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Prognose der führenden Konjunkturforscher:Der Corona-Aufschwung kommt

Impfzentrum Schoenefeld Schoenefeld, DEU, 15.02.2021 - Impfampullen mit dem Covid19 Biontech Pfizer Impfstoff im Impfze

Piksen für die Konjunktur: Das Wirtschaftswachstum hängt vor allem vom Impfen ab.

(Foto: Jochen Eckel/Imago)

Erst impfen, dann springt die Konjunktur wieder an: Die deutsche Wirtschaft könnte nach dem Corona-Schock dieses Jahr wieder um fast vier Prozent wachsen.

Von Michael Bauchmüller und Alexander Hagelüken

Führende Wirtschaftsinstitute machen Hoffnung: Sobald die Infektionsgefahren vor allem durchs Impfen gebannt sind, sehen sie kräftiges Wachstum in Deutschland. Zwar verzögern die aktuellen Schließungen noch die Erholung nach dem Corona-Schock. Doch im Sommer geht es nach Ansicht der Konjunkturforscher richtig ab - wirtschaftlich: Im Jahr 2021 wächst die deutsche Wirtschaft demnach um 3,7 Prozent.

In ihrer Frühjahrsprognose reihen sich die fünf Institute von DIW bis Ifo ins Lager der Optimisten ein. Der Sachverständigenrat oder die OECD erwarten nur drei Prozent Wachstum. Behalten dagegen die fünf Institute recht, wächst das Bruttoinlandsprodukt dieses Jahr so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Den von ihnen vorhergesagten Wert erreichte die Bundesrepublik in den 30 Jahren seit der Wiedervereinigung überhaupt nur zwei Mal. Ein drittes Mal allerdings wäre ganz nach dem Geschmack des Wirtschaftsministers, zumal in einem Wahljahr. Eine Erholung ab Mitte des zweiten Quartals entspreche auch seiner "persönlichen Erwartung", sagt Peter Altmaier. Ende des Monats will er die Frühjahrsprognose der Bundesregierung vorlegen. "Ich bin mir sicher, dass wir die positive Erzählung dann in noch substantiierter Form fortsetzen können", orakelt der CDU-Mann.

Aber klar, noch drücken die fortgesetzten Schließungen von Restaurants oder Geschäften auf die Konjunktur. "Während das industrielle Exportgeschäft schon wieder auf Touren gekommen ist, verharren die kontaktintensiven Bereiche weiter in den Startblöcken", sagt Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft (IfW), der an der Prognose mitgearbeitet hat. Wegen des anhaltenden Shutdowns dürfte die Wirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres um 1,8 Prozent geschrumpft sein, schätzt der ebenfalls beteiligte Ökonom Torsten Schmidt vom RWI-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Forscher erwarten, dass der Shutdown zunächst fortgesetzt wird.

"Der Aufholprozess wird dann ein Sprint sein, kein Dauerlauf"

Mitte Mai werde es dann aber auch für die lange gebeutelten Dienstleister Öffnungen geben. "Impffortschritte, erweiterte Testkapazitäten und auch die milde Witterung sollten das möglich machen", sagt Ökonom Kooths. "Der Aufholprozess wird dann ein Sprint sein, kein Dauerlauf." Bis Ende September würden die Einschränkungen aufgehoben. Durch die Lockerungen rechnen die Forscher im warmen Halbjahr mit kräftigen Umsätzen gerade bei den Dienstleistern. Als größte Risiken sehen die Ökonomen Engpässe bei Impfstoffen und Virusmutanten, die die Wirkung der Impfstoffe reduzieren. Dadurch müssten die Öffnungen möglicherweise gestoppt werden, was den Aufschwung abermals zurückwerfen würde.

So oder so hinterlässt die Pandemie langfristige Spuren in der deutschen Volkswirtschaft. So liege das sogenannte Produktionspotenzial durch die Corona-Krise von 2020 bis 2024 durchschnittlich jedes Jahr um 1,1 Prozent niedriger als zuvor geschätzt. Ihr normales Niveau von vor der Pandemie erreiche die Wirtschaft Anfang kommenden Jahres. 2022 nehme das Bruttoinlandsprodukt noch mal kräftig um knapp vier Prozent zu.

Ohnehin werde es vielen Firmen nicht sofort wieder gut gehen, nur weil Einschränkungen gelockert werden, erwartet Altmaier. "Wir werden innerhalb der Bundesregierung darüber sprechen, ob und wie wir die Überbrückungshilfe III bis Ende des Jahres verlängern können." Ohnehin werde in den nächsten Monaten "weniger über Wahlkampf und mehr über Politik" geredet werden. Wenn er damit mal recht behält.

Der Bundesregierung wird gemeinhin zugeschrieben, durch großzügige Kurzarbeitszuschüsse und andere Hilfen Massenentlassungen durch die Pandemie verhindert zu haben. Es gibt aber auch Kritik. "Die kontaktintensiven Branchen sind durch den langen Shutdown finanziell stark gestresst", sagt Stefan Kooths vom IfW. Wie wirksam die staatlichen Hilfen wirklich sind, werde sich erst zeigen, wenn die Wirtschaft wieder durchstarte. "Mangelnde Zielgenauigkeit lässt leider befürchten, dass während der Pandemie auch die Falschen über Wasser gehalten werden, während andere durchs Raster fallen."

Auf jeden Fall wirbelt die Pandemie die staatlichen Haushalte völlig durcheinander. Dieses Jahr rechnen die Institute mit einem Defizit von 159 Milliarden Euro, noch mehr als 2020. Allerdings nähmen die Steuereinnahmen bereits wieder zu. "Nach der Corona-Krise wird die Wirtschaftspolitik vor der Herausforderung stehen, die Staatsfinanzen wieder auf eine solide Basis zu stellen", schreiben die Forscher in ihrem 90-seitigen Gutachten.

Nach Corona kommt eine große Frage: Wie umgehen mit der alternden Bevölkerung?

Die Institute nehmen eine zuletzt wenig beachtete Herausforderung in den Blick, vor der das Land jetzt steht. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er in den kommenden Jahren in Rente gehen, schrumpft die Arbeitsbevölkerung drastisch. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, gehen jährlich etwa 300 000 mehr Bürger in Ruhestand, als neu ins Berufsleben eintreten. Der Anteil der Rentner im Land steigt deutlich.

Wie dieser Alterungsschub finanziert werden soll, ist ungeklärt. "Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters würde die Staatsfinanzen stützen", schlagen die Forscher im Gutachter vor. Für ein späteres Rentenalter setzt sich allerdings kaum ein Politiker ein.

Wenig diskutiert wird bisher auch, wie sehr die schrumpfende Arbeitsbevölkerung auf die Konjunktur drückt. Nach Berechnungen der Institute fällt das Potenzialwachstum bis 2030 wohl jedes Jahr um einen Prozentpunkt niedriger aus. Um die großen Abgänge von Arbeitnehmern in Rente auszugleichen, bräuchte es auf Dauer etwa 400 000 Zuwanderer im Jahr. Es wirkt unwahrscheinlich, dass künftige Regierungen dies nach dem Streit um die Flüchtlingswelle 2015 durchsetzen wollen.

Ausgeglichen wurden die demografischen Verluste in den vergangenen Jahren teils auch dadurch, dass mehr Frauen arbeiten gingen als zuvor. Allerdings ist die weibliche Erwerbsquote nun schon deutlich gestiegen, weshalb Forscher wenig Zuwächse erwarten.

© SZ
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