Konzerne überbrücken Engpässe Kurzarbeit rettet 300.000 Jobs

Alle profitieren von der Kurzarbeit. Die Unternehmen sparen Lohnkosten und behalten ihre Fachkräfte, die Fachkräfte behalten ihre Jobs. In der Wirtschaftskrise hat sich das Instrument extrem gut bewährt.

Kurzarbeit ist eines der wichtigsten Mittel zur Krisenbekämpfung. Mehr als 300.000 Jobs wurden mit ihr vorerst gerettet, erklärte Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, in Nürnberg. Er erwartet 2010 einen Rückgang und damit weniger Kosten, dennoch werden auch dieses Jahr noch viele Konzerne auf die staatliche Unterstützung zurückgreifen, wie eine SZ-Umfrage ergab.

Kurzarbeit bei Ford: Vor allem die deutschen Autohersteller nutzen das dem arbeitsmarktpolitische Instrument.

(Foto: Foto: ddp)

Alle profitieren von der Kurzarbeit. Die Unternehmen sparen Lohnkosten und behalten ihre Fachkräfte, die Fachkräfte behalten ihre Jobs. Das Ausland beneidet die Deutschen um dieses Instrument, das die Erwerbslosigkeit im internationalen Vergleich gesehen in Grenzen hält. 2009 waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 1,1 Millionen Menschen betroffen, nach 40.000 vor einem Jahr. Bei ihnen fiel im Schnitt ein Drittel der Arbeitszeit aus.

2010 hat die Bundesagentur für Arbeit Kosten in Höhe von drei Milliarden Euro eingeplant; sie rechnet nun mit 530.000 Betroffenen. Im Vorjahr zahlte die Behörde 4,7 Milliarden aus für 1,1 Millionen Personen.

Absatz bei der E- und S-Klasse zieht wieder an

Zu den größten Unternehmen, die Kurzarbeit weiter nutzen werden, gehört Daimler. Von den 160.000 Beschäftigten in Deutschland arbeiten zur Zeit 27.400 weniger, davon 14.600 in der Pkw-Herstellung und 12.800 in den Lastwagenwerken. Für letztere wurde die Kurzarbeitsvereinbarung bis Ende Juni verlängert, da das Lkw-Geschäft um die Hälfte eingebrochen und kaum Besserung in Sicht ist.

Ohne Kurzarbeit kommt ab Januar das größte Pkw-Werk von Daimler aus - das in Sindelfingen. Der Absatz der beiden Renommierautos E- und S-Klasse ziehe wieder an, sagt eine Konzernsprecherin. In Rastatt, wo die A-Klasse produziert wird, soll noch im Januar kurzgearbeitet werden, ebenso in Berlin und Untertürkheim. Im Werk Bremen hält die Kurzarbeit dagegen noch im ganzen ersten Quartal an.

Bosch erstmals mit roten Zahlen

Ähnlich ergeht es Bosch. Beim weltweit größten Autozulieferer sind zum Jahresende noch 28.500 Mitarbeiter in Kurzarbeit, für weitere 27.000 Beschäftigte gelten verkürzte Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich. "Diese Zahlen werden wir wohl ins neue Jahr mitnehmen", so eine Konzernsprecherin. Wie lange die Kurzarbeit noch gebraucht werde, sei nicht absehbar.

Konzernchef Franz Fehrenbach hatte kürzlich gesagt, es werde wohl 2012 werden, bis Bosch wieder das hohe Umsatzniveau aus der ersten Hälfte 2008 erreiche. Und davon, dass Bosch zum ersten Mal in seiner Geschichte im Krisenjahr 2009 rote Zahlen schreiben wird, geht er sowieso aus. Außerhalb Deutschlands hat Bosch im Krisenjahr 10.000 Stellen abgebaut und hat zum Jahresende nur noch 270.000 Mitarbeiter.

Siemens beschäftigt 405.000 Mitarbeiter, davon 128.000 in Deutschland, 11.000 in Kurzarbeit. Eine Aufschlüsselung der Kurzarbeit nach einzelnen Werken oder Bereichen will Siemens nicht publik machen. Besonders stark gebeutelt ist aber wohl die vom Umsatz her größte Sparte, der Industriebereich, zu dem die Industrieautomatisierung und der Lichthersteller Osram gehören.

Die Auslastung der Betriebe ist zu niedrig, Gerüchte von bevorstehenden Werksschließungen machen immer wieder mal die Runde, auch wenn Siemens-Chef Peter Löscher vor kurzem erklärte, dass es kein konzernweites Abbauprogramm geben werde. Für eine Entwarnung sei es zu früh, bekräftigte das Unternehmen jetzt. Wie es weitergehe, "entscheiden maßgeblich die Kunden mit ihrer Nachfrage nach unseren Produkten."

Schwache Auftragslage bei BMW

Auch BMW führt aufgrund der schwachen Auftragslage wieder Kurzarbeit ein. Nach der Winterpause ab 7. Januar werde im Werk Dingolfing drei Wochen weniger gearbeitet, sagte ein Sprecher. Betroffen davon seien 8000 der 19.000 Beschäftigten.

Während also klassische "Blechbereiche" noch auf den Aufschwung warten, geht es in anderen Branchen bergauf.So hat der Chemiekonzern BASF am Stammsitz Ludwigshafen die Kurzarbeit im November ausgesetzt. An anderen deutschen BASF-Standorten gebe es zum Jahreswechsel nur ganz, ganz wenige betroffene Mitarbeiter, so ein Sprecher.

Merck-Chef erkennt Erholungstrend

Auch beim Pharma- und Chemiehersteller Merck ist Kurzarbeit kein Thema mehr. Laut Firmenchef Karl-Ludwig Kley ist sie in den vergangenen Wochen ausgelaufen. Kley sieht einen klaren Erholungstrend.

Ausgesetzt ist die Kurzarbeit seit Oktober ebenfalls beim Halbleiterhersteller Infineon. "Derzeit ist nichts geplant oder vorgesehen," heißt es beim Unternehmen. Bei der ehemaligen Siemens-Sparte, die jahrelang mit Verlusten kämpfte, entspannt sich die Lage.

Auch beim Anlagenbauer und Gaseproduzenten Linde ist Kurzarbeit kein großes Thema. 2009 waren knapp über 100 Leute im Bereich Engineering betroffen, bei 48.300 Beschäftigten insgesamt. Der Konzern fährt wie andere auf Sparkurs, hat aber 2008 noch das beste Ergebnis seiner Geschichte erzielt.

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