Kosmetik:Dass Weleda eine eigene Firmenphilosophie hat, ist nicht zu übersehen

Sonst, könnte man sagen, hatte die Firma das Glück, dass sich Markt und Verbraucher an ihr Konzept anpassten - vor allem an das der Naturkosmetik. Denn Weleda stellt auch anthroposophische Arzneimittel her, so viele wie keine andere Firma weltweit. Als sich der Erfinder der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik Rudolf Steiner und die holländische Ärztin Ita Wegman vor rund 100 Jahren zusammentaten, hatten sie vor allem ein medizinisches Konzept im Sinn: Arznei sollte die körpereigenen Heilkräfte aktivieren, statt lediglich die Krankheitssymptome zu bekämpfen. Das war damals radikal. 1921 ging aus zwei von Steiner und Wegman gegründeten Unternehmen Weleda hervor, benannt nach einer germanischen Heilpriesterin. Noch heute basieren die meisten Produkte auf Rezepturen der Gründer.

Von Anfang an stellte die Firma Naturkosmetik und Medikamente her. Wirtschaftlich ist die Arzneimittelsparte jedoch schon lange nicht mehr. Fast drei Viertel der 401 Millionen Euro Umsatz kamen 2017 durch die Naturkosmetik rein. Die Arzneimittel werden querfinanziert. Warum stößt die Firma diese seit Jahrzehnten defizitäre Sparte nicht ab? "Das ist überhaupt keine Option, damit würden wir das Herz der Weleda herausreißen", sagt Ammendola.

Dass Weleda eine eigene Firmenphilosophie hat, ist nicht zu übersehen. Vor dem Gebäude in Schwäbisch Gmünd plätschert ein Brunnen neben einem Bienenstock, im Eingangsbereich liegen Edelsteine in einer Vitrine, den Geschäftsbericht schmückt eine Bildercollage, die Kinder des betriebseigenen Waldorfkindergartens gemalt haben. "Man muss keinen anthroposophischen Hintergrund haben, um hier zu arbeiten", sagt Ammendola in seinem Büro, das erstaunlich klein ist für ein Chefbüro. Aber man sollte in die "Wertekultur" passen. "Die Menschen kommen oft gezielt zu uns, weil wir eine besondere, achtsame Art haben, miteinander und mit der Natur umzugehen", sagt er. "Bei uns steht der Sinn des Tuns im Vordergrund, und nicht nur schnödes Geldverdienen." Gewinnmaximierung sei nicht das oberste Ziel.

Dass man trotz allen sinnvollen Tuns die Umsätze nicht aus den Augen verlieren sollte, zeigte sich im Jahr 2011. Weleda erwirtschaftete auch mit Naturkosmetik keinen Gewinn mehr und stand kurz vor der Insolvenz. Wegen einer Software-Umstellung konnten Rechnungen für bereits versendete Waren nicht gestellt werden, Umsatzziele wurden verfehlt. "Das waren wirklich hausgemachte Probleme, Managementfehler", sagt Ammendola, der erst danach in die Firma kam.

Die Umsätze steigen, wenn auch langsam

Die beiden Hauptaktionäre, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und die Klinik Arlesheim, die 80 Prozent der Anteile von Weleda halten, tauschten den Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung aus. Sie besetzten selbst Schlüsselpositionen im Verwaltungsrat und holten einen externen Sanierer, Ralph Heinisch. Rund 100 Mitarbeiter, vor allem aus der Führungsebene, wurden entlassen, das Sortiment an Arzneimitteln stark gekürzt. Medikamente, von denen 1000 Packungen im Jahr produziert, aber nur zehn verkauft wurden, flogen raus. 2010 hatte Weleda 5000 Arzneimittel im Sortiment, heute sind es noch rund 1000, neben den 120 Naturkosmetikprodukten. "Herr Heinisch schaffte den Turnaround zusammen mit den Mitarbeitenden und schon im nächsten Jahr machten wir wieder Gewinn", sagt Ammendola. Trotzdem verabschiedete man sich im vergangenen Jahr von dem Sanierer, einvernehmlich, sagt Ammendola. Weleda schaffte die Chefposition ab und ersetzte sie durch eine kollegiale Geschäftsleitung, zu der neben Ammendola Michael Brenner und Andreas Sommer gehören.

Das kollegiale Führungsmodell ist auch in der Waldorfkultur verankert. Doch Ammendola bezieht sich lieber auf moderne Managementtheorien wie sie Google, Apple und Spotify nutzten, statt auf die Anthroposophie. Er spricht von agilem Management, vom "Nowland" und "Nextland", von "distributed authority". "Es geht darum, Hierarchien abzubauen und schneller Entscheidungen zu treffen", sagt er. "Nur wer einen besseren Vorschlag hat, kann ein Veto einlegen."

Bis Ende dieses Jahres will Weleda alle Schulden aus der Krise getilgt haben. Die Umsätze steigen, wenn auch langsam, im vergangenen Jahr um knapp drei Prozent. Ammendola und seine Kollegen haben ein weiteres ehrgeiziges Ziel: die Globuli und Salben endlich profitabel zu machen. Langfristig sollen die Arzneimittel die Naturkosmetik sogar überholen. Immerhin ist da die Konkurrenz nicht so groß.

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