Konjunktur:Die Wirtschaft ist entkräftet

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Konjunktur: Kräne im Hamburger Hafen im Gegenlicht. Die Industrie in Deutschland leidet unter Lieferengpässen.

Kräne im Hamburger Hafen im Gegenlicht. Die Industrie in Deutschland leidet unter Lieferengpässen.

(Foto: KJPeters/IMAGO/Beautiful Sports)

Erst Corona, dann der Krieg: Deutschland schrammt nur knapp an der Rezession vorbei. Für die nähere Zukunft drohen noch größere Probleme - auch durch Inflation.

Von Alexander Hagelüken

Der Ukraine-Krieg und andere Faktoren legen die deutsche Wirtschaft lahm. Von Januar bis März nahm das Bruttoinlandsprodukt nur um 0,2 Prozent zu, melden die Statistiker. Das ist praktisch kein Wachstum. Weil die Wirtschaftsleistung bereits Ende 2021 abnahm, stagniert die deutsche Volkswirtschaft also seit Monaten. Das sind schlechte Nachrichten für Beschäftigte und Unternehmen. Und die kommenden Monate könnten noch schwieriger werden.

Konjunktur: Digitale Aufbereitung der SZ-Grafik

Digitale Aufbereitung der SZ-Grafik

(Foto: SZ-Grafik: Jetzig; Quelle:Statistisches Bundesamt)

"Das erste Quartal von Januar bis März ist eine Enttäuschung", urteilt Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). "Die Pandemie schadet der Wirtschaft länger als erhofft. Die Energiepreise sind stärker gestiegen als gedacht. Und der russische Überfall auf die Ukraine macht alles noch schlimmer."

Tatsächlich treffen gleich mehrere Faktoren die Wirtschaft. Seit dem Winter erhöhte die Omikron-Variante den Krankenstand in Deutschland, es fallen also mehr Arbeitnehmer aus, weil sie sich mit Corona infiziert haben. Manche können deshalb nicht arbeiten, andere haben keine Symptome, sind aber in Quarantäne. Diese Ausfälle reduzieren die Wirtschaftsleistung. Für die Ökonomen war es schwer vorherzusagen, wie viele infizierte Beschäftigte in Quarantäne von zu Hause aus wirklich arbeiten. Die Wachstumszahlen zeigen nun: Offenbar etwas mehr als erwartet, sodass die deutsche Wirtschaft wenigstens nicht wie befürchtet in eine Rezession gerutscht ist.

Krieg verschärft die Lieferengpässe

Seit Ende Februar schadet zudem der russische Überfall auf die Ukraine der Wirtschaft. Zum Beispiel fehlten Kabelbäume, die dort sonst gefertigt werden. "Die deutschen Automobilbauer produzierten wochenlang weniger. Im März ist wohl die gesamte Industrieproduktion geschrumpft", sagt Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts.

Der Krieg verschärft die Lieferengpässe weiter, die die deutschen Unternehmen schon seit der Pandemie behindern. Ukrainische Lkw-Fahrer fehlen, außerdem sorgen die neuen Corona-Lockdowns in China dafür, dass dringend benötigte Vorprodukte nicht ankommen.

Diese Lieferprobleme machen auch dem Bau zu schaffen - also ausgerechnet der einzigen Branche, die die deutsche Wirtschaft in der schweren Corona-Krise stabilisierte. "Inzwischen geben die Hälfte aller Unternehmen an, dass sie wegen Materialmangels und hoher Preise weniger bauen", sagt Ökonom Wollmershäuser, "das ist ein negativer Rekord. Firmen fällt es schwer zu kalkulieren: Wie teuer wird das Haus jetzt?" Eigentlich sollten Industrie und Bau dazu beitragen, dass die deutsche Wirtschaft nach dem Corona-Tief dieses Jahr stark wächst. Das klappt jetzt nicht.

Inflation könnte den Konsum dämpfen

Unklar ist, ob der Konsum für den Wachstumsschub sorgen wird, der für 2022 erwartet wurde. Tatsächlich erholt sich seit Januar die Gastronomie. In Restaurants wird so viel reserviert wie vergangenen Sommer, auch Hotels, Reiseveranstalter, Kinos oder Fußballclubs melden mehr Kunden. Die große Frage ist aber, wie sehr die rasant steigenden Preise den Konsum bremsen. Im April kletterte die Inflation auf 7,4 Prozent. "Es gibt eine ganze Reihe Haushalte, die sich wegen der gestiegenen Preise nicht mehr leisten können, Geld fürs Essengehen und anderes auszugeben", sagt Wollmershäuser. Das gelte vor allem für Einkommensschwächere. Besserverdienende Haushalte dagegen haben 200 Milliarden Euro zusätzlich angespart, als in den Corona-Shutdowns 2020 vieles geschlossen war. Sie könnten diese Polster teilweise auflösen, um trotz höherer Preise viel zu konsumieren.

Für die nähere Zukunft ist IMK-Direktor Dullien dennoch skeptisch: "Die großen Schwierigkeiten, die auf die deutsche Wirtschaft zukommen, waren im ersten Quartal noch gar nicht richtig sichtbar." Dullien rechnet damit, dass die hohen Energiepreise den Konsum in jedem Fall dämpfen. Die Entlastungspakete der Bundesregierung könnten das nicht verhindern. Außerdem schaffe der Krieg so viel Unsicherheit, dass sich die Unternehmen mit Investitionen zurückhalten würden. Auch weitere Lockdowns in China könnten deutschen Firmen schaden. "Ich würde aber vermuten, dass die chinesische Regierung eher die Null-Covid-Politik aufgibt, als die Wirtschaft in eine tiefe Rezession zu drücken", sagt Dullien.

Klar ist auf jeden Fall: Der erhoffte starke Aufschwung 2022 fällt wohl aus. Lange Zeit hatten Ökonomen mit bis zu fünf Prozent Wachstum in diesem Jahr gerechnet, was Löhne und Gewinne beflügeln würde. Nun rechnen Konjunkturforscher aufs ganze Jahre gesehen nur noch mit zwei bis 2,7 Prozent mehr Wirtschaftsleistung.

Das wäre immerhin noch ein ordentliches Wachstum. Aber auch dazu wird es nur kommen, falls jene Ökonomen recht behalten, die davon ausgehen, dass die Energiepreise die stärkste Steigerung schon hinter sich haben. Und: Falls weiter russisches Gas in die Bundesrepublik strömt. Ein westliches Embargo oder ein Lieferstopp durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin würde das Bild schlagartig ändern. "Dann würden die Energiepreise noch mal stark steigen", sagt Ökonom Wollmershäuser. "Man müsste einigen Industriesektoren für einige Monate das Gas abdrehen. Durch einen Lieferstopp schrumpft die Wirtschaftsleistung längere Zeit deutlich."

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