Kommentar Wer Tesla glaubt, ist selber schuld

Ist offenbar ein Fan von Milchmädchen-Rechnungen: Tesla-Chef Elon Musk

(Foto: REUTERS)

Bei seinen Prognosen kommt Chef Elon Musk daher wie ein Milchmädchen. Er hat sich grandios verrechnet.

Kommentar von Jürgen Schmieder

Es hat lange gedauert, bis die deutschen Autobauer die Gefahr wirklich erkannt haben, die aus dem kalifornischen Silicon Valley auf sie zukommt. Dort könnten in Zukunft Autos um iPads herumgebaut werden, die nicht mehr stinken und puffen, sondern digital und selbständig durch die Gegend fahren. Google experimentiert seit Langem an dieser Zukunft, und mit der Elektroauto-Firma Tesla ist ein neuer Spieler bereits mit serienreifen Modellen im Markt. So ausweglos aber, wie manche in Deutschland die eigene Lage beurteilen, ist sie ganz und gar nicht.

Um das zu erkennen, muss man allerdings den Hype, der sich gerade um das erste Tesla-Mittelklasse-Modell entwickelt, kritisch prüfen und auf seinen Kern reduzieren. Tesla-Vater Elon Musk ist ein genialer Visionär, der die Welt verändert und dessen neues Elektroauto tatsächlich eines der wichtigsten Fahrzeuge der Geschichte werden könnte. Aber bis es so weit ist, ist noch ein weiter Weg.

Man sollte Elon Musk nicht jede Rechnung glauben

Im Kurznachrichtendienst Twitter (wo sonst?) schrieb Musk nach der Präsentation der Pläne für das Model 3: "180 000 Reservierungen innerhalb von 24 Stunden. Der Preis mit durchschnittlicher Ausstattung dürfte bei 42 000 Dollar liegen. Also: 7,5 Milliarden Dollar an einem Tag. Die Zukunft von Elektroautos sieht rosig aus!" So gerechnet, könnte sie sogar noch rosiger aussehen, denn die Zahl der Vorbestellungen ist in wenigen Tagen dramatisch gestiegen, bis zu diesem Mittwoch dürften es deutlich mehr als 300 000 sein. Tesla hätte dann laut Musk 12,6 Milliarden Dollar innerhalb einer Woche verdient - mit einem Auto, das sich viele Menschen leisten können. Das hört sich erst einmal grandios an.

Allerdings muss man Musk nicht jede Rechnung glauben, was er selbst schon mal schelmisch schmunzelnd einräumt. Im Jahr 2009 etwa prognostizierte er für das Model S einen Grundpreis von 57 400 Dollar. Der liegt heute jedoch bei 70 000, laut einer Expertenschätzung wird das Fahrzeug für durchschnittlich 105 000 Dollar verkauft. Sollte der Preis des Model 3 ähnlich stark steigen, würde es durchschnittlich 77 400 Dollar kosten - und wäre damit kein Massenmarkt-Auto.

Musk kündigte zudem an, das erste Exemplar des Model 3 Ende kommenden Jahres ausliefern zu wollen. Diese Aussage muss man nicht zum Nennwert nehmen, denn auch bei den bisherigen Modellen reißt Tesla regelmäßig Produktionsziele. Das Unternehmen zeiht sich dann schon mal selbst der "Hybris": Man habe einfach zu viel Technologie einbauen wollen. Das klingt ein bisschen wie die Aussage eines Bewerbers, dass seine einzige Schwäche der Perfektionismus sei.

Neuvorstellung des Model 3

So sieht Teslas Elektroauto für den Massenmarkt aus

Spektakulär geht anders

Tesla hat ohne Frage einen erstaunlichen Produktionszuwachs erreicht, doch selbst wenn man kalifornisch-optimistisch davon ausgeht, dass Tesla weiterhin genauso wachsen wird wie bisher und für die Herstellung des Massenmarkt-Modells die Produktion für die anderen beiden Fahrzeuge einstellt, dann würde der Letzte, der in dieser Woche ein Fahrzeug reserviert hat, im August 2020 eines bekommen. Das wäre in 53 Monaten.

Dieser Kunde muss jedoch erst bezahlen, wenn sein Fahrzeug hergestellt wird; zunächst muss er lediglich 1000 Dollar für die Reservierung ausgeben. Er kann bis zum Unterzeichnen des endgültigen Kaufvertrages kurz vor Produktionsbeginn jederzeit einen Rückzieher machen und bekommt dann seine Anzahlung in voller Höhe zurück. Es handelt sich also nicht wirklich um Einnahmen, sondern um einen zinslosen Kredit durch potenzielle Kunden. Und dieser Kredit beläuft sich nicht, wie von Musk verkündet, auf 7,5 Milliarden Dollar, sondern bei 320 000 Reservierungen erst einmal auf 320 Millionen Dollar. Nicht wirklich spektakulär.

Das Tesla Model 3 bei der Präsentation Ende März in Kalifornien

(Foto: AP)

Elon Musk, das Milchmädchen

Ja, Musk ist ein Vordenker, der den etablierten Autobauern Druck macht. Bei seinen Versprechen und Prognosen jedoch kommt er eher daher wie ein Milchmädchen. Das Model 3 wird später auf den Markt kommen und mehr kosten als versprochen, das ist schon wenige Tage nach der Ankündigung klar. Ob Tesla mit diesem fantastischen Fahrzeug, das die Welt verändern kann, auch Gewinn erzielen wird, das verriet Musk nicht; er versprach es noch nicht einmal. Bislang ist sein Unternehmen nicht nur ein innovativer Auto- und Batterienbauer, sondern auch eine gut funktionierende Geldverbrennungsanlage.

Es gibt ein Lied der Rap-Gruppe Public Enemy aus dem Jahr 1988, das die Hörer dazu auffordert, nicht jedem Hype blind zu folgen. Elon Musk wird es kennen. Seine deutschen Wettbewerber sollten sich den Song ebenfalls runterladen. Es könnte sie ungemein beruhigen.

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