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Konjunktur:Die Welt im Überschwung

Die Wachstumsaussichten sind hervorragend. Den Menschen geht es so gut wie selten zuvor, und doch haben viele Angst. Es stehen große Umbrüche bevor, vieles wird sich ändern.

Illustration von Stefan Dimitrov

So eine gute Konjunktur hat es in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben. Die Erholung setzte nach der Finanzkrise im zweiten Quartal 2009 ein und hält immer noch an - seit 34 Quartalen. Es ist damit der bisher zweitlängste Aufschwung in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wenn er auch das Jahr 2018 und das erste Quartal 2019 unbeschädigt übersteht - und danach sieht es derzeit aus -, wird der Aufschwung mit 40 Quartalen der längste seit Bestehen der Bundesrepublik gewesen sein. Und dies, nachdem im Herbst 2008 eine neue Weltwirtschaftskrise gerade noch hatte verhindert werden können und danach die Zukunft des Euro akut gefährdet war. Jetzt nähert sich die deutsche Wirtschaft sogar der "Überhitzung", wie der Sachverständigenrat der fünf Weisen in seinem jüngsten Gutachten feststellt. Die Reallöhne steigen kräftig, die Konjunktur lebt von der Binnennachfrage.

Die gute Entwicklung ist nicht auf Deutschland beschränkt, sie zeigt sich in fast allen Industrieländern. Die EU-Kommission setzte ihre Wachstumsprognose für die EU von 1,9 auf 2,3 Prozent herauf. In den Vereinigten Staaten versucht Donald Trump, die gute Konjunktur als Beleg für seine Wirtschaftskompetenz zu nutzen. Zu Unrecht. Wenn man den Aufschwung in den USA tatsächlich an Personen festmachen will, dann wären dies Ex-Präsident Barack Obama und Ex-Notenbank-Chef Ben Bernanke, die in der Krise das Richtige taten. Immerhin ist bemerkenswert, dass Trumps erratischer Regierungsstil dem Aufschwung bisher nichts anhaben konnte. Auch die Börsen sind zuversichtlich, dass es in Amerika und dem Rest der Welt gut weitergeht. Die Aktienkurse erreichen einen Höchststand nach dem anderen. Der Dow Jones liegt über 23 000 Punkten, der Dax über 13 000, die Zinsen bleiben niedrig. Was für die Stabilität Europas besonders wichtig ist: Die Aktienkurse an der südlichen Peripherie der Euro-Zone steigen sogar überdurchschnittlich, die Märkte vertrauen darauf, dass Mario Draghis umstrittene Politik an der Spitze der Europäischen Zentralbank wirkt.

Gleichzeitig ist dieser Aufschwung einer der merkwürdigsten der jüngeren Geschichte. Er wird oft gar nicht als solcher wahrgenommen. Vielen Menschen geht es materiell besser, aber sie haben Angst vor der Zukunft, vor Globalisierung und Kontrollverlust. Sie fühlen sich in einer digital vernetzten Welt machtlos und wählen dann aus Frust AfD. Oder sie kämpfen als Globalisierungsgegner gegen die G 20.

Und Deutschland ist dabei noch das geringere Problem. Gerade hat in Tschechien der umstrittene Milliardär, Europa- und Migrationsgegner Andrej Babiš einen überzeugenden Wahlsieg errungen. Damit ist das gesamte östliche Mitteleuropa - Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn - mehr oder minder populistisch. Weltweit ist ein regelrechter Aufstand gegen die digitale, grenzenlose Welt im Gange. Überall wollen sich politische Mehrheiten oder zumindest starke Minderheiten hinter die Grenze von Nationen oder sogar Regionen zurückziehen. Engländer, Katalanen, Tschechen und Ungarn wehren sich, wahlweise, gegen Einwanderer, die Zentralregierung, "Brüssel" oder das Finanzkapital.

Amerika verliert an Einfluss in der Weltwirtschaft, und China gewinnt

Profiteur dieser Entwicklung ist unter anderem US-Präsident Donald Trump. Die Angst einer großen Zahl von Amerikanern vor der Globalisierung und ihren Folgen hat ihn an die Macht gebracht. Sein Sieg zeigt einerseits, wie gespalten Amerika ist, andererseits ist er ein Risiko für Wohlstand und Stabilität in der ganzen Welt. Amerika hat in den zehn Monaten seit Trumps Amtsantritt wahrnehmbar an Gestaltungswillen und Einfluss in der Welt verloren. Trumps Parole "America first" ist in Wirklichkeit die Preisgabe eigener Interessen. Das Weltwirtschaftsforum im Januar in Davos markiert in dieser Hinsicht einen Einschnitt: Chinas Präsident Xi Jinping präsentierte sich als der große Beschützer des Freihandels - völlig ungerechtfertigt, denn China ist hoch protektionistisch, wenn es um die eigenen Interessen geht.

Dem Kern der Europäischen Union - Frankreich, Deutschland, Benelux und Italien - ist heute zwar ein Trump erspart geblieben. Aber auch in Europa ist nichts mehr selbstverständlich. Seit der Flüchtlingswelle im September 2015 und dem Brexit im Jahr darauf ist klar, dass kein EU-Mitglied - vielleicht mit Ausnahme Deutschlands, Frankreichs und Luxemburgs - das in den Römischen Verträgen festgehaltene Ziel einer "immer engeren Union" in Europa teilt. Ob der neue französische Präsident Emmanuel Macron die Reformen im Inneren schafft und zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel ein Programm zur Erneuerung Europas aufstellen kann, ist offen.

