Korruption im Gesundheitswesen Apotheker sollen Krankenkassen mit "Luftrezepten" um Millionen betrügen

Apotheker verdienen gut und genießen großes Vertrauen - manche sind offenbar auch korrupt.

(Foto: dpa)
  • Die Welt am Sonntag berichtet, dass Staatsanwaltschaften in mehreren Bundesländern gegen Apotheker ermitteln.
  • Diese sollen "Luftrezepte" abgerechnet haben - also für Medikamente abkassieren, die gar nicht über ihre Ladentheke gegangen sind.
  • Transparency International schätzt, dass im Gesundheitswesen jährlich bis zu 2,8 Milliarden Euro Schaden durch Betrug und Korruption entstehen.

Auf ihre Apotheker lassen die meisten Menschen in Deutschland nichts kommen. Jahr für Jahr ergeben Umfragen einen großen Vertrauensvorschuss, Pharmazeuten zählen zu den angesehensten Berufsständen. Dieses Vertrauen könnte jetzt nachhaltig erschüttert werden: Angeblich ermitteln derzeit Staatsanwaltschaften in mehreren Bundesländern gegen Apotheker, es geht jeweils um millionenschwere Betrugsverfahren.

Wie die Welt am Sonntag (WamS) berichtet, sollen die Beschuldigten sogenannte Luftrezepte ausgestellt haben. Dabei rechnen sie Tausende von Verschreibungen mit den gesetzlichen Krankenkassen ab, obwohl sie die verschriebenen Medikamente nie ausgehändigt haben. Sie machen dabei gemeinsame Sache mit Ärzten oder Patienten.

Korruption im Gesundheitswesen ist ein riesiges Problem

Im vergangenen Jahr haben die gesetzlichen Kassen knapp 35 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Die Organisation Transparency Deutschland schätzt, dass zwischen zwei und acht Prozent des Geldes durch Korruption oder Betrug versickern - das wären im Extremfall bis zu 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Schätzung umfasse sowohl "Gelder, die Apotheker veruntreuen" als auch "Zuwendungen, die Ärzte für die umstrittenen Anwendungsbeobachtungen erhalten", sagte Transparency-Deutschland-Gesundheitsexperte Wolfgang Wodarg.

Die gesetzlichen Krankenkassen decken jährlich Betrügereien durch Apotheker in Höhe von 16 Millionen Euro auf - doch das sei nur die Spitze eines Eisbergs, vermuten Gesundheitsökonomen wie Gerd Glaeske. "Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass Betrug durch Apotheker auffällt." Es gebe üblicherweise nur wenige Mitwisser, und wenn diese sich nicht gerade gegenseitig verpfiffen, schöpfe niemand Verdacht.

Die Apothekerverbände wollen keinen Betrug im großen Stil sehen

Insbesondere der Betrug mit den Luftrezepten sei beliebt. Das liege an einem Fehler im System, sagte Glaeske der WamS. "Arzneirezepte sind der letzte Bar-Scheck, den wir in unserer Gesellschaft nutzen." Die Krankenkassen vertrauen den Apothekern und zahlen das Geld für eingereichte Rezepte aus. Tatsächlich besorgen sich die Pharmazeuten die Verordnungen aber von ebenfalls kriminellen Ärzten oder teilen sich den Gewinn mit Patienten, die ihnen die Rezepte geben, ohne das Medikament zu erhalten. Teilweise sind die Scheine auch komplett gefälscht.

Nur wenn Apotheker über einen längeren Zeitraum ungewöhnlich hohe Beträge abrechnen oder es anonyme Hinweise gibt, werden die Kassen misstrauisch. Doch selbst dann ist der Nachweis schwierig. Bis ein Verfahren abgeschlossen ist, dauert es oft mehrere Jahre, da die Ermittler riesige Datenbestände durchforsten müssen. Auf Anfrage der WamS wollten die beiden großen deutschen Apothekerverbände DAV und ABDA Betrügereien in Einzelfällen nicht ausschließen. Allerdings gebe es keine Hinweise, dass es sich um eine weitverbreitete Masche handle.

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