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Konjunktur:Inflation steigt auf 1,9 Prozent

Jahresrückblick 2016 - EZB-Präsident Mario Draghi

Macht Geldpolitik für die Euro-Zone: EZB-Chef Mario Draghi

(Foto: dpa)

Die Verbraucherpreise erhöhen sich so stark wie zuletzt 2013. Was bedeutet das für EZB-Chef Mario Draghi?

Von Catherine Hoffmann

Ist die Inflation in Deutschland zurück?

Die Verbraucherpreise steigen wieder in Deutschland. Im Januar lag die Teuerungsrate erstmals seit Sommer 2013 bei 1,9 Prozent; im Dezember waren es noch 1,7 Prozent. Damit erreicht die Inflation die Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB). Allerdings schaut die EZB nicht nur auf Deutschland, sondern auf die gesamte Euro-Zone. Und dort waren die Verbraucherpreise im Dezember nur um 1,1 Prozent höher als vor einem Jahr. Allerdings zieht die Inflation nicht nur in Deutschland an, auch in Italien, Frankreich und Spanien steigen die Preise. Die Zwei-Prozent-Marke wird dort aber so bald nicht erreicht werden.

Warum ziehen die Preise jetzt wieder an?

Der wichtigste Grund für den Inflationsanstieg ist der Ölpreis, der in den vergangen zwölf Monaten deutlich anzog. Vor einem Jahr kostete ein Fass der Sorte Brent 34 Dollar, heute sind es 55 Dollar. Das sind 62 Prozent mehr. Doch nicht nur Energie wird teurer, auch Nahrungsmittel kosten mehr. Das Amt berechnet auch eine Inflationsrate ohne Energiepreise, um die Preise ohne diese Effekte beobachten zu können. Das zeigt: Der Anstieg der Inflation 2016 hängt stark mit dem Ölpreis zusammen.

Wird die EZB jetzt ihre lockere Geldpolitik beenden?

Wohl kaum. EZB-Chef Mario Draghi hat bereits im Dezember 2016 das Ankaufprogramm für Staatsanleihen um weitere neun Monate verlängert. Von April an sollen dann statt der bislang 80 Milliarden Euro monatlich noch Anleihen für 60 Milliarden Euro erworben werden. Damit die zusätzlichen Milliarden auch angelegt werden können, wird das Anlageuniversum vergrößert: Die Mindestlaufzeit der Papiere wird von zwei Jahre auf ein Jahr gesenkt und die Renditeuntergrenze von minus 0,4 Prozent wird abgeschafft. Einige Volkswirte sehen in dem reduzierten monatlichen Kaufvolumen den Anfang vom Ende der ultralockeren Geldpolitik. Tatsächlich hat sich Mario Draghi aber alle weiteren Optionen offen gehalten. Er weiß, dass die politischen Unsicherheiten in der Euro-Zone seine Arbeit in den kommenden Monaten nicht einfacher werden lassen. In der Euro-Zone ist das Inflationsziel der EZB von knapp zwei Prozent ohnehin noch lange nicht erreicht.

Warum hält sich Draghi alle Optionen offen?

Die politischen Risiken sind groß. In den Niederlanden, Frankreich und möglicherweise auch Italien stehen Wahlen an, im September wählt Deutschland. Vor allem die Präsidentschaftswahlen in Frankreich könnten zu einer Schicksalswahl für den Euro werden. Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National möchte zu einer nationalen Währung zurückkehren. Sie strebt ein Referendum über den Verbleib im Euro-Raum an. Ein Wahlsieg Le Pens würde die Euro-Zone zweifellos erschüttern. Angesichts der fragilen politischen Lage sieht sich die EZB wohl gezwungen, ihre Beistandspolitik für einige Länder der Euro-Zone fortzusetzen und ihnen bei der Finanzierung ihrer Staatsschulden durch niedrige Zinsen zu helfen. Deshalb werden auch die zuletzt verbesserte Wirtschaftsstimmung für den Euro-Raum und der jüngste Inflationsanstieg in der Euro-Zone von der EZB mit der Aussage beiseitegeschoben, es sei zu früh, im Kampf gegen die Wirtschaftsschwäche bereits den Sieg auszurufen.

Ist mehr Inflation nun gut oder schlecht?

Die EZB und andere großen Notenbanken tun sich seit vielen Jahren schwer, die Inflationsrate auf zwei Prozent zu hieven. Nun werden sich viele Menschen fragen: Wo liegt das Problem, wenn die Preise um deutlich weniger als zwei Prozent steigen? Aus der Sicht eines Verbrauchers wären sogar null Prozent Inflation perfekt, dann blieben die Preise konstant. Allerdings gibt es aus ökonomischer Sicht gute Gründe, weshalb inzwischen alle großen Notenbanken der Welt auf Preissteigerungsraten in Höhe von etwa zwei Prozent abzielen: Eine höhere Inflationsrate bietet Schutz davor, an die Nullzinsgrenze zu stoßen. Sie ist eben auch die Grenze zur gefährlichen Deflation, zu sinkenden Preisen also. Je niedriger die Inflation, desto geringer ist der Spielraum der Notenbank, mit konventionellen Instrumenten die Wirtschaft stimulieren zu können und damit deflationäre Entwicklungen zu verhindern. Deshalb sind aus Sicht der Notenbank zwei Prozent Inflation eine gute Nachricht.

Was bedeutet das für Sparer?

In Deutschland wächst der Unmut über den Anstieg der Inflation und die damit verbundene "Enteignung der Sparer", wie Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon das nennt. Während Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit mit 0,5 Prozent rentieren, steigen die Verbraucherpreise mit zwei Prozent. Unter dem Strich verlieren Anleger mit einer solchen Anlage also Kaufkraft. Die reale Verzinsung beträgt minus 1,5 Prozent. Tatsächlich sind die Realzinsen seit Mitte 2012 fast durchgehend negativ. Für Sparer könnte es in den kommenden Monaten sogar noch schlimmer kommen, wenn Banken zunehmend Negativzinsen auf Kontoguthaben einführen und gleichzeitig die Inflation weiter anzieht. Immer mehr Bankenvertreter und deutsche Volkswirte fordern deshalb eine Rückkehr zu einer normalen Geldpolitik. Damit meinen sie ein Ende des Anleihekaufprogramms und eine schrittweise Erhöhung der Leitzinsen, die gegenwärtig bei null Prozent liegen. Andernfalls sehen sie die Preisstabilität in Deutschland gefährdet. Auf eine Zeit mit steigender Inflation und anhaltend niedrigen Zinsen sind viele deutsche Anleger schlecht vorbereitet. Sie setzen einseitig auf niedrig verzinste Anlagen und riskieren damit eine schleichende Entwertung ihres Vermögens.

© SZ.de/bbr
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