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Kosmetik:Mehr Ecken, mehr Kanten

Diese Gefäße sind beinahe brav: Die Flakonhersteller fertigen immer ausgefallenere Designs. Die Luxuskonzerne wollen es so.

(Foto: Heinz Glas PR; Collage Jessy Asmus)

Von Odol bis Opium: Viele Flakons und Cremetiegel kommen aus Oberfranken. Die Firma Heinz-Glas hält sich sogar seit dem Jahr 1622 in der Region. Über eine beständige Branche, in der es immer schneller zugeht.

Wenn Carl-August Heinz die Konkurrenz aus Frankreich erwähnt, dann bezeichnet er sie als Kollegen und lobt deren gutes Glas. Wer seit 397 Jahren mit dem Wettbewerber koexistiert, hat es nicht nötig, ihn schlechtzureden. Aber es freut den Unternehmer dann doch, dass seine Vorfahren bereits im Jahr 1622 im heutigen bayerisch-thüringischen Grenzgebiet mit der Produktion begannen - und die Konkurrenten von Pochet du Courval erst ein Jahr später, nämlich 1623.

Die Vorfahren von Carl-August Heinz stellten Medizinbehälter aus Glas oder auch Schnapsflaschen her, er lässt seit den frühen 1980er-Jahren vor allem Parfümflakons und Cremetiegel produzieren. Eine halbe Million Flakons laufen in Kleintettau am nördlichsten Zipfel Oberfrankens täglich vom Band, ungefähr jeder vierte Flakon in einer gut sortierten Parfümerie stammt von dem Familienunternehmen. An 16 Standorten in 13 Ländern arbeiten insgesamt rund 3200 Menschen. Die Branche, das kann man nach fast 400 Jahren sagen, ist beständig. Der Flakon ist aber auch ein Produkt, an dem sich teils widersprüchliche gesellschaftliche Trends zeigen.

Es ist ein heißer Mittwoch im Januar, zumindest in der Produktionshalle von Heinz-Glas. Das Thermometer zeigt 42 Grad an, im Sommer kann es in der Halle noch deutlich wärmer werden. In einem riesigen Becken wird bei 1500 Grad ein Gemisch aus Sand, Kalk, Soda und alten Glasscherben geschmolzen. Das ganze Jahr über, 24 Stunden pro Tag. Dank eigens angefertigter Formen werden aus der im Schmelzprozess entstandenen Masse die unterschiedlichsten Flakons. Zum Beispiel das eckige Fläschchen für "Opium" von Yves Saint Laurent, "Cool Water" von Davidoff oder auch das Mundwasser von Odol mit dem schnabelförmigen Verschluss.

Es gibt Flaschen, die schon ewig bei Heinz gefertigt werden. Doch die Zahl der Evergreens nimmt ab

Es gibt Flaschen, die bei Heinz seit Jahrzehnten produziert werden. Doch die Zahl der Evergreens nimmt ab. "Als ich vor 44 Jahren voll ins Unternehmen eingestiegen bin, hielt sich ein neues Parfüm durchschnittlich sieben Jahre auf dem Markt. Heute sind es zwei", sagt Carl-August Heinz. Nicht nur in den Filialen der großen Modeketten ist "Fast Fashion" mit neuen Kollektionen im Akkord angesagt. Auch Unternehmen wie L'Oreal, Coty oder Estée Lauder, die hinter den Parfümmarken stehen, bringen laufend neue Düfte heraus. "Das liegt auch an den Konsumenten, die nicht das gleiche Parfüm wie Kollegen oder Freunde tragen möchten", sagt Carletta Heinz, die Tochter von Carl-August, die vor sieben Jahren ins Unternehmen eingetreten ist. Mit dieser Entwicklung geht einher, dass Flakons heute immer absonderlichere Formen haben. Lippenstift, Diamant, Apfel, all das haben sie in Kleintettau schon hergestellt. Je mehr sich die gewünschte Gestalt des Fläschchens von der natürlichen Tropfenform von Glas unterscheidet, desto schwieriger wird es für die Glasmacher, das Design umzusetzen. Gleichzeitig liegt in jeder Ecke und jeder Kante die Chance, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Manche Hersteller geben die Flakons für ein und dasselbe Parfüm bei mehreren Glasherstellern in Auftrag, um zu überprüfen, wer das Design am besten umsetzt. Während früher meist ein Papieretikett auf dem Flakon klebte, wird bei Heinz-Glas heute metallisiert, gesprüht, bedruckt oder gelasert. Manchmal lassen Anbauteile aus Kunststoff auf dem Flakon nicht einmal mehr erahnen, dass sich darunter eine Glasflasche versteckt. Moderne Technik macht es möglich, die Anforderungen des Marktes machen es nötig. "Bei dem heutigen Überangebot ist die Flasche das, was zuerst auffällt", sagt Heinz senior.

