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Konjunktur:VW hofft auf China

Auch für Europas größten Industriekonzern hat das Virus heftige Folgen: 1,5 Milliarden Euro Verlust im Halbjahr. Trotzdem ist die Stimmung gar nicht so schlecht, denn auf dem wichtigsten Markt kaufen die Leute wieder.

Von Max Hägler

(200712) -- CHANGCHUN, July 12, 2020 -- People visit the display area of FAW-Volkswagen during the 17th China Changchun

Volkswagen bei einer Automesse im Juli in China. Dort kaufen die Leute wieder Autos.

(Foto: Yan Linyun/imago)

Wer allein auf die derzeitigen Zahlen blickt, dem kann Angst und Bange werden. Die Lage bei Europas größtem Industriekonzern Volkswagen passt zum Bruttoinlandsprodukt: Beides ist am Donnerstag veröffentlicht worden, beides ist historisch miserabel. Das BIP schrumpfte im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorquartal um zehn Prozent.

VW fuhr wie erwartet einen Milliardenverlust ein. Knapp ein Drittel weniger Fahrzeuge hat der Konzern im ersten Halbjahr verkauft. Der Umsatz fiel um ein Viertel. Statt neun Milliarden Euro Gewinn im operativen Geschäft (2019) steht jetzt in den Wolfsburger Büchern ein Verlust von 1,5 Milliarden Euro.

Damit reiht sich VW ein in eine Schar von Firmen in aller Welt, denen die Pandemie das Geschäft verhagelt. In der Autobranche haben von Aston Martin über Daimler, General Motors, Renault bis hin zu Volvo fast alle im zweiten Quartal rote Zahlen. "Das erste Halbjahr 2020 war durch die Covid-19-Pandemie eines der herausforderndsten in unserer Unternehmensgeschichte", sagte VW-Finanzvorstand Frank Witter in einer Telefonkonferenz. Und sprach damit irgendwie auch für die Konkurrenten; bis auf Peugeot und Tesla, die sich im Plus halten konnten. Doch auch wenn das Virus weiter seinen Weg nimmt, so gibt sich das Management in Wolfsburg zuversichtlich. Das Jahr sei "auf keinen Fall abgeschrieben", sagte Witter, er ist mit 61 Jahren durchaus erfahren in den Weltläuften.

Sein Argument: Der Absatz. Das schlimmste sei der April gewesen, als beinahe alles stillstand in der Welt. Doch nun gebe es "in allen Märkten Erholung", bis auf Südamerika. Vor Beginn der dreiwöchigen Werksferien unter anderem im Stammwerk Wolfsburg Anfang dieser Woche habe die Auslastung der deutschen Werke immerhin schon wieder bei rund 60 bis 70 Prozent gelegen, so Witter. Selbst in den USA hätten die Fahrzeugverkäufe angezogen und sich nun stabilisiert - unter dem Vorjahresniveau, das schon, aber nicht völlig miserabel eben. Und dann ist eben China, wo die Verkäufe schon annähernd wieder auf dem Vorkrisen-Niveau angekommen sind, was der Branche insgesamt Hoffnung macht. Von "Anlass zu Optimismus" spricht auch Christian Dahlheim, Chefverkäufer des Konzerns. Über das Jahr gesehen schätzt er den weltweiten Nachfragerückgang nach Fahrzeugen auf 15 bis 20 Prozent. Das wäre etwas erfreulicherweise als manche Analysen, die zuletzt einen Rückgang von bis zu 30 Prozent prophezeiten.

Auch für Konzernchef Diess läuft es nicht ganz schlecht. Die Kollegen schwören ihm Treue

Die Probleme trafen die zwölf Marken im Volkswagen-Konzern unterschiedlich stark: Der Absatz und damit auch das Geschäftsergebnis bei den Lastwagen (Scania, MAN) ist deutlich im Minus. Die Marken Audi, Seat und VW schreiben rote Zahlen, wohingegen Skoda noch einen kleinen Gewinn schaffte und Porsche sogar einen ansehnlichen. Das operative Konzernergebnis am Ende des Jahres soll gravierend unter dem Vorjahreswert landen, aber immerhin noch positiv ausfallen, planen sie bei Volkswagen. Rechnet man die Zahl der Fahrzeuge, dann ist der Konzern derzeit etwa auf dem Stand von 2012. Der Spardruck ist deshalb hoch. "Jede Ausgabe und jede Auszahlung haben wir sozusagen in Manndeckung genommen", sagte Witter im Fußballjargon. Allerdings seien derzeit keine Kündigungen geplant.

Die Rückkehr zum Vorkrisen-Niveau? Dazu sagt Analyst Frank Schwope von der NordLB: Nicht vor übernächstem Jahr. Aber doch in Sichtweite möglicherweise. Also kein Grund, dass einem völlig Angst und Bange wird. "Schön wäre wenigstens eine Null gewesen", urteilt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, "gerade um ein Zeichen zu setzen gegenüber dem entstehenden großen Konkurrenten Peugeot, der sich mit Fiat-Chrysler zusammentut." Die Anlaufprobleme beim Golf hätten wohl Absatz gekostet, aber welches Potenzial im Konzern stecke zeige Škoda: Viel kleiner ist die Tochterfirma, aber sie macht Gewinn - mit Autos, die denen der Marke VW sehr ähnlich sind.

Das mit dem Anlass für Optimismus gilt übrigens auch für Konzernchef Herbert Diess. Der musste vor ein paar Wochen noch um seinen Job kämpfen, weil der Golf und das neue Elektroauto ID.3 Probleme bereiteten und er Aufsichtsräte auch noch der Indiskretion bezichtigte. Er verlor infolge die Hoheit über die Marke VW. In der Telefonkonferenz verlas Finanzchef Witter eine ungewöhnliche Erklärung: "Rauch aus Wolfsburg" sei auch ein Zeichen für das intensive Ringen um Veränderungen in dem Unternehmen. Die wichtigste Botschaft sei, "dass sich Aufsichtsrat und Vorstand ... völlig einig sind, dass unser CEO Herbert Diess die Führung bei der Umsetzung unserer Strategie innehat".

Der Maulwurf

Der Volkswagen-Konzern hat den Maulwurf in seinen eigenen Reihen entdeckt. Nach SZ-Informationen hat der Mitarbeiter gestanden. Er ist seit Mittwoch freigestellt, heißt es aus Konzernkreisen. Der Mann hat den Informationen zufolge gestanden, heimlich Mitschnitte Konzernbesprechungen und Geschäftsverhandlungen mitgeschnitten zu haben. Das Material - angeblich Audioaufnahmen von etwa 50 Stunden Umfang - war am Wochenende vom Online-Magazin Business Insider teilweise veröffentlicht worden. Der Konzern hatte am Mittwoch deshalb Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Kurz danach sei er entdeckt worden. Das Magazin hatte am gleichen Tag weitere Details veröffentlicht, darunter Mitschnitte von einer Verhandlung mit dem Zulieferer Prevent, mit dem VW in heftigem Clinch liegt. Bei einem der zitierten Gespräche waren nach SZ-Informationen nur drei VW-Mitarbeiter anwesend, davon eine Frau. Da man ahnte, dass es sich bei dem Maulwurf um einen Mann handelte, blieben nur zwei Verdächtige, die dann offenbar von der Konzernrevision intensiv befragt wurden. Einer der beiden gestand dann. Ein Motiv sei nicht erkennbar, heißt es aus Konzernkreisen. Die Erkenntnisse sind nun offenbar an die Staatsanwaltschaft übergeben worden. Max Hägler

© SZ vom 31.07.2020

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