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Kreativität:Innovation auf Rezept

Durch die Globalisierung stehen viele Unternehmen unter intensivem Wettbewerbsdruck. Erfolgreich ist, wer gute oder besondere Produkte hat. Doch wie entstehen innovative und kreative Lösungen? Kapital ist nur eine von vielen Zutaten.

Es sind spannende Zeiten im Mittelstand. Die Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle und interne Abläufe, erhöht die Geschwindigkeit entlang der Wertschöpfungskette und schafft nicht nur neue Berufsbilder, sondern auch neue Mitbewerber. Keine Branche bleibt verschont. In diesem komplexen Umfeld steigt der Innovationsdruck auf die Betriebe. Was heute Erfolg bringt, kann bereits morgen überholt sein. "Früher konnte man für eine Innovation einfach eine neue Maschine kaufen und wusste, was dabei raus kommt. In den komplexen Märkten fischen die Betriebe heute ein Stück weit im Trüben", sagt Georg Licht, Leiter des Forschungsbereichs Innovationsökonomik am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Wichtig ist ein System der kurzen Wege

Die Finanzierung von Innovationsprojekten bleibt auch nach Jahren der Niedrigzinsphase eine der größten Hürden für mittelständische Unternehmen. Laut aktuellem Innovationspanel des ZEW fällt kleinen und mittleren Betrieben die Bereitstellung der notwendigen Mittel zunehmend schwer. Viele haben sich aus dem Innovationsgeschäft zurückgezogen. "Die Ein- und Ausschaltkosten von Innovation sind im Vergleich zum Ertrag sehr hoch. Wer die Fähigkeit zur konstanten Weiterentwicklung verloren hat, tut sich enorm schwer, notwendiges Kapital, Mitarbeiter und Strukturen wieder zu schaffen", sagt Licht.

Dass technologischer Fortschritt auch ohne hohen Kapitaleinsatz möglich ist, zeigen jährlich Tausende Startups. "Das Budget ist letztendlich nicht ausschlaggebend. Man kann viel Geld unsinnig in Forschung und Entwicklung investieren und geringe Wirkung erzielen oder mit wenig Geld einen großen Wurf landen", sagt Nadine Kammerlander, die den Lehrstuhl für Familienunternehmen an der WHU leitet. So kann die interne Organisation kreative Lösungen fördern oder verhindern. "Ob Innovationen im Unternehmen entstehen, hängt zu allererst vom Klima der Offenheit des Systems ab. Ist es seitens der Organisation erwünscht, dass Mitarbeiter ihre Ideen einbringen, werden sie diese auch hineinwerfen", sagt Kammerlander.

Stimmt die Firmenkultur? Ist das Personal engagiert? Ist die Organisationsstruktur innovationsförderlich? "Es braucht im Top-Management-Team oder zumindest eine Ebene darunter eine Person, die sich für Innovation verantwortlich fühlt. Diese muss klar kommunizieren, wo der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt und mit Ideen der Mitarbeiter transparent und konstruktiv umgehen", sagt Kammerlander. Wichtig ist dabei ein System der kurzen Wege. Je weniger Hierarchien eine Idee passieren muss, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie sich durchsetzt. Ein Manager alleine kann die Aufgaben des Innovationsmanagements nicht stemmen, Bereichsteams und verantwortliche Mitarbeiter in den Abteilungen sollten ihn unterstützen.

Die klassische Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung hat vielerorts - auch aus Kostengründen - ausgedient. In kleinen und mittleren Betrieben können wechselnde Projektgruppen große Wirkung erzielen. Besonders förderlich sind funktionale, diverse Teams hinsichtlich ihrer Qualifikation und Erfahrung. "Mitarbeiter, die zu 120 Prozent mit Aufgaben ausgefüllt sind, wovon 100 Prozent das Tagesgeschäft betreffen, werden Innovation nicht als Priorität sehen", sagt Kammerlander. Das Engagement für Zukunftsthemen sollte durch Anreizsysteme belohnt werden. In vielen Betrieben kommt es auch aufgrund einer anstehenden Nachfolge oder Übergabe zu Unterinvestitionen. Kapital für risikoreiche Projekte können Nachfolger somit über Jahre hinweg kaum aufbauen. "Zukunftsthemen werden häufig nur dann angegangen, wenn plötzlich Cash da ist, etwa durch einen Verkauf von Unternehmensteilen oder Fördermittel", sagt Kammerlander. Wer Forschung und Entwicklung im Haus nicht stemmen kann, hat dennoch Alternativen. "Ein Weg für mittelständische Unternehmen zu mehr Innovation sind Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Dazu brauchen sie aber auch entsprechende interne Kenntnisse und Mitarbeiter", sagt Licht. Der Austausch mit externen Akteuren birgt für Unternehmen eine weitere Chance. Damit kann der für Entwicklungen so wichtige Perspektivenwechsel gelingen. Unternehmen sollten also für Ideen von Kunden, Zulieferern und Start-ups aufgeschlossen sein und ein Ohr für Kritik haben.

© SZ vom 07.12.2017
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