Doch die großen Luxusmarken wollen nicht nur immer außergewöhnliche Designs, sondern auch eine nachhaltigere Verpackung. Die Glashersteller müssen dabei einen Spagat bewältigen: Heinz-Glas bietet seinen Kunden etwa an, leichtere Flakons mit einem dünneren Boden zu bestellen. Das spart Material ein und ist gut für die Umwelt, geht aber zulasten der Haptik. Ein Dilemma, das die Glashersteller ihren Kunden erklären müssen - und die Kunden wiederum den Endverbrauchern.

Von den Flaniermeilen, auf denen die Flakons von Heinz samt Inhalt vertrieben werden, ist Kleintettau weit entfernt. Der Ort liegt in einer eher abgelegenen, fast verwunschen wirkenden Gegend an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Über Jahrhunderte hinweg prägte vor allem die Porzellanindustrie den Frankenwald wirtschaftlich. Die 1794 gegründete "Königlich privilegierte Porzellanfabrik Tettau" war die älteste Porzellanfabrik in Bayern. Doch günstigeres Porzellan aus Fernost lief der Manufaktur den Rang ab. Vor einem Jahr schloss die Firma Seltmann Weiden, zu der die Marke bis heute gehört, ihr Werk in Tettau. "Als Glashersteller haben wir das Glück, sehr viel stärker automatisieren zu können als die Porzellanindustrie", sagt Carl-August Heinz. "Deshalb haben wir an diesem Standort überlebt."

Über fehlende Aufträge kann sich Heinz-Glas nicht beklagen. In den vergangenen Jahren ist der Umsatz fast immer gestiegen, zuletzt auf 310 Millionen Euro. Wie es kommt, dass in dem Markt nur wenige, sehr traditionsreiche Unternehmen aus Mitteleuropa agieren? "Die Eintrittsbarrieren sind hoch", sagt Carletta Heinz. Sich eine Schmelzwanne und schwere Maschinen zuzulegen sei teuer - und für Finanzinvestoren unattraktiv. Doch ob das Unternehmen dauerhaft in Deutschland produziert, ist trotzdem ungewiss. In energieintensiven Branchen wie der Glasindustrie blicken Arbeitgeber und Gewerkschaften kritisch auf die Energiewende und sorgen sich um steigende Preise und gehäufte Stromausfälle. Schlimmstenfalls, so drohen sie, müssten Tausende Arbeitsplätze aus Oberfranken ins Ausland verlagert werden. In Tettau, wenige Kilometer entfernt, sitzt mit Gerresheimer ein weiterer großer Glas- und Flakonhersteller. So kommt es, dass im Frankenwald Politiker ein- und ausgehen, die betonen, bei der Energiewende schneller werden zu müssen oder Windräder im Einklang mit der Natur bauen zu wollen.

Noch jedenfalls beliefert Heinz-Glas vom Stammsitz aus die Welt mit Flakons. Seit 1999 gehören auch Luxusmarken aus Frankreich zu den Kunden, die zuvor nur auf heimische Hersteller gesetzt hätten, allen voran auf den ältesten Wettbewerber. "Nach Frankreich war es ein weiter Weg", erinnert sich Carl-August Heinz. So mancher Klassiker von Hermès oder Chanel, darunter auch das berühmte Chanel No. 5, wird bis heute nicht in Franken, sondern ausschließlich in Frankreich bei der Konkurrenz gefertigt. Sie hätten also noch was vor in Kleintettau.

© SZ vom 21.02.2020
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