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Kommentar:Wenn Hilfe schadet

Michael Bauchmüller hofft auf die Zukunft der Autoindustrie – jenseits vom Öl. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Autoindustrie steht vor dem Aufbruch in eine neue Zukunft, Covid-19 könnte ihn noch beschleunigen. Vorausgesetzt, die Bundesregierung investiert nicht ins Gestern.

Die Milliarden plätschern nur so dahin in diesen Tagen. Die EU packt 750 davon in ihr Rettungspaket, die Bundesregierung will der Lufthansa mit neun Milliarden Euro zur Seite springen, und für die globalen Soforthilfen in dieser Krise ist die Milliarde schon längst der falsche Maßstab: Die geht in die Billionen. Was kümmert da schon die eine oder andere Milliarde mehr?

Die Gefahr ist groß, dass auch die Spitzen der Koalition von diesem Geist beseelt sind, wenn sie nun ihr Konjunkturpaket zimmern. Auf die erste Welle der Pandemie soll demnächst ein ordentlicher Stimulus folgen, er soll die Schwungräder der Wirtschaft wieder in Gang setzen, frei nach dem Motto: Viel hilft viel. Aber viel kann auch viel schaden.

Deutschland ist in einer beneidenswerten Lage. Nach zehn Jahren Aufschwung kann die Bundesrepublik die Krise besser verkraften als die meisten anderen Länder. Und ja: Dieser Aufschwung und diese Stärke gehen nicht nur auf einen soliden Mittelstand zurück, sondern auch auf eine exportstarke Industrie - allen voran die Autohersteller mit ihren Zulieferern. Schon das macht es so verlockend, gerade der Autoindustrie mit Kaufprämien zu helfen. Auch die Hersteller buhlen darum, doch die Hilfe wäre paradox: Sie wirft mehr Probleme auf, als sie löst.

Das hängt auch mit dem Corona-Schock selbst zusammen. Diese Krise ist ein Turbo für Veränderungen. Sie forciert die Digitalisierung, schafft neue Arbeitswelten, sie verändert den Blick auf Mobilität - und erwischt weite Teile der Wirtschaft inmitten eines Umbaus, wie es ihn in der jüngeren Geschichte noch nicht gegeben hat. Die Ära fossiler Brennstoffe nähert sich dem Ende, jene der alternativen bricht gerade an. Produkte, die jahrzehntelang gut liefen, stehen plötzlich infrage, darunter der Verbrennungsmotor. Auch Deutschlands Autoindustrie steht vor dem Aufbruch in eine neue Zukunft, Covid-19 könnte ihn noch beschleunigen. Vorausgesetzt freilich, die Bundesregierung investiert nicht ins Gestern.

Der Industrie werden die Kaufprämien nichts nutzen

Kaufprämien für Autos sind ein bequemes Mittel, schnell ein paar Milliarden loszuwerden. Sie kommen bei Wählern gut an, jedenfalls bei jenen, die sich ein Auto leisten können. Sie lassen sich vergleichsweise leicht administrieren und fließen rasch ab. Bei Gewerkschaften und in den Auto-Ländern finden sie viel Beifall. Schon durch die Ministerpräsidenten der größten unter ihnen sind CDU, CSU, SPD und sogar Grüne an Bord. Das lässt die Widerstände schrumpfen. Nur macht dies das Mittel nicht besser.

Denn der Autoindustrie werden die Kaufprämien nichts nutzen. Unterstützen sie den Kauf von Verbrennern, konservieren sie ein Geschäftsmodell ohne Perspektive. Das macht den Strukturwandel später umso schmerzhafter. Zielen sie nur auf Elektroautos, gehen sie an den deutschen Herstellern zu oft vorbei - dafür haben sie zu wenige Fahrzeuge im Angebot, ist die Lade-Infrastruktur hierzulande immer noch viel zu dünn. Mal ganz abgesehen davon, dass sich ein guter Teil der Kaufprämien am Ende nicht auf den Gehaltskonten, sondern in den Dividenden der Aktionäre wiederfände.

Es spricht viel dafür, der Wirtschaft nach der Corona-Krise einen Impuls zu geben. Wenn es aber darum geht, die Milliarden unters Volk zu bringen, gibt es sinnvollere Wege als Kaufprämien. Das können Steuererleichterungen sein, oder ein einmaliger Kinderbonus, wie ihn die SPD vorschlägt. Selbst Konsumschecks kämen dafür infrage. Und mit den Millionen Beschäftigten im Einzelhandel oder im Gastgewerbe gäbe es auch viele, die einen wieder anziehenden Konsum gut gebrauchen könnten. Sie haben nur ein Problem: Ihre Lobby ist nicht so gut organisiert - wenn es gilt, bei den Milliarden beherzt und ungeniert zuzugreifen.

© SZ vom 30.05.2020
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