein denkwürdiges Jahr. Die 9200 Bewohner des sardinischen Dorfes bekamen 2009 schnelles Internet. Gleichzeitig kam die Finanzkrise aus den USA auch hier, in der agrarisch geprägten Gegend, an. Und: Fünf Hochschulabsolventen, die nach dem Studium auf die Insel zurückgekehrt waren, gründeten Sardex.net. Die drei Ereignisse, scheinbar zusammenhangslos, waren eng verbunden.

Die jungen Unternehmer aus Serramanna beobachteten damals, wie die lokalen Kleinunternehmen ums Überleben rangen. Die Banken gaben ihnen keine Kredite mehr. Die Gründe für die Liquiditätskrise lagen Tausende Kilometer weit entfernt, ihre Folgen trafen die Wirtschaft im Süden Sardiniens mit voller Wucht: "Das war so, als ob man den Schirm zumachen würde, wenn es anfängt zu regnen", sagt einer der Sardex-Gründer, Giuseppe Littera.

Es handelt sich um ein System gegenseitiger Hilfe, das auf Vertrauen beruht

Die Tragödie stieß den Sprachwissenschaftler an, mit Freunden über Lösungen nachzudenken. Sie gingen das Problem nicht als Ökonomen an, sondern als Linguisten und Philosophen, sagt der 36-Jährige. Neben seinem Studium der Amerikanistik und Germanistik in Tübingen und Leeds hatte sich Littera zwar mit der Geschichte des Geldes beschäftigt. Doch keiner aus dem Gründer-Quintett brachte Erfahrungen in der Finanzwelt mit.

Aber: "Die Krise bot eine hervorragende Gelegenheit, die Wirtschaft zu überdenken", sagt Littera. Das erinnert zwar an die Managerfloskel von der Krise als Chance. Doch in Serramanna waren es tatsächlich Laien, die aus der Not eine Idee hatten. Sie seien wie Kleinkinder vorgegangen, indem sie Dinge vorsichtig ertasteten, erzählt der Sarde. Die fünf Männer gründeten auf der Mittelmeerinsel die Komplementärwährung Sardex. Ein Unternehmen wie ihres nennt man in der Branche Fintech, ein Digital-Start-up, das online Geldgeschäfte anbietet.

Mitten in der Krise sahen die Gründer damals in einer eigenen Währung für die am ärgsten getroffenen kleinen Firmen die einzige Chance. Mit ihrem alternativen Zahlungsmittel wickeln sie inzwischen am Tag 500 bis 600 Transaktionen ab. Littera nennt sie "Handschläge". Dahinter steckt viel mehr: Der Sardex ist zugleich ein alternatives Wirtschaftsmodell. Es fußt auf Vertrauen.

Die Parallelwährung hat nichts gemein mit dem Bitcoin oder anderem virtuellen Geld. Keine Bank druckt Sardex-Scheine. Und auch kein Algorithmus kreiert die digitale Zahlungseinheit. Sardex ist ein Kreislauf für Geschäftskredite und als System gegenseitiger Hilfe ein Antikörper gegen die Kreditklemme. Die Mitglieder des Rings tauschen Güter und Dienstleistungen aus. Sie gewähren sich so untereinander zinsfreien Kredit. 2016 wird das Transaktionsvolumen wohl locker 100 Millionen Euro übersteigen.

Manuela Statzu arbeitet als freiberufliche Beraterin von Baufirmen. Vor zweieinhalb Jahren kam sie zu Sardex.net. Inzwischen überlegt sich Statzu vor jedem Kauf, ob sie, statt mit Euro zu bezahlen, ihr Geld nicht im Ring ausgeben kann. "Ich habe mein Leben mit dem Sardex revolutioniert", sagt sie. Miete, Möbel, Bioladen, Kosmetik-Institut, Steuerberater, Katzenfutter - alles bezahlt sie über Sardex. Das Netz biete ihr zudem eine Auslese regionaler Anbieter, die sie gerne unterstützt. "Beruflich habe ich meinen Kundenstamm erweitert und schätze besonders die pünktliche Bezahlung", sagt die Selbständige. 7000 Firmen machen inzwischen mit. Statzu wirbt fleißig neue Mitglieder: "Denn der Sardex tut der Seele gut", sagt sie.

