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Kreativität:Es lebe die Schnapsidee

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Teambuilding am Kickertisch, das geht gerade nicht. Doch es gibt manch kreative Idee für den Online-Austausch mit den Kollegen.

(Foto: Francesco Morandini/Westend61)

Die besten Innovationen in Unternehmen entstehen oft nicht in steifen Besprechungen, sondern zwischendurch. Doch was, wenn alle im Home-Office sitzen?

Der Ort, der im Home-Office-Zeitalter zum Begegnungsraum von Kollegen werden soll, besteht aus vielen Kreisen. Per Link betritt man einen digitalen Konferenzraum. Auf dem Bildschirm sind große, pastellfarbene Kreise zu sehen, in denen sich kleinere Kreise mit den Köpfen von anderen Teilnehmenden tummeln. Die großen Kreise sind separate, virtuelle Räume. Bewegt man sein eigenes Kopf-Symbol nah genug an einen der Räume heran, öffnet sich ein Video-Anruf mit den Menschen, die sich im gleichen Raum befinden. Man sieht sie nun, wie sie an ihrem Schreibtisch, im Wohnzimmer oder vor ihrem Bett sitzen - und man kommt ins Plaudern.

"Die Gespräche, die sich auf diese Weise ergeben, sind spontaner und organischer als in einem konventionellen Video-Chat", findet Pascal Steck. Er hat mit zwei Mitgründern mitten in der Corona-Krise die Online-Anwendung Yotribe programmiert und auf den Markt gebracht. Sie soll nichts Geringeres als die Kaffeeküche oder die Lounge-Ecke als Begegnungsräume moderner Unternehmen ersetzen. Die Orte also, an denen sich Menschen im Unternehmen austauschen, sich etwas erzählen, Ideen entwickeln.

Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren viel Geld darauf verwandt, Büros zu Orten des Austauschs zu machen. Doch insbesondere in Branchen, in denen eher kluge Gedanken als Waren produziert werden und es sich prinzipiell von überall aus arbeiten lässt, verrichtet die Belegschaft ihren Dienst gerade größtenteils im Home-Office. Das Teambuilding am Kickertisch und die beim Feierabendbier ausgeheckten Schnapsideen sind akut vom Aussterben bedroht. Oder doch nicht?

Fest steht: Solche Begegnungsorte sind mehr als ein leeres Klischee pseudomoderner Firmen. Wissenschaftlich ergeben sie durchaus Sinn. "Innovation ist meist die Rekombination von bestehendem Wissen", sagt Karin Hoisl, die als Professorin an der Universität Mannheim zu Innovations- und Organisationsthemen forscht. "Wenn man sich austauscht und viele ihr Wissen einbringen, entstehen neue Ideen."

Eugenio Pace muss, wenn er nicht gerade auf Reisen ist, schon lange auf echte Begegnungen im Arbeitsalltag verzichten. Vor sieben Jahren gründete der gebürtige Argentinier mit einem Partner die Identitätsplattform Auth0. Er lebt in der Nähe von Seattle, sein Co-Gründer in Buenos Aires. So kam es, dass von Beginn an viele Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiteten, neudeutsch "remote". Heute verbringt mehr als die Hälfte der 660 Mitarbeiter den Arbeitstag in der eigenen Wohnung. "Wir haben uns das nicht bewusst ausgesucht, sondern sind eher in die Situation gekommen, weil wir keine andere Wahl hatten", sagt Pace.

Verabredungen zum Mittagessen oder zum Kaffeetrinken finden jetzt im Internet statt

Um den Kontakt zueinander zu halten, kommunizieren er und seine Mitarbeiter von Beginn an über das Internet: Der Chef hält per Videokonferenz regelmäßig sogenannte "Ask-me-anything"-Treffen mit Teilen der Belegschaft ab, bei denen sie ihre Fragen loswerden dürfen. Untereinander treffen sich die Kollegen online zum Quiz "Jeopardy" oder teilen ihre sportlichen Erfolge im Chat.

