Konzertbranche:Gestrandete Rockstars

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Konzertbranche: Bunte Tourbusse, Wohnmobile, Partykeller: Wenn Rockbands zu ihren Konzerten wollen, müssen sie mobil sein - oft monatelang. Doch die Preise sind massiv gestiegen, erste Tourneen platzen.

Bunte Tourbusse, Wohnmobile, Partykeller: Wenn Rockbands zu ihren Konzerten wollen, müssen sie mobil sein - oft monatelang. Doch die Preise sind massiv gestiegen, erste Tourneen platzen.

(Foto: Andie Mills/mauritius images)

Eigentlich sollte das Geschäft mit Konzerten jetzt wieder richtig losgehen. Doch die Preise für Tourbusse sind auf Rekordhöhe, gleichzeitig fehlen Fahrer. Erste Bands mussten ihre Gigs schon absagen.

Von Thomas Fromm

Vor ein paar Jahren gab der Gitarrist der britischen Ur-Punk-Band The Damned, Captain Sensible, dieser Zeitung ein Interview. Nicht irgendwo, nicht an irgendeiner Bar, sondern im Tourbus der Band. Der stand an jenem Abend in einem Hinterhof im Münchner Stadtteil Sendling, der Captain hockte in kurzen Hosen und grauen Wollsocken gemütlich auf seiner Schlafkoje, daneben ein Kühlschrank voller Bierdosen, von denen er an diesem Abend einige herauszog. Gemütlich hatten sie es sich hier gemacht, die Briten. Wenn man schon Abend für Abend ein Konzert geben muss, wenn man wochenlang in Europa unterwegs ist, jeden Tag an einem anderen Ort, dann wird so ein Tourbus Ersatz für alles Mögliche. Die eigene Wohnung, den Pub, das Tour-Büro, die Party-Zone, eine Art Wohngemeinschaft mit angeschlossenem Proberaum.

Tourbus? Home, sweet home.

Doch die Zeiten haben sich ziemlich geändert, Bands sind gerade froh, wenn sie überhaupt noch einen Tourbus bekommen. Die Kosten werden immer höher, es gibt immer weniger Busfahrer, Tourneen sind in Gefahr. Wie die Dinge laufen, war spätestens klar, als die US-Thrash-Metal-Band Anthrax neulich die Termine ihrer Europa-Tour absagte - wegen der hohen Reisekosten und "unlösbarer logistischer Themen". In den sozialen Medien klärte die Band die Sache später auf: So eine Tournee funktioniere eben nicht, "wenn sich die Preise für Tour-Busse verdoppeln und verdreifachen".

1500 statt 800 Dollar - am Tag

Und als die US-Rocker Cold aus Florida im Sommer auf große Tour gehen wollten, kam ihnen etwas Unvorhergesehenes dazwischen: Der Tourbus-Veranstalter erklärte ihnen, dass kein Bus mehr verfügbar sei für diese Tour. Alternativen habe es gegeben - für 1500 statt 800 Dollar am Tag. Die Sache sei so nicht durchführbar gewesen, sagt Cold-Bassistin Lindsay Manfredi. Und so ergehe es gerade "vielen Tour-Bands".

Die Nachfrage nach Konzertbussen ist derzeit besonders hoch - gerade nach der langen Zwangspause während der Corona-Pandemie wollen Bands wieder auf Tour und Fans wieder in die Hallen. Das Problem nur: In der Zwischenzeit haben viele Fahrer die Szene verlassen und arbeiten woanders. Und ist ein Truck mal kaputt, kann es lange dauern, bis er wieder repariert ist - Grund ist der Mangel an Ersatzteilen, die wegen der Lieferkettenprobleme nicht mehr ankommen. "Es ist schlimmer als jemals zuvor", zitiert das Magazin Billboard den Tourorganisator Jamie Streetman aus Nashville. Die Preise seien im Schnitt von 550 Dollar am Tag auf bis zu 800 Dollar gestiegen. Überall würden Tourneen abgesagt - "sie haben einfach keine Möglichkeit, irgendwo hin zu kommen".

Die Top-Acts kommen oft noch ans Ziel - aber was ist mit den kleineren Bands?

Wer das Glück hat, noch einen der begehrten Tourbusse inklusive Fahrer zu bekommen, muss mit massiv erhöhten Energiepreisen kalkulieren: Der Kraftstoff für den Bus, höhere Stromrechnungen für die Konzerte - wer glaubte, seine Tour-Kalkulationen seit Jahren im Griff zu haben, muss in diesen Monaten noch einmal schwer nachrechnen. Die Großverdiener und Top-Acts der Branche können die massiv gestiegenen Preise am Ende noch auf die Tickets schlagen - niemand lässt sich vermutlich ein Konzern der Rolling Stones oder von Ed Sheeran entgehen, weil die Karten am Ende teurer sind als erwartet. Nur: Was ist mit den vielen kleineren, nicht ganz so bekannten Musikern? Kleinere Bands mit kleineren Gigs in kleineren Hallen gehen dann oft leer aus - es beginnt schon damit, dass sie das Geld für den Tourbus nicht haben.

In den frühen Jahren der Popmusik kam es übrigens noch vor, dass Musiker in einem Zugabteil saßen. So wie die Beatles in ihrem 1964er-Film "A hard days night". Da saßen John, Paul, George und Ringo in ihrem Abteil, rissen ein paar seichte Witze, schnitten Grimassen, ärgerten einen Mitreisenden. Dann ein kurzer Auftritt vor den Fans - und das alles in schwarz-weiß. Vielleicht müssen Rockmusiker einfach wieder öfter auf die Schiene. Das könnte lustig werden, auch für all die, die sonst noch so im Zug sitzen.

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