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Konjunktur: Ökonom Hirschel:"Das XL steht für übergroßes Wunschdenken"

Das Bruttoinlandsprodukt wächst im zweiten Quartal um sagenhafte 2,2 Prozent und der liberale Wirtschaftsminister Brüderle philosophiert schon von einem "XL-Wachstum". Sommermärchen oder Strohfeuer? Dierk Hirschel, Wirtschaftsexperte der Gewerkschaft Verdi, über die Tücken der aggressiven Exportstrategie und Wachstum auf einem Bein.

Dierk Hirschel, Jahrgang 1970, ist seit Juni Verdi-Wirtschaftsexperte und war zuvor von 2003 an Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Hamburg sowie Bremen und schrieb seine Promotion zum Thema "Ursachen hoher Einkommen" in Lüneburg.

Dierk Hirschel ist Ökonom und Gewerkschafter in Personalunion. Er sagt: "Ohne Einkommenszuwächse kein ausbalanciertes Wachstum."

(Foto: oh)

sueddeutsche.de: Herr Hirschel, das Bruttoinlandsprodukt hat sich im zweiten Quartal um gigantische 2,2 Prozent verbessert. Wann steigen die Löhne?

Dierk Hirschel: Das ist die entscheidende Frage. Wenn der Funke von der Export- auf die Binnenwirtschaft überspringen soll, dann müssen die Löhne steigen. Ohne Einkommenszuwächse kein ausbalanciertes Wachstum.

sueddeutsche.de: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle spricht sogar schon vom "XL-Wachstum". Woher kommt das XL?

Hirschel: Das XL steht für übergroßes politisches Wunschdenken. Das Wachstum ist fast ausschließlich auf die internationalen Konjunkturprogramme zurückzuführen. Wir hängen am Tropf des Exports. Die Firmen investieren nur in den Ersatz, nicht in die Erweiterung ihrer Produktionsanlagen. Lediglich die heimischen Konjunkturprogramme beleben unseren Binnenmarkt.

sueddeutsche.de: Was passiert, wenn die Förderprogramme auslaufen?

Hirschel: Es ist zu befürchten, dass das Wachstum rapide nach unten geht. Nach dem Exit kommt der Breakdown. Wir hätten dann lediglich ein Strohfeuer gehabt.

sueddeutsche.de: Und den vielbeschworenen zweiten Absturz nach einem relativ kurzen Anstieg, den sogenannten Double Dip. Erlebt die Weltwirtschaft ein Horrorszenario?

Hirschel: Dieses Risiko trifft besonders die Vereinigten Staaten. Die Frühindikatoren zeigen, dass sich das dortige Wirtschaftswachstum abschwächt. Entscheidend wird sein, wie die US-Politik darauf reagiert. Aber das grundsätzliche Problem besteht weiterhin: Die USA können auf absehbare Zeit nicht mehr die internationale Konjunkturlokomotive spielen. Verbraucher und Unternehmen in den USA müssen sich in den kommenden Jahren entschulden - einen massiven Nachfrageschub wird es von dort also nicht mehr geben.

s ueddeutsche.de: Was heißt das für Europa?

Hirschel: Europa muss neben Asien zum Wachstumspol für die Weltwirtschaft werden. Aber es ist in keinster Weise absehbar, dass Europa dieser Verantwortung nachkommt, im Gegenteil. In Europa werden überall Sparprogramme geschnürt. Das wird zur Folge haben, dass auf dem alten Kontinent wirtschaftlicher Stillstand droht und das weltwirtschaftliche Wachstum geringer ausfällt.

sueddeutsche.de: Warum hat Deutschland die Krise so schnell abgehakt?

Hirschel: Wir haben eine stark wettbewerbsfähige Industrie. Die heimische Exportwirtschaft hat sehr von den asiatischen Konjunkturprogrammen profitiert - darum die schnelle Erholung. Die Erholung ist aber sehr labil. Der Binnenmarkt ist nach wie vor krank. Wir stehen nur auf dem Exportbein. Für eine kräftige Binnenmarktentwicklung müssten jetzt die Konjunkturprogramme fortgeschrieben werden. Und wir bräuchten vor allem eine bessere Lohnentwicklung. Aber aufgrund des immer weiter wachsenden Niedriglohnsektors ist nicht erkennbar, dass wir hierzulande eine Trendwende in der Lohnentwicklung hinbekommen. Deswegen ist zu befürchten, dass die Impulse aus dem Binnenmarkt weiterhin schwach bleiben werden.

sueddeutsche.de: Als Ökonom schauen Sie rational auf die Zahlen, als Gewerkschafter pochen Sie auf mehr Geld. Ihr Tipp an alle Arbeitnehmer, damit der Chef mehr Gehalt zahlt?

Hirschel: Der Lohn hat immer zwei Gesichter: Er ist einerseits ein Kostenfaktor, andererseits ein Nachfragefaktor. Wir hatten in den vergangenen 20 Jahren aber ausschließlich die Kostenseite im Blick. Jetzt müssen wir stärker auf die Nachfrageseite achten. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, müssen sich Arbeitnehmer organisieren.

sueddeutsche.de: Hat die Bundesregierung die richtigen Konsequenzen aus der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten gezogen?

Hirschel: Nein. Weder die Regierung noch die Arbeitgeberverbände haben die richtigen Lehren gezogen. Die Bundesregierung macht weiter wie vor der Krise. Die Löhne sollen schwächer steigen als die Produktivität. So machen wir deutsche Güter im Ausland preislich wettbewerbsfähiger. Eines wird dabei vergessen: Diese aggressive Exportstrategie führt dazu, dass die europäischen Nachbarstaaten an die Wand konkurriert werden. Am Ende des Tages versinken Griechenland, Portugal, Spanien und Italien im Schuldenmeer. Klamme Spanier und Italiener können aber keine deutschen Waren kaufen.