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Kooperation:Bankgeschäft in der Wolke

Deutsche Bank in Frankfurt

Im Sommer verständigte sich die Deutsche Bank auf eine strategische Partnerschaft mit Google.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Kreditinstitute wollen ihre veraltete IT mit der Cloud erneuern. Die Deutsche Bank verspricht sich etwa Vorteile durch eine Partnerschaft mit dem Cloud-Anbieter Google.

Von Meike Schreiber

Die Aussage des früheren Deutsche-Bank-Chefs John Cryan, wonach die IT des größten deutschen Geldhauses "lausig" sei, ist inzwischen legendär. Und tatsächlich hat sich das Institut lange mit einer veralteten Infrastruktur herumgeschlagen. Vor fünf Jahren gab man dann das Ziel aus, dass bis 2020 von 45 IT-Systemen der Bank nur noch vier übrig sein sollen. Daraus wurde nichts. Der neue IT-Vorstand Bernd Leukert, der vor einem Jahr von SAP zur Deutschen Bank wechselte, hat inzwischen ohnehin die Strategie geändert und setzt für die IT-Erneuerung nun voll auf die Cloud.

Im Sommer verständigte sich die Deutsche Bank daher auf eine strategische Partnerschaft mit Google Cloud, in den kommenden Monaten soll dazu ein Vertrag abgeschlossen werden, hieß es im Juli. Fast jede große Bank nutzt inzwischen Dienste in der Datenwolke, aber die Kooperation zwischen Deutscher Bank und Google geht noch einmal weiter: Es geht nicht nur um die Nutzung von IT-Dienstleistungen und das Sparen von Kosten, sondern auch darum, alte Systeme zu modernisieren und Produkte zu entwickeln. Durch die Partnerschaft mit Google Cloud gewinne die Deutsche Bank den Zugang zu Technologie in den Bereichen Datenmanagement, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, hieß es. Zu den potenziellen Anwendungen gehörten die Unterstützung von Unternehmen bei der Verwaltung von Barmitteln. Weitere Möglichkeiten seien eine bessere Risikoanalyse oder Produkte zum Schutz der Kundenkonten.

Andere Spieler in der Finanzbranche nutzen die Cloud noch nicht ganz so weitgehend und binden sich auch deutlich weniger eng an einen einzigen Cloud-Anbieter. Die Finanz Informatik Technologie Service, Tochter des Sparkassen-IT-Dienstleisters, will zum Beispiel neben Google auch die Konkurrenten Amazon, IBM und Microsoft anbinden. Zudem halten sich laut Jahresbericht der Finanzaufsicht Bafin viele Institute noch zurück bei der Auslagerungen kritischer Prozessen in öffentliche Clouds - Grund sind Bedenken wegen Cyberrisiken, Datenschutz- und Verschlüsselungsfragen. Tatsächlich sehen Experten auch die Gefahr, dass sich Banken zu sehr großen Techkonzernen ausliefern. Die Nutzung einer Cloud habe zweifelsohne Vorteile, sagt Timo Kob, Gründer von Hisolutions, einem Security- und IT-Management-Beratungshaus, das für rund drei Viertel der größten zwanzig Banken im deutschsprachigen Raum arbeitet. "In dem Moment, in dem ich meine ganze Technologie zu Google verlagere, gebe ich ja auch bestimmte Geschäftsgeheimnisse preis, also wie funktioniert Bankgeschäft eigentlich in der Tiefe". Google sei eben nicht nur eine harmlose Suchmaschine, sondern auch ein potenzieller Konkurrent und im Zweifel stärke man mit der Zusammenarbeit ausgerechnet einen Wettbewerber. "Wenn ich mit dem Wölfen heule, dann bin ich bald womöglich selber nicht mehr existent", warnt der IT-Experte. Die Sorge um die sensiblen Daten von Bankkunden treibt Kob derweil weniger um, die seien auch bei Cloud-Nutzung sicher.

Außerdem sind offenbar noch viele Dinge ungeklärt. Wenn eine Bank zum Beispiel für eine forensische Untersuchung - nach Fehlverhalten von Mitarbeitern - ihrer eigenen Daten untersuchen will, kann es womöglich schwierig werden, diese Daten beim Cloud-Anbieter zu erhalten. "Der Cloud-Anbieter wird der Bank die Festplatte wahrscheinlich nicht geben, weil sich eine Bank etwa eine Public Cloud mit vielen anderen Kunden teilt", sagt Kob. "Und die wollten ja nicht, dass diese Festplatte dann an jemand Fremden herausgegeben wird. Die großen Cloud-Anbieter sind da in der Regel auch nicht so kooperativ". Auch aufsichtsrechtlich ergeben sich noch Fragen, zum Beispiel dazu, wie die Banken ihren Prüfpflichten bei den Cloud-Anbietern nachkommen können. Man arbeite mit den Cloud-Anbietern an einem brauchbaren Modus, heißt es bei der Aufsicht.

In der Branche hoffen ohnehin viele auf eine europäische Cloud- und Dateninfrastruktur, und tatsächlich nimmt das entsprechende Projekt namens Gaia-X inzwischen Formen an. Mitte September unterzeichneten 22 Gründungsmitglieder aus Deutschland und Frankreich die Urkunde, mit der die Non-Profit-Organisation Gaia-X AISBL mit Sitz in Brüssel gegründet wurde. Auf deutscher Seite sind unter anderen BMW, Bosch, Deutsche Telekom, Fraunhofer Gesellschaft, SAP und Siemens mit an Bord.

© SZ vom 25.09.2020
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