Konsum:Für viele Unternehmen gibt es keinen Anlass, auf Plastik zu verzichten

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Das größte Problem ist, dass das Plastik in vielen Fällen nur kurz verwendet und gleich wieder weggeworfen wird - und manchmal am Ende in Flüssen und Meeren landet. Man könnte versuchen dieses Problem anzugehen, indem man an die Vernunft der Menschen appelliert, bitte weniger Müll zu hinterlassen. In München ist auf den Lastern der Müllabfuhr mittlerweile zu lesen, dass in der Stadt so viel Plastikmüll anfällt, dass man jeden Tag das Siegestor damit füllen könnte oder am Ende jeder Woche einen der beiden fast 100 Meter hohen Türme der Frauenkirche. Die Müllabfuhr mahnt, die Verpackungen verbrauchten enorm viel Rohstoffe, Wasser und Energie. Aber die meisten Menschen ignorieren das, kaufen sich den Kaffee im Wegwerfbecher und im Supermarkt den abgepackten Salat mit abgepackter Soße und Plastikbesteck. Sie sind das bequeme Leben mit Plastik gewohnt und sie werden es nicht freiwillig aufgeben.

Auch die meisten Unternehmen haben momentan keinen Anlass, in großem Stil auf Verpackungen zu verzichten. Zwar bieten viele Supermärkte an den Kassen mittlerweile keine Plastiktüten mehr an, in den Regalen finden sich aber nach wie vor unnötige Verpackungen und entsprechend groß ist ihr Anteil am Plastikmüll: In Europa sind es 60 Prozent. Man wäre deshalb einen großen Schritt weiter, wenn die Unternehmen ihre Produkte nicht mehr in Plastik einwickeln und noch in eine Plastikbox legen würden, samt einer Binde aus Kunststoff.

Das Verhalten der Unternehmen und der Verbraucher wird sich nur durch finanziellen Druck oder finanzielle Anreize verändern. So warb die Europäische Kommission zuletzt dafür, eine Plastiksteuer einzuführen und jedes Kilogramm Plastikmüll, das nicht wiederverwertet wird, mit 80 Cent zu besteuern. Dieser Vorschlag greift zu kurz, denn nicht nur Plastikverpackungen sind problematisch für die Umwelt, sondern alle Einweg-Verpackungen. Was es deshalb braucht, ist eine Steuer auf sämtliche Einweg-Verpackungen.

Zwar müssen die Unternehmen in Deutschland schon jetzt für ihre Verpackungen zahlen, sie entrichten Gebühren an eines der dualen Systeme, die - wie zum Beispiel der Grüne Punkt - vor Ort die Verpackungen einsammeln und sich um deren Recycling kümmern. Die Firmen kommen mit diesen Gebühren dafür auf, dass ihr Müll entsorgt wird, sie zahlen aber nicht für all die Kosten, die entstehen, wenn Meere, Flüsse, Böden und Felder verschmutzt werden. Eine Steuer könnte das mit einpreisen.

Die Idee für solch eine Verpackungssteuer ist nicht neu, über sie wird in Deutschland seit Längerem diskutiert, und schon in den Neunzigerjahren haben sich manche Städte daran versucht. Kassel zum Beispiel besteuerte Plastikteller mit 50 Pfennig und Plastikgabeln mit 10 Pfennig. Dagegen klagte unter anderem McDonalds und war nach zwei Niederlagen am Ende auch erfolgreich. Die kommunale Steuer sei verfassungswidrig, weil sie sich nicht mit dem Abfallrecht des Bundes vereinbaren lasse, urteilte das Bundesverfassungsgericht damals. Das Kasseler Modell war ohnehin schwer zu durchschauen: So galt die Steuer zum Beispiel nur für "Speisen und Getränke zum Verzehr an Ort und Stelle". Wer das eingepackte Sandwich mit nach Hause nahm, für den galt die Steuer nicht. Das erschloss sich kaum jemandem.

Einen neuen Versuch ist es wert. Diesmal allerdings sollten nicht einzelne Städte die Steuer einführen, sondern der Bund für das ganze Land. Mit solch einer Steuer könnte man nicht nur erreichen, dass am Ende weniger Verpackungen in den Supermärkten stünden, sondern auch, dass all jene Verpackungen, die es trotzdem noch geben wird, besser wiederverwertet werden. Ohne ein klügeres Recycling nämlich wird sich das Plastikproblem nicht lösen lassen. Würde man den gesamten Plastikmüll der Welt wiederverwenden, statt die gleiche Menge neu herzustellen, ließen sich Schätzungen zufolge 556 Milliarden Liter Erdöl im Jahr sparen, das wären beim jetzigen Preis für Rohöl weit über 200 Milliarden Euro.

Noch allerdings gibt ist es für Hersteller keine Anreize, recyceltes Plastik zu verwenden. Es ist teurer als neues Plastik, und von der Qualität her sogar schlechter, weshalb nur sechs Prozent des Plastiks in Europa aus wiederverwertetem Material stammen. Den Kunststoffen sieht man genau wie dem Altpapier ihre Vorgeschichte an, dunkle Kunststoffe zum Beispiel können nie wieder zu hellem Material verarbeitet werden, und so werden aus altem Plastik nicht neue Verpackungen, sondern oft Blumenkübel oder Lärmschutzwände.

Es ist wie mit den Zigaretten: Zum Aufhören braucht es einen Anstoß

Die Recyclingquoten in Deutschland sind zwar nicht schlecht, sie besagen aber lediglich, wie viel Prozent des Mülls in einer Sortieranlage ankommen - und nicht, wie viel davon tatsächlich wiederverwertet wird. Wenn in einer Spülmittelflasche heute 15 Prozent recyceltes Plastik enthalten ist, gilt das schon als Erfolg. Deshalb braucht es intelligentere, besser recycelbare Kunststoffe. Die Europäische Kommission hatte Anfang des Jahres angekündigt, 100 Millionen Euro für deren Erforschung bereitzustellen.

Noch wichtiger wäre aber, dass die Politik mit einer Verpackungssteuer eingreift: Diese Steuer sollte so ausgestaltet sein, dass Verpackungen aus neuem Plastik sehr hoch besteuert werden - und Verpackungen, in denen viel wiederverwertetes Material steckt, niedrig besteuert werden. Das Ziel solch einer Steuer muss sein, dass die Spülflasche aus neuem Plastik im Supermarkt am Ende mehr kostet als die Flasche aus recyceltem Kunststoff. Dann würden auch jene Menschen die Flasche aus dem alten Kunststoff kaufen, denen Recycling eigentlich egal ist, die aber auf den Preis achten.

Mit dem Plastik verhält es sich am Ende ähnlich wie mit den Zigaretten, von sich aus schaffen es die wenigsten, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie brauchen dafür einen Anstoß von außen, einen Eingriff des Staates. Solange die Unternehmen nicht für ihre Verpackungen und deren Folgen zahlen müssen, wird es immer noch mehr Müll geben - und sich das Plastik irgendwann nicht nur in den Mägen von Walen finden. Auf den Feldern zumindest liegen die Plastikteilchen schon. Manche Bauern verwenden Dünger aus Biogasanlagen, die wiederum schreddern Abfälle aus dem Supermarkt. Unverkaufte Joghurts zum Beispiel. Mitsamt der Verpackung.

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