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Kommentar:Von wegen Hilfe

Die Tech-Konzerne versprechen Milliarden Dollar, um die Wohnungsnot in Städten wie San Francisco zu bekämpfen. Damit machen sie es sich viel zu leicht: Sie sind mit schuld an den Problemen - und das Geld löst diese sicher nicht.

Von Jürgen Schmieder

Apple will 2,5 Milliarden Dollar gegen die Wohnungskrise in Kalifornien investieren. Facebook und Google haben bereits jeweils eine Milliarde Dollar versprochen, Microsoft in Seattle 500 Millionen Dollar. Es ist löblich, dass die Tech-Konzerne ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden und ein Problem lösen möchten, das sie selbst verursacht und verschlimmert haben. Und doch: Sie machen es sich viel zu einfach.

Es klingt zwar absurd, Unternehmen an den Pranger zu stellen, die für einen immensen Aufschwung an der amerikanischen Westküste verantwortlich sind und nun Milliarden in die Infrastruktur investieren wollen. Die Metropolregionen Seattle, San Francisco, Los Angeles und San Diego boomen wegen der Tech-Branche. Es gibt zahlreiche hoch bezahlte Jobs mit unfassbaren Annehmlichkeiten: Die Firmen zahlen Mitarbeitern etwa das Einfrieren von Eizellen oder die Übernahme privater Aufgaben wie Handwerkerbesuche. Ob dies wirklich Annehmlichkeiten sind oder ob sie nicht eher bewirken, dass Mitarbeiter noch mehr Zeit im Büro verbringen, ist freilich strittig.

2,5 Milliarden Doller reichen nicht aus, um genug zu bauen. Apple kauft sich billig frei

Kein Ökonom dürfte abstreiten, dass Arbeitsplätze die Entwicklung einer Stadt befördern. Allerdings zeigen sich dabei auch die Kehrseiten: Im Silicon Valley sind in den vergangenen acht Jahren einer Studie des McKinsey Global Institute zufolge 676 000 Jobs geschaffen worden, indes nur 176 000 Wohneinheiten. Das Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage bestimmt den Preis, also sind Mieten stark gestiegen, der Kaufpreis hat sich verdoppelt. Man könnte nun fragen: Was können die Tech-Giganten dafür? Antwort: sehr viel.

Die Unternehmen bauen kräftig, bekommen dafür allerdings Steuervergünstigungen von Gemeinden oder Bundesstaaten und gründen Tochterfirmen im Ausland, um Steuern zu sparen. Das Vorgehen von Apple, Amazon, Facebook und Google ist nicht ein kleiner Aufreger: Es beschäftigt sogar die G 20. Sie produzieren Produkte oder ordern Dienstleistungen in Ländern, die bekannt für niedrige Löhne und schreckliche Arbeitsbedingungen sind. Das führt dazu, dass in die amerikanischen Boom-Städte nur Hochbegabte gelockt werden. Selbst wer ein sechsