Süddeutsche Zeitung

Koruption:Adidas' alte Gespenster

  • Der Sportartikelhersteller Adidas soll eine entscheidende Rolle für die vermuteten schwarzen Kassen rund um die Fußball-WM 2006 gespielt haben.
  • Damit geraten der Konzern aus Herzogenaurach und sein inzwischen verstorbener Ex-Chef Robert Louis-Dreyfus erneut in den Ruch korrupter Geschäfte.

Da ist zum Beispiel die Geschichte mit der Ampel. Wann immer ein Adidas-Chef einen Untergebenen sprechen wollte, habe der Herbeizitierte zunächst in einem Wartezimmer Platz nehmen müssen, bis dort eine auf "Rot" gestellte Ampel auf "Grün" umschaltete. Dann erst habe er ins Chefbüro eintreten dürfen. Der neue Vorstandsvorsitzende Robert Louis-Dreyfus soll baff gewesen sein, als Chefsekretärin Elfriede Schmidt ihm an seinem ersten Arbeitstag bei Adidas das Ampelsystem erklärte.

Lebemann, Marketing-Genie, Geldverleiher

1993 war das, und Louis-Dreyfus, lockiger Lebemann und Spross einer französischen Unternehmer-Dynastie, soll die Ampel umgehend abgeschafft haben. Ob die Geschichte so stimmt, ist nicht erwiesen. Sie passt aber zu dem Bild, das bei Adidas in Herzogenaurach heute noch über den 2009 an Leukämie gestorbenen Louis-Dreyfus gezeichnet wird. Ein unkonventionelles Marketinggenie sei er gewesen, das den Sportartikelhersteller wachgerüttelt, vor der Pleite gerettet, auf Erfolgskurs und an die Börse gebracht habe. "Er hat aus einem rein deutschen Unternehmen einen multinationalen Konzern gemacht", sagt einer, der damals schon dabei war.

Nun geschieht es aber zum zweiten Mal binnen weniger Jahre, dass auch der Name Adidas fällt, wenn von sonderbaren Darlehen des Robert Louis-Dreyfus an Größen der Sportwelt die Rede ist. Erst die Millionen, die er Uli Hoeneß zum Zocken an der Börse lieh. Und jetzt jene 6,7 Millionen Euro, die er dem deutschen Bewerberkomitee für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 pumpte. Mit dem Geld soll eine schwarze Kasse gefüllt und die WM gekauft worden sein, behauptet zumindest Der Spiegel. Der DFB und alle dort Beteiligten dementieren heftig; die Lage ist unübersichtlich. Adidas hält sich raus.

Wenn, dann sei dies die Privatsache von Louis-Dreyfus gewesen. "Wir können ausschließen, dass es sich um einen Geschäftsvorgang der Adidas AG gehandelt hat", so ein Firmensprecher. Tatsächlich gibt es keinen Beleg darauf, dass der Sportartikelhersteller in die rätselhafte Millionenzahlung involviert war. Genauso wenig wie übrigens für die Behauptung im Fall Hoeneß, Louis-Dreyfus habe mit dem Millionendarlehen für den damaligen Manager des FC Bayern München verhindert, dass dort der US-Konkurrent Nike anstatt Adidas als Ausrüster zum Zuge kommt.

Fast vergessene Geister

Dennoch wecken die Vorgänge Geister, die man bei Adidas vertrieben zu haben glaubte. Sie trieben ihr Unwesen, als die zerstrittenen Brüder Adolf und Rudolf Dassler auch mit schmutzigen Tricks um Sportstars als Aushängeschilder für ihre Firmen Adidas und Puma kämpften. Adis Sohn Horst entwickelte in den 1980er-Jahren jenes raffiniertes System der Bestechung von Sportfunktionären, das vielen als Grundlage der Zustände beim Weltfußballverband Fifa gilt. Alles Vergangenheit, sagen sie bei Adidas und fühlen sich zu Unrecht unter Generalverdacht.

Der kommt auf, weil Adidas seit Jahrzehnten in vermintem Gelände Geschäfte macht. Bei der Fifa ist die Drei-Streifen-Marke Sponsor, Lizenznehmer und Ausrüster; der Vertrag läuft bis 2030. Mit dem DFB ist Adidas mindestens genauso eng verbandelt; gerade wird über eine Vertragsverlängerung verhandelt. Sepp Blatter, Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer und andere, deren Namen gerade fallen - sie alle haben eine teilweise lange Geschichte mit dem Sportartikelhersteller.

Aber: Muss das etwas heißen?

Allergische Reaktion auf alte Geschichten

Einer will sich bezüglich trüber Geschäfte überhaupt nichts nachsagen lassen: Herbert Hainer, 61, seit 2001 Vorstandschef von Adidas und damit Dienstältester aller 30 deutschen Dax-Chefs. Er reagiert allergisch, wenn von alten Zeiten auf die Gegenwart geschlossen wird. Zumal kein einziger anrüchiger Vorgang in seine Amtszeit fällt. Als der Fifa-Skandal im Mai mit ersten Festnahmen von Funktionären eskalierte, wurden nach Informationen der Süddeutschen Zeitung intern sämtliche Geschäftsbeziehungen mit dem Fußball-Weltverband überprüft. Alles sauber und korrekt, hieß es danach.

Hainer war direkter Nachfolger von Robert Louis-Dreyfus, nachdem er ein Probejahr als dessen Vize absolviert hatte. Unterschiedlicher allerdings als diese beiden können Manager kaum sein: Einerseits der Filou aus Frankreich, der nur ins Büro kam, wenn er scheinbar nichts Besseres vorhatte, bevorzugt im Helikopter einschwebte und Journalisten schon mal in Badelatschen und einem Fußballtrikot seines Lieblingsvereins Olympique Marseille empfing. Andererseits der bodenständige Metzgersohn aus Niederbayern, der sich seinen Aufstieg hart erarbeitet hat und dem glamouröses Auftreten völlig fremd ist.

Eines allerdings hat Hainer mit Louis-Dreyfus gemein: Auch er kommt ohne Büroampel aus.

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SZ vom 20.10.2015
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