Dem Geschäft auch. Nicola Cocco, Zahnarzt, sieht in Sardex einen wichtigen Partner. "Ich finde im Ring praktisch alles, was ich benötige, und eröffne mir ganz neue Kundenkreise", sagt Cocco. Obendrein realisiert der Arzt zusammen mit Sardex gerade eine neue Praxis. Roberto Montis, Möbelschreiner aus Serramanna, bewahrte Sardex davor, in einem Moment großer Schwierigkeiten sein Geschäft aufzugeben. "Der Sardex ist wie eine zusätzliche Brieftasche, aus der man Geld für Käufe und Projekte zieht, die man in Euro nicht finanzieren könnte", sagt der 41-Jährige. Er erhielt nach seiner Aufnahme einen Kredit über 2000 Sardex. Nach wenigen Wochen kamen die ersten Aufträge für maßgefertigte Möbelstücke herein.

Oder die Brüder Cherchi, die sardische Käsespezialitäten herstellen und wachsen möchten. Weil ihnen das Kapital fehlt, beantragen sie ihre Aufnahme in den Sardex-Kreis. Man bewilligt ihnen eine Kreditlinie über 25 000 Sardex, die sie für den Kauf einer Kühltheke ausgeben.

Ihren Käse verkaufen die Cherchis nun auch auf dem Zentralmarkt im Städtchen Cagliari, der Umsatz steigt. Einen Teil davon kassieren die Käser von den Insel-Gastronomen in Sardex, sodass ihr Konto ausgeglichen ist und sie neue Investitionen tätigen können.

In zehn anderen Regionen Italiens hat man sich das Modell abgeschaut

Das sardische Geld flankiert so den Euro mit seinem Kompensationssystem unter Unternehmen. Es schob eine Art multilateralen Tauschhandel an. Luca Fantacci, Währungsexperte der Mailänder Privathochschule Bocconi, traut dem Sardex zu, den Aufschwung anzuregen. "Er setzt an zwei Hebeln der Wirtschaftskrise an: dem verwehrten Zugang zum Kredit und der Schwierigkeit, Abnehmer für die eigenen Produkte zu finden", sagt Fantacci.

Dass der Sardex rollt, liegt daran, dass sich das Sparen mit ihm nicht lohnt. Man kann mit ihm schließlich keine Zinsen anhäufen. Das animiert zur schnellen Geldausgabe und wirkt auf der wirtschaftlich unterentwickelten Insel als versteckter Wachstumsanreiz. Ein Sardex-Kredit wechselt zwölf Mal im Jahr den Besitzer. Seine Umlaufgeschwindigkeit ist damit sehr viel höher als die des Euro.

Für das Fintech aus Serramanna interessieren sich auch EU-Kommissare aus Brüssel, die italienische Zentralbank aus Rom und die Vereinten Nationen in New York. Die Komplementärwährung hat es zudem auf den Kontinent geschafft, in zehn anderen Regionen hat man sich das System abgeschaut, dort entstanden Geschäftsnetzwerke nach dem sardischen Vorbild. Sie heißen Tibex, Linx oder Liberex.

"Die Realität hat unseren Traum übertroffen", sagt Littera. Der Sardex-Gründer schlug sich mit seinem Uni-Abschluss lange als Reiseführer und Englischlehrer, mit Nachhilfestunden und DJ-Auftritten durch. Die viele Arbeit brachte ihm im Monat weniger als 1000 Euro ein. Sardex sei für ihn und seine Freunde auch der Versuch gewesen, sich nicht mit dem Prekariat abzufinden. Heute beschäftigt Sardex.net 60 Mitarbeiter.

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SZ vom 25.08.2016
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