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Kosten der Wiedervereinigung:Ein Euro für drei Stunden Lebenszeit

Die Kosten der Wiedervereinigung zu beziffern ist heikel. Jetzt haben Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes herausgefunden: Ein Euro aus dem Westen erhöht die Lebenserwartung der Ostdeutschen um drei Stunden.

Von Malte Conradi

Es gibt Dinge im Leben, von denen lassen Ökonomen und andere Zahlenmenschen besser die Finger. Zum Beispiel die Frage nach den Kosten der deutschen Wiedervereinigung. Kann eigentlich nur schiefgehen. Schließlich lässt sich Freiheit doch nicht in Geld aufwiegen, wer da anfängt zu rechnen, ist ein Zyniker und so weiter.

Kürzlich erst hat das der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Schröder erlebt, als er die Kosten der Einheit auf zwei Billionen Euro veranschlagte. Das entspricht ziemlich genau der gesamten Staatsverschuldung Deutschlands und bringt manch ein Zahlenmensch auf sonderbare Gedanken: Hat sich Deutschland also den Ossis zuliebe einen riesigen Schuldenberg aufgehalst. Schröder beeilte sich noch, anzumerken, dass er die Einheit sehr begrüße, aber es half nichts. Die Sache lief nicht gut für ihn.

Transferleistungen aus dem Westen verlängern Leben im Osten

Und jetzt wird es richtig kompliziert. Das Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock hat nämlich herausgefunden, dass es in der ohnehin schon heiklen Einheitsdiskussion nicht nur um Schulden, Freiheit und neue Autobahnen geht. Sondern um Menschenleben.

Jeder Euro nämlich, den die Ostdeutschen nach der Wende mehr an Rente und Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen bekamen, verlängerte ihr Leben im Durchschnitt um drei Stunden. Die Forscher haben damit nachgewiesen, was lange höchst umstritten war: dass nämlich die Transferleistungen aus dem Westen zu einer höheren Lebenserwartung im Osten geführt haben. Und der größte Teil der bisherigen Einheitskosten entfiel nun einmal auf den Sozialbereich und insbesondere auf die Renten.

1989 lebten die Ostdeutschen im Durchschnitt zweieinhalb Jahre kürzer als die Westdeutschen. Zur Jahrtausendwende betrug die Differenz nicht einmal mehr ein Jahr und 2011 war sie fast verschwunden. Weil die Lebenserwartung auch im Westen stieg, war der Gesamtzuwachs noch größer: Ostdeutsche Frauen lebten 2009 im Durchschnitt 6,3 Jahre länger als zum Zeitpunkt des Mauerfalls, bei Männern sind es sogar 7,4 Jahre mehr.

Vor allem die Älteren profitierten vom westdeutschen Sozialsystem

"Das ist ein großer Erfolg der Wiedervereinigung und trotzdem wird kaum über ihn gesprochen", sagt Studienautor Tobias Vogt. Verantwortlich für diesen Erfolg waren in erster Linie rasant steigende Ausgaben im Gesundheitssystem nach dem Mauerfall. Die DDR habe sich darauf konzentriert, die Arbeitskraft der Jungen zu erhalten und darüber die medizinische Versorgung der Rentner vernachlässigt, sagt Vogt. Und so profitierten vor allem die Älteren von der Einführung des westdeutschen Sozialsystems.

Bisher war unklar, welchen Einfluss Sozialausgaben auf die Lebenszeit der Bevölkerung haben. Nun steht fest: Sie sind auch eine "Investition in ein längeres Leben", wie Max-Planck-Forscher Vogt es ausdrückt. Und ein Euro für drei Stunden Leben - "das ist doch ein relativ geringer Preis", findet Vogt. Das Schöne dabei: Es dürfte nicht einmal Zahlenmenschen einfallen, eine Diskussion darüber zu führen, ob sich diese Transferleistung gelohnt hat.

© SZ vom 16.10.2014/fie
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