Der Historiker Heinrich August Winkler fragt in seinem neuesten Buch: "Zerbricht der Westen?" Man kann es auch so ausdrücken: Den "Westen", wie wir ihn kannten, als Werte- und Handlungsgemeinschaft zwischen Nordamerika und Europa, gibt es nicht mehr. Die Welt ist multipolarer und unsicherer geworden.

Das hat auch mit dem neuen Kurs Chinas zu tun. Unter Präsident Xi Jinping ist die Volksrepublik nach innen rückschrittlich: weniger Meinungsfreiheit, weniger Transparenz und ein Personenkult, der an Mao erinnert. Nach außen tritt Peking zunehmend aggressiv auf, geopolitisch ebenso wie wirtschaftlich. Während die Vereinigten Staaten unter Trump einen defensiven Protektionismus betreiben (Drohung mit Strafzöllen und der Abkehr von der Freihandelszone Nafta), ist der chinesische Protektionismus offensiv: Er besteht zum Beispiel aus einer aggressiven Strategie von Investition in Infrastrukturprojekte entlang einer "Neuen Seidenstraße" von China bis nach Europa, im Hafen von Piräus etwa oder beim Flughafen Hahn im Hunsrück - und in europäische Unternehmen, die technisch führend sind oder Schlüsselpositionen halten. Gleichzeitig bleiben die Hürden für ausländische Investoren in China selbst so hoch wie eh und je. Wie sehr sich die chinesische Führung im Vorteil gegenüber Amerika sieht, zeigte Trumps Staatsbesuch bei Xi Jinping.

Wegen dieses aggressiven Protektionismus sind Investitionen aus China anders zu beurteilen als andere Auslandsinvestitionen: Man weiß oft nicht genau, wer hinter einem Investor steht, man ahnt nur, dass der staatliche Einfluss gewaltig ist. Als im Februar bekannt wurde, dass das chinesische Finanzkonglomerat HNA Group mittlerweile größter Einzelaktionär der Deutschen Bank ist, wurde das zunächst als Vertrauensbeweis für das um seine Zukunft ringende Institut gesehen. Inzwischen nehmen die Zweifel zu, weil niemand genau weiß, wer eigentlich hinter dem Konglomerat steht. Als die Süddeutsche Zeitung im September berichtete, dass HNA auch den Einstieg beim Versicherungskonzern Allianz in München geprüft hatte, waren viele alarmiert. Die Anfrage aus China galt allgemein als "Angriff", der glücklicherweise abgewehrt wurde.

Man sollte die guten Zeiten nutzen, um sich auf die schlechten vorzubereiten

Nicht unbedingt beruhigend ist vor diesem Hintergrund, dass der frühere deutsche Vizekanzler Philipp Rösler in die Dienste von HNA treten wird. Rösler, der bisher Vorstand beim World Economic Forum in Genf war, soll von New York aus die Hainan Cihang Charity Foundation leiten. Der Stiftung gehören, offiziell, 29,5 Prozent von HNA. Röslers Engagement lässt vermuten, dass der Konzern eine PR-Offensive in Europa plant.

Donald Trump: Der US-Präsident gilt als Risiko für die Stabilität.

(Foto: Nicolas Asfouri/AFP)

Und dann die Sorge, dass von China wegen seines unkontrollierten Schuldenwachstums eine neue Finanzkrise ausgehen könnte. Am Rande des Parteitags der KP Chinas im vorigen Monat warnte der scheidende Präsident der Zentralbank von China, Zhou Xiaochuan, vor einem "Minsky-Moment". Das ist eine nach dem amerikanischen Ökonomen Hyman Minsky benannte Situation, in der Investoren nach Jahren des Überschwangs plötzlich erkennen, dass ihre Anlagen faul werden könnten, und deshalb in Panik geraten. Zhous Warnung kann man als gute Nachricht nehmen: Die chinesische Führung kennt die Probleme und ist bereit zu handeln. Oder aber als schlechte: China hat das Problem mit seinen Krediten immer noch nicht gelöst.

Es gab aber auch positive Überraschungen in diesem Jahr. Eine davon war der Wahlsieg von Emmanuel Macron mit seinem uneingeschränkt proeuropäischen Programm. Der hat das populistische Risiko für Europa und den Euro verringert und die europäische Idee neu belebt. Die Frage wird sein, ob die Deutschen - etwa mit einem Finanzminister aus den Reihen der FDP - bereit sein werden, bei der Vertiefung der Europäischen Union auf Macron zuzugehen. Scheitert Macron, hieße die Alternative wohl Marine Le Pen - und das könnte das Ende der EU sein, wie wir sie heute kennen.

In dieser politisch so gefährlichen Situation findet in den Industrieländern eine Revolution statt, die manch einer bereits mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts vergleicht. Sie lässt sich mit vier Stichworten beschreiben: Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Klimawandel und Migration. Die Digitalisierung stellt ganze Wirtschaftszweige auf den Kopf, zum Beispiel im Einzelhandel, wo Kaufhof derzeit nach einer Strategie und einem Eigentümer für die Zukunft sucht. Künstliche Intelligenz erweitert die Möglichkeit der Menschen, sie macht aber auch Angst. Klimawandel bedeutet zum Beispiel, dass die deutsche Autoindustrie, die wichtigste Exportbranche des Landes, sich neu erfinden muss. Währenddessen haben die deutschen Energieversorger die Folgen der Energiewende noch längst nicht bewältigt. Und was massenhafte Migration in unsicheren Zeiten bedeutet, haben die Deutschen seit September 2015 erfahren.

Insofern sollte man die Perspektive ändern: Gut, dass es derzeit einen Über-Aufschwung gibt, der es erleichtert, sich auf die schwierigen Zeiten vorzubereiten.

© SZ vom 15.11.2017

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