In Unternehmen ohne gemeinsamen Arbeitsplatz fällt der Small Talk auf dem Flur zwar weg - doch Themen entstünden auch, wenn sich Kollegen im Video-Chat treffen, sagt Pace. "Einen Einblick in die Wohnung der Kollegen zu bekommen, kann auch ein richtig guter Anknüpfungspunkt für Gespräche sein. Früher ging es vielleicht ums Fußballspiel oder ums Wetter, jetzt ums schöne Bild an der Wand."

Den informellen Austausch versuchen viele Firmen gerade anzuregen, indem sie Verabredungen zum Mittagessen oder Kaffeetrinken ins Internet verlagern - teils auch mit wechselnden, zufällig zugelosten Kollegen.

So auch bei der Digitalberatung Etribes. "Gerade für die Kollegen, die alleine wohnen, ist es eine schöne Abwechslung, mittags zusammenzukommen und sich einfach zu unterhalten", sagt Stefan Luther, einer der Geschäftsführer. Einige Start-ups wie die Weiterbildungsplattform Peers oder das Softwareunternehmen Shyftplan organisieren Spiele, die auch online funktionieren, etwa Activity oder Montagsmaler. Und beim Fintech Raisin stellt die Belegschaft ihre Haustiere in einem eigenen Kanal im firmeninternen Nachrichtendienst Slack vor.

Die digitale Kaffeepause hat nicht nur in Start-ups Einzug gehalten. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Karin Hoisl, der Uni-Professorin, treffen sich jeden Nachmittag um 14 Uhr zu einer Online-Besprechung. Ohne festen Anlass, einfach zum Reden. "Ich bin bei diesem Termin bewusst nicht dabei, um niemandem das Gefühl zu geben, die Arbeit überwachen zu wollen", sagt Hoisl. Sie sieht in der aktuellen Krise sogar eine Chance, auf innovative Ideen zu kommen. "Kreativität lebt von neuen Eindrücken - und die hat man zurzeit, wo viele in ungewohnter Umgebung arbeiten."

Yotribe, die Anwendung von Pascal Steck und seinen Mitgründern, gehört zu den Ideen, die Corona bereits hervorgebracht hat. "Wir möchten unsere Lösung vor allem in Unternehmen und für Events etablieren", sagt Steck. Die Anwendung eigne sich, um bei größeren Meetings kleinere Untergruppen zu bilden, aber auch, um nach Feierabend oder in den Pausen mal wieder privat zu sprechen. Weitere Funktionen sind in Planung, etwa ein Chat und private Konferenzräume, in die kein Dritter eintreten kann.

Den Kontakt von Angesicht zu Angesicht vermissen inzwischen die meisten Menschen

Der Bedarf an neuen digitalen Werkzeugen dürfte noch eine Weile anhalten: So wie die Corona-Krise derzeit verläuft, müssen wohl viele Menschen noch längere Zeit am heimischen Schreibtisch verbringen. Doch wen man auch fragt, den Home-Office-erprobten Unternehmer Eugenio Pace, digital-affine Start-ups oder erfahrene Personalerinnen: Den Kontakt von Angesicht zu Angesicht vermissen sie alle zunehmend. "Er kann ein Stück weit kompensiert, aber nicht ersetzt werden", sagt Anja Michael, die beim Software-Hersteller Avira als Personalchefin arbeitet und als Leiterin einer Fachgruppe beim Bundesverband der Personalmanager die Erfahrungen vieler Kollegen kennt.

So lange es nicht anders geht, begegnen sich die Führungskräfte und Mitarbeiter in den Unternehmen weiterhin auf den Bildschirmen. Um dabei für etwas Abwechslung zu sorgen, kleiden sich die Mitarbeiter von Avira dabei jeden Freitag nach einem bestimmten Motto, beim Start-up Grubengold wird schon mal ein Strandtag ausgerufen, an dem alle im Badeoutfit zur Video-Konferenz erscheinen. Man muss kein glühender Anhänger von Mottopartys sein, um anzuerkennen: Auf abgefahrene Ideen kommen die Menschen auch in Home-Office-Zeiten ganz offensichtlich noch.

© SZ vom 12.05.2020
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