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Kommentar:Zu viel Angst vor Google

Wie mächtig ist der Konzern aus dem Silicon Valley? Mit seinen Reserven von über 70 Milliarden Dollar kann Google vieles kaufen, aber längst nicht jede Branche erobern. Ein wenig Gelassenheit täte deshalb gerade den Europäern gut.

Von Ulrich Schäfer

Richard Branson hat sich neulich in München über Google lustig gemacht; über ein Projekt, das den hübschen Namen "Loon" trägt: Mithilfe von riesigen Ballons will Google das Internet bis in den letzten Winkel der Welt bringen - auch in abgelegene Gegenden Afrikas oder Asiens. Das Ballon-Projekt, lästerte Branson, sei keine schlaue Idee; er selber sei mal in einem Ballon über den Atlantik gefahren und am Ende ein paar Tausend Kilometer entfernt vom anvisierten Ziel angekommen. Google werde es mit seinem Internet am Himmel nicht viel besser ergehen; Satelliten oder Drohnen seien dafür sehr viel besser geeignet als Ballons.

Die Geschichte, die der britische Unternehmer und Abenteurer beim Gründerfestival Bits & Pretzels erzählte, illustriert, warum man in Europa nicht vor allem Angst haben sollte, was Google sich selbst zutraut - oder was andere dem Unternehmen zutrauen. Natürlich ist es eindrucksvoll, wie schnell Google gewachsen ist; der Konzern aus Mountain View, der mittlerweile von einer Holding namens Alphabet zusammengehalten wird, hat die Biotechfirma Calico und die Investmentfirma Google Ventures gegründet, den Thermostatehersteller Nest übernommen und investiert in künstliche Intelligenz. Aber wird Google tatsächlich nahezu alle Bereiche der Wirtschaft erobern? Wird es eine Branche nach der anderen kapern und die klassischen Anbieter aus dem Geschäft drängen?

Einer, der sich deshalb sorgt, ist Thomas Buberl, der Deutsche an der Spitze des französischen Versicherers Axa. Er habe "sehr klare Indizien dafür", sagte Buberl im SZ-Interview, dass einer seiner wichtigsten Wettbewerber von morgen Google sein werde. Der Internetkonzern investiere hohe Summen in der Medizintechnik und habe "eine klare Strategie, in die Krankenversicherung zu gehen".

Google als Versicherer: Das klingt auf den ersten Blick überzeugend. Schließlich versteht das Unternehmen aus Mountain View viel davon, wie man Daten sammelt und sie verarbeitet; und auch Versicherer sammeln Daten, so berechnen sie Risiken und Prämien. Aber so einfach, wie es zunächst klingt, ist der Einstieg in das Versicherungsgeschäft nicht, wie Googles erfolgloser Versuch zeigt, Kfz-Versicherungen anzubieten.

Konzernchefs, die vor Google Angst haben, trifft man in beinahe jeder Branche, und man trifft sie auch im politischen Betrieb. Tatsächlich jedoch ist diese Angst, jedenfalls in der Summe, ziemlich überzogen. Denn so mächtig Google auch erscheinen mag - das Unternehmen wird nicht in all die Branchen zugleich vordringen können, über die gern spekuliert wird. Denn seine Barreserven von gut 70 Milliarden Dollar sind kaum mehr, als Bayer für den Kauf von Monsanto ausgegeben hat. Für ein einziges Unternehmen. Riesige Beträge relativieren sich eben schnell, wenn es um große Fusionen geht.

Der Konzern dürfte eher zum wichtigen Zulieferer werden als zum direkten Konkurrenten

Natürlich wird Google überlegen, wie es dieses Geld geschickt investiert, etwa in die Entwicklung von selbstfahrenden Autos. Aber wird Google deswegen automatisch zum Autobauer und damit zum direkten Konkurrenten für BMW, Damler und VW? Oder wird es sich nicht eher zu einem wichtigen Zulieferer entwickeln (neben anderen Zulieferern wie Bosch, Conti oder Schaeffler)? Denn: Würde der Internetkonzern selber Autos bauen, könnte dies das Datengeschäft mit den anderen Herstellern gefährden. Auch als Maschinen- oder Anlagenbauer, der gegen erfahrene deutsche Hersteller wie Trumpf, Festo oder Schuler antritt, kann man sich das Unternehmen aus dem Silicon Valley nur schwer vorstellen.

Kurzum: Googles Bestreben, so viele Daten wie möglich zu sammeln, sollte man nicht kleinreden. Daraus lassen sich viele Geschäftsmodelle ableiten; aber für die allermeisten davon braucht Google - vulgo: Alphabet - Partner. Der Konzern dürfte sich also in den allermeisten Branchen eher zu einem wichtigen (und bisweilen auch zu mächtigen) Zulieferer entwickeln, aber nur in den seltensten Fällen zu einem echten Konkurrenten.

Und selbst dort, wo es Google selber versucht, ist noch lange nicht garantiert, dass jeder "moon shot", wie das Unternehmen seine extrem ehrgeizigen Zukunftsprojekte nennt, am Ende mit einer Mondlandung endet. Bis heute jedenfalls verdient der Konzern sein Geld fast ausschließlich mit demselben Geschäft, das ihm schon immer das Geld einbrachte: mit Anzeigen.

© SZ vom 05.10.2016
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