bedeckt München 15°

Kommentar:Wenn Firmen grün sein wollen

Michael Bauchmüller hofft auf die Zukunft der Autoindustrie – jenseits vom Öl. Illustration: Bernd Schifferdecker

Immer mehr Unternehmen verschreiben sich dem Schutz des Klimas. Auch, weil es gut fürs Image ist und fürs Geschäft. Wichtig ist, dass man wirklich etwas tut.

Von Michael Bauchmüller

Manchmal erkennt man die deutsche Industrie kaum wieder. Am Donnerstag hat ihr Oberlobbyverband BDI der Kanzlerin geschrieben: Der Kohleausstieg komme zu langsam voran. Unterschrieben hat neben dem BDI auch der Deutsche Naturschutzring, der Dachverband der Umweltverbände. Und vor drei Wochen machte die Industrie dem Wirtschaftsminister Feuer, wegen der geplanten Abstandsregelungen für Windräder. Diese stellten "sämtliche energie- und klimapolitischen Ziele in Frage", warnte der Industrieverband. Der BDI - eine neue Umweltgruppe?

Die Wirtschaft ist der Regierung im Klimaschutz derzeit weit voraus. Am Rande des Klimagipfels in Madrid ist es der Chemieriese Bayer, der sein eigenes Klimaziel festschreibt: 2030 will er klimaneutral sein. Andere Unternehmen haben das schon vorgemacht, darunter Bosch, Siemens, Volkswagen, Daimler. International arbeiten Firmen wie Nestlé, Ikea oder Saint-Gobain an ihrer Ergrünung.

Dahinter stehen keine zu Umweltaktivisten mutierten Manager. Klimaschutz ist gut fürs Image, Schein und Sein liegen oft nah beieinander. Mitunter wollen die Unternehmen auch nur abwenden, dass die Politik ihnen irgendwann Vorschriften macht. Allerdings: Man kann auch aus den falschen Gründen das Richtige tun.

Wenn man denn wirklich etwas tut. Beispiel Ökostrom: Zwangsläufig kommt keiner der Klima-Pläne ohne erneuerbare Energien aus. Schon deshalb wird die Wirtschaft nun zu einem der wichtigsten Fürsprecher der Energiewende. Wenn Teslas Elon Musk eine Fabrik in Brandenburg bauen will, weil es dort viel Ökostrom gibt, sollte das auch den örtlichen Windkraftgegnern zu denken geben. Auf dem Weg zur Klimaneutralität wird grüne Energie zum Standortfaktor.

Wer es ernst meint mit Klimaschutz, muss seine Produktion umstellen

Doch kaum ein Unternehmen schafft das mit Ökostrom allein. Gerade in der Industrie finden sich viele Prozesse, in denen weiter Treibhausgase anfallen werden. Die meisten Firmen arbeiten deshalb mit sogenannten Offsets: Sie unterstützen Klimaschutzmaßnahmen im Ausland, um so die eigenen Emissionen gewissermaßen zu neutralisieren - so, wie mancher Vielflieger sich über Kompensationsfirmen wie Atmosfair ein reines Gewissen erkauft. Aber das kann nur ein Zwischenschritt sein. Wer es ernst meint, muss seine Prozesse auf Dauer umstellen oder entstehendes CO₂ entziehen. Es lässt sich in Kunststoffe und Fasern einbauen - oder unterirdisch abspeichern. Ohne solche Methoden wird es nichts mit der schönen Neutralität.

Bleiben die langen Ketten vor und nach der Produktion. Wollen die Unternehmen wirklich etwas für das Klima tun, dann müssen sie auch ihre Zulieferer erfassen, dann müssen auch Vorprodukte klimaneutral werden. Und natürlich würde das auch verlangen, dass die eigentlichen Produkte dem Klima weniger schaden. Gerade den Autoherstellern würde das weit mehr abverlangen als den Kauf von Ökostrom und Klimazertifikaten aus dem Ausland. Und auch ein Konzern wie Bayer muss da ran: Viele seiner Produkte bedienen eine Landwirtschaft, die alles andere als klimafreundlich ist.

Unternehmer handeln aus Selbstzweck, kluge Unternehmer tun das mit Weitblick. Sie ahnen, dass unterlassener Klimaschutz auf lange Sicht ihre Geschäftsmodelle gefährdet. Nicht wenige entdecken neue Geschäftsmodelle in einer Welt, die sich dem Klimaschutz zuwendet oder zuwenden muss. Das alles geht weit über die Industrie und ihre Produkte hinaus, es verlangt auch Finanzströme, die konsequent auf klimaschädliche Investments verzichten.

Ohne die Wirtschaft geht es nicht, aber auch nicht ohne die Politik. Wenn Firmen erwachen, ist das fein. Für die anderen braucht es bald einen Weckruf von oben.

© SZ vom 14.12.2019
Zur SZ-Startseite