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Krankenversicherung:Privat versichert?  Besser nicht

Studie: So achtet Deutschland auf seine Gesundheit

In Deutschland dürfen sich nur Beamte, Selbständige und Studenten unabhängig vom Einkommen privat versichern. Angestellte müssen mehr als 5212 Euro im Monat verdienen, um wählen zu könnnen.

(Foto: Pexels/obs)

Seit acht Jahren geht die Zahl der Kunden zurück. 2020 könnte besonders schwierig werden.

Von Christian Bellmann und Inge Schlingensiepen, Köln

Im achten Jahr in Folge ist die Zahl der privat Vollversicherten in Deutschland gesunken. Der Branchendienst Map-Report hat die Geschäftszahlen der privaten Krankenversicherer (PKV) unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Die Gesellschaften hatten 2019 in der Krankenvollversicherung unterm Strich 25 000 bis 30 000 Kunden weniger als 2018. Weil von einigen kleineren der 33 untersuchten Unternehmen noch keine Zahlen vorliegen, lässt sich noch nicht final sagen, wie hoch der Rückgang genau ausgefallen ist. In jedem Fall ist das Minus aber höher als in den Vorjahren: 2018 betrug der Rückgang 17 100 Vollversicherte, 2017 lag er bei 19 300.

Seit 2011 hat die Branche insgesamt knapp eine Viertelmillion Vollversicherte eingebüßt. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Anbieter mehr Kunden durch den Wechsel zurück in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) sowie durch Tod verlieren, als sie im Gegenzug an Neueintritten verzeichnen. Die Zahl der Zusatzpolicen, die Kassenpatienten als Ergänzung ihres gesetzlichen Schutzes bei den privaten Anbietern abschließen, nimmt dagegen seit Jahren zu.

Neben der Tatsache, dass die Versichertenbestände der PKV altern, hat der Rückgang auch mit politischen Entscheidungen zu tun: In Deutschland dürfen sich nur Beamte, Selbständige und Studenten unabhängig vom Einkommen privat versichern. Angestellte müssen mehr als die - von der Regierung festgesetzte - Versicherungspflichtgrenze verdienen. Sie beträgt 2020 5212 Euro pro Monat. Wer weniger verdient, muss in der gesetzlichen Kasse bleiben. Allerdings hat die PKV auch von den besser verdienenden Angestellten nicht die Mehrheit versichert.

Etliche Gesellschaften haben zwischen 2018 und 2019 jeweils eine vierstellige Zahl an Vollversicherten eingebüßt. Größter Verlierer in absoluten Zahlen ist die DKV, ein Tochterunternehmen des Düsseldorfer Versicherers Ergo, mit einem Minus von 16 500. Die Allianz hat 10 100 Vollversicherte verloren. Allerdings konnten auch 14 Gesellschaften zulegen - allen voran der PKV-Marktführer Debeka. Der Koblenzer Versicherer verzeichnete 2019 knapp 2,44 Millionen Vollversicherte, das sind unterm Strich über 41 000 mehr als 2018. Die Debeka ist besonders stark bei Beamten, die genau die Hälfte der 8,7 Millionen Privatversicherten ausmachen.

Der Rückgang könnte in dem von der Corona-Pandemie geprägten Jahr 2020 nochmals deutlicher ausfallen. Viele Kunden, die zuvor selbständig tätig waren, arbeiten inzwischen angestellt. Liegt ihr Gehalt unter der Versicherungspflichtgrenze, müssen sie sich gesetzlich versichern. Hinzu kommt, dass gut verdienende Angestellte, die über einen Wechsel in die PKV nachdenken, sich angesichts der unsicheren Lage auf dem Arbeitsmarkt dazu entschließen dürften, diesen Schritt zu verschieben. Und die Vertreter hatten es in den Krisenmonaten schwerer, Policen zu verkaufen. Doch Florian Reuther, Direktor des PKV-Verbandes, will von einem Rückgang 2020 noch nichts wissen. Denn die Pandemie habe auch zu einem höheren Gesundheitsbewusstsein geführt. "Viele Menschen haben sich mit der Kranken- und der Pflegeversicherung beschäftigt", sagt er. Wie sich die Effekte saldieren, werde sich erst Ende 2020 zeigen.

Nach Angaben Reuthers beliefen sich die Mehrkosten der PKV durch die Pandemie bislang auf mehr als eine Milliarde Euro, vor allem durch Sonderzahlungen für Arztpraxen, Krankenhäuser und Zahnärzte. Die Krise werde Schwächen im System aufzeigen, aber auch, dass sich viele Strukturen bewährt haben. Dazu gehöre das duale System von privater und gesetzlicher Krankenversicherung.

Der Map-Report hat in seiner aktuellen Analyse auch untersucht, wie die PKV-Gesellschaften im Zeitraum von 2015 bis 2019 wirtschaftlich dastanden. Beste Gesellschaft war danach die Alte Oldenburger, ein kleiner Anbieter aus Vechta. Den zweiten Platz belegt die LVM aus Münster, den dritten die Wiesbadener R+V.

© SZ vom 07.09.2020
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