Kooperation von Foodsharing und Tafeln Vereint gegen die Verschwendung

Essenausgabe einer Tafel in Düsseldorf.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die deutschen Tafeln sammeln seit mehr als zwanzig Jahren übriggebliebene Lebensmittel von Supermärkten oder Bäckereien ein und verteilen sie an Bedürftige.
  • Jetzt hat der Bundesverband eine Kooperation mit der Online-Plattform Foodsharing geschlossen, die ursprünglich verwertbare Reste online unter Privatpersonen vermittelte.
Von Pia Ratzesberger

Um zu begreifen, wie viele Lebensmittel in Deutschland jährlich im Müll landen, stelle sich die Strecke von Düsseldorf nach Lissabon vor - und wieder zurück. Vom Westen Deutschlands bis zum Westen Portugals sind es hin und zurück mehr als viertausend Kilometer. Eine solche Route müsste man mit Sattelschleppern säumen, um all das Essen zu transportieren, das die Deutschen jährlich wegwerfen: mehr als zehn Millionen Tonnen. Im Wert von mehr als 20 Milliarden Euro.

Eine altbewährte Instanz, die seit den 90er Jahren gegen diese Verschwendung ankämpft, sind die deutschen Tafeln. Sie hatten zuletzt Konkurrenz aus dem Netz bekommen, durch die Plattform Foodsharing. Gegründet von dem Regisseur des Dokumentarfilms "Taste the Waste", Valentin Thurn, und unter anderem Aktivist Raphael Fellmer im Jahr 2012. Ursprünglich war die Webseite dazu gedacht, Reste aus dem Kühlschrank von Privatperson an Privatperson zu vermitteln. Mit der Zeit jedoch meldeten sich immer mehr Einzelhandelsketten, Supermärkte und Bäckereien bei dem Projekt, mittlerweile machen deren Gaben mehr als 90 Prozent der Lebensmittel aus.

Bedürftigkeit geht vor Nachhaltigkeit

Die beiden Organisationen hätten sich also gegenseitig die Zulieferer abwerben können, haben aber erkannt, dass sie das selbe Ziel verfolgen: weniger Essensmüll. Deshalb starten sie nun eine Kooperation: "Kleinstmengen an Lebensmitteln, zum Beispiel von Privatpersonen, können wir oftmals nicht abnehmen, weil der logistische Aufwand einfach zu groß wäre", sagt Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Tafel. Das Ziel sei, solche Stellen in Zukunft an Foodsharing zu verweisen, deren Nutzer kommen dann mit dem Lastenfahrrad oder dem Privatauto vorbei. Auch an Samstagen, an denen die meisten Tafeln geschlossen sind.

Foodsharing wiederum soll große Lieferanten an die Tafeln vermitteln - denn die kommen mit großen Mengen besser zurecht. Und geben das Essen im Gegensatz zu Foodsharing außerdem ausschließlich an Bedürftige ab. "Bedürftigkeit geht in diesem Fall vor Nachhaltigkeit", sagt Thurn.

Unterschiede bei den Hygienevorschriften

Nicht nur bei den Abnehmern allerdings unterscheiden sich die zwei Organisationen: Die Tafeln sind rechtlich wie ein Lebensmittelunternehmen gestellt, Foodsharing dagegen nicht. Die Mitglieder der Plattform sind deshalb weniger stark an bestimmte Hygienevorschriften gebunden. Zum Beispiel können ihre Mitglieder auch bereits zubereitete Gerichte mitnehmen, zumindest wenn sie nur in der Küche oder in Styropor verpackt bereit standen. Lebensmittel von offenen Buffets dagegen sind auch für Foodsharing tabu. Wer prüft, dass nichts verdorben ist? "Unsere Leute holen das Essen persönlich ab, nehmen einen Teil davon für sich selbst und können die Qualität deshalb direkt kontrollieren", sagt Valentin Thurn.

Von der Kooperation erhofft er sich auch, Ressentiments entgegenzuwirken. Denn Konkurrenz macht misstrauisch: "An manchen Tafel-Standorten wurden unsere Ehrenamtlichen in der Vergangenheit kritisch beäugt. Durch die offizielle Kooperation wollen wir solche Ängste ersticken, bevor sie größer werden", sagt Thurn.

Mehr als 80 000 Menschen teilen über die Plattform bereits Lebensmittel, etwa 6000 haben sich bereit erklärt, in ihrer Freizeit Essen von Betrieben abzuholen und weiterzuverteilen. Im Vergleich mit den fast 60 000 Ehrenamtlichen der Tafel ist das zwar wenig - die Mitglieder sind im Schnitt allerdings meist jünger. Auch deshalb kann sich die Plattform damit schmücken, Teil einer großen neuen Bewegung zu sein, die sich der Nachhaltigkeit und dem Teilen verschrieben hat. Große Einzelhandelsketten lockt das natürlich. Denn sie wollen im Zweifelsfall nicht nur sozial wirken - sondern auch hip.