Kosmetik Das Prinzip Weleda

Die Rohstoffe bezieht Weleda weltweit: Jasmin wächst beispielsweise in Indien.

(Foto: Weleda)
  • Weleda ist eines der ungewöhnlichsten Unternehmen der Pharma- und Kosmetikbranche.
  • Die Firma ist seit fast 100 Jahren öko. Und die Umwelt steht nach Angaben des Unternehmens über dem Profit.
  • Vor einigen Jahren stand Weleda allerdings kurz vor der Insolvenz. Mit drastischen Sparmaßnahmen schaffte das Unternehmen die Wende.
Von Veronika Wulf, Schwäbisch Gmünd

Im Keller der Naturkosmetikfirma Weleda lagern sechs Millionen Euro. Deshalb nennen sie das hier Schatzkammer, auch wenn er mit seinen Betonböden und den Stellwänden aus Pressspan so gar nicht danach aussieht. Man riecht sofort, in welcher Form hier die Millionen liegen: in ätherischen Ölen. In Fässern groß wie Mülltonnen stehen sie in Metallregalen. Rosenöl, Blutorangenöl, Tonkabohne, Fenchel, Lavendel, Krauseminze. Viele kosten mehrere Tausend Euro pro Liter, wie das schwere, süßliche Moschuskernöl, das mehr als 10 000 Euro kostet.

"Der ganze Markt ist spekulativ wie ein Aktienmarkt", sagt Peter Feldnick, ein hemdsärmeliger Typ in Latzhose, der hier in Schwäbisch Gmünd, wo Weleda seine Hauptproduktionsstätte hat, nach ausgetüftelten Geheimrezepten Düfte mischt. 5000 Kilogramm Rosenblätter braucht man für einen Liter ätherisches Öl. "Als in Ägypten die Ernte ausfiel, hat sich der Preis für Jasminöl verdoppelt", sagt Feldnick. "Auch der für Vanilleöl ist stark gestiegen, als chinesische Händler den Markt nahezu leergekauft hatten, um damit zu spekulieren."

Neben ihm steht Aldo Ammendola, weißer Kittel über dem Anzug. Er ist einer der drei Geschäftsführer der Weleda AG, zuständig für Forschung, Entwicklung und Herstellung. Für Besucher nimmt er sich den ganzen Tag Zeit, mit seinen Mitarbeitern ist er per Du. "Mit synthetischen Duftstoffen hätte man solche Probleme nicht", sagt er. "Aber die verwenden wir nicht."

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Natürlichkeit gehört zum Prinzip von Weleda - seit fast hundert Jahren. Es ist eines der ungewöhnlichsten Unternehmen der Pharma- und Kosmetikbranche: Statt eines Chefs gibt es drei, und die Umwelt steht hier über dem Profit. Die Produkte mit den wasserfarbenbunten Verpackungen standen schon in den Regalen der Bioläden, als Jutebeutel und Birkenstock-Sandalen noch den Ökopuristen vorbehalten waren. Heute ist Naturkosmetik längst keine Nischenware mehr. 2017 machte sie nach Angaben der Beratungsfirma Naturkosmetik-Konzepte knapp neun Prozent des Umsatzes mit Kosmetik in Deutschland aus. Zusammen mit der naturnahen Kosmetik, die neben natürlichen Inhaltsstoffen auch synthetische enthält, sind es sogar 17 Prozent. Die Zahlen steigen jährlich. Immer mehr Produkte sind angeblich bio, natürlich, pflanzlich oder "green". Bei der reinen Naturkosmetik entfällt des Marktforschungsinstituts GfK zufolge fast ein Viertel des Marktes auf Weleda. Die Firma mit Sitz in Arlesheim bei Basel ist nach wie vor Weltmarktführer bei zertifizierter Naturkosmetik. Doch die Konkurrenz wächst.

"Prinzipiell ist es ja schön, dass der Kunde mehr Auswahl hat an Produkten, die ihm guttun", sagt Geschäftsführer Ammendola. Gerade in der Schwangerschaft änderten viele Frauen ihren Konsum und setzten auf natürliche Produkte. Die Calendula-Babycreme ist das meistverkaufte Produkt von Weleda, 4,3 Millionen Tuben füllte die Firma 2017 in Schwäbisch Gmünd ab, mehr als die Hälfte davon wurde in Deutschland verkauft. Weleda gehe noch einen Schritt weiter, indem das Unternehmen nicht nur auf natürliche Inhaltsstoffe achte, sondern vom Anbau der Rohstoffe über die Produktion bis zur Verpackung auf Nachhaltigkeit achte, Lieferanten weltweit streng kontrolliere und fair bezahle.

In einem Gebäude gegenüber der "Schatzkammer" wird jeder Rohstoff genau geprüft. Laboranten sitzen hinter Mikroskopen, in einem Kolben köcheln Kamillenblüten in Wasser. Egal ob es sich um Sesamöl aus Mexiko oder Calendulablüten aus dem Heilpflanzengarten handelt, den Weleda auf einer Fläche von 23 Hektar am Rande der Schwäbischen Alb betreibt - alles wird untersucht. Getrocknete Pflanzenteile werden beispielsweise verbrannt und die Asche gewogen, ätherische Öle werden destilliert, auf Dichte, Säure, Inhaltsstoffe und Geruch getestet. 110 Mitarbeiter arbeiten in der Qualitätskontrolle. Insgesamt beschäftigt Weleda 2400 Mitarbeiter in 19 Ländern, davon 780 in Schwäbisch Gmünd. "Wir schauen in jedes Fass einer Charge rein", sagt Ammendola. Einmal wurden Rückstände eines Zeckenhalsbandes im Rohstoff gefunden, weil ein Sammler beim Ernten von Wildpflanzen seinen Hund dabei hatte. Weledas Produkte sind mit dem strengen Natrue-Label (siehe Kasten) zertifiziert. 83 Prozent der Rohstoffe stammen aus biologischem Anbau, auf künstliche Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe verzichtet die Firma.

"Wir sind dabei, dem Kunden noch besser zu kommunizieren, was hinter den Produkten steht", sagt Ammendola. Denn mit der zunehmenden Konkurrenz wird auch das Marketing wichtiger. Das merkte Weleda bereits Anfang der 90er Jahre und reagierte: mit einem moderneren Verpackungsdesign und neuen Produkten.