Konflikt mit Russland:Fast die Hälfte aller Mittel- und Großunternehmen schreibt rote Zahlen

Und der Konflikt um den russischen Kredit? Den spielen die G-7-Staaten herunter. Russland sei nur ein kleiner Gläubiger, hieß es nach dem Treffen, an ihm werde der Deal mit den anderen nicht scheitern. Was nur die halbe Wahrheit ist. Denn die G-7 wollen die in Moskau aufgenommene Anleihe als privaten Kredit verstanden wissen - die Gläubiger hielten schließlich Bonds, heißt es zur Begründung. Der Fall, dass die Ukraine in Zahlungsrückstand gegenüber den Bonds-Haltern gerate, wird dennoch ausgeschlossen. Die G-7 sei überzeugt, "dass der IWF bleiben wird", sagte ein G-7-Mitglied der Süddeutschen Zeitung.

Selbst wenn der Streit mit Moskau geklärt wird, hat Kiew weitere über 50 Milliarden Dollar Schulden, dazu kommen noch Milliardenschulden etwa der Staatseisenbahn, der Stadt Kiew oder von Staatsunternehmen. Und so ist nicht nur die Ratingagentur Moody's skeptisch, ob die Ukraine dauerhaft zahlungsfähig bleibt. Auch den IWF-Ökonomen zufolge sind die wirtschaftlichen Risiken weiter "außergewöhnlich hoch".

Zwar soll die ukrainische Wirtschaft schon 2016 wieder wachsen. Doch solcher Optimismus könnte verfehlt sein. Für 2015 ging der IWF erst davon aus, dass die ukrainische Wirtschaft um fünf Prozent schrumpfe - zuletzt schon von einem Minus von neun Prozent.

Doch es gibt auch gute Nachrichten für die Ukraine: Exporteure verkaufen ukrainische Lebensmittel, die früher nach Russland gingen, nun nach China. Auch die Konjunkturlokomotive Metallindustrie - durch den Verlust der Industrieregion Donbass besonders gebeutelt - scheint den Niedergang ab Juli zumindest gestoppt zu haben. Und die Regierung nahm mehr Steuern ein und gab weniger Geld aus als geplant.

Den Lichtstreifen stehen allerdings etliche Warnsignale gegenüber. Knapp die Hälfte aller Mittel- und Großunternehmen schreibt rote Zahlen. Viele von ihnen warten vergeblich auf Steuererstattungen durch das ukrainische Finanzamt -die Regierung schuldet hier weitere umgerechnet 1,9 Milliarden Euro. Kredit ist knapp, gut ein Viertel aller schon ausgegebenen Kredite notleidend, die Lage vieler Banken angespannt.

Die Preise kletterten bis Juli um 40 Prozent - und steigen noch weiter

Und selbst Ukrainer mit Job spüren die Krise immer mehr. Die Preise kletterten bis Juli um 40 Prozent - und steigen weiter. Ab Oktober, wenn die Heizsaison beginnt, spüren die meisten Ukrainer die Folgen drastisch erhöhter Strom- und Gaspreise für das Familienbudget. Das Durchschnittsgehalt liegt bei gerade 150 Euro. Löhne und Gehälter werden selbst nach einer geplanten Erhöhungsrunde nur um 13 Prozent steigen. Von Januar bis Juli fielen die Umsätze im Einzelhandel um knapp 24 Prozent.

Reformen kommen langsam - wenn überhaupt - voran. Nicht ein hoher Angehöriger des gefallenen Janukowitsch-Regimes wurde bisher wegen Korruption verurteilt. Die Bildung einer Anti-Korruptionsbehörde wurde verzögert und arbeitet bis heute nicht. Der neue Zollchef der Ukraine, Konstantin Likartschuk, legte Anfang September Indizien über Korruption beim Zoll und die angebliche Wiedereinsetzung von Janukowitsch-Getreuen vor - als Antwort wurde er gefeuert. Eine Steuerreform lässt ebenso auf sich warten wie die Privatisierung Hunderter verlustbringender Staatsfirmen.

© SZ vom 18.09.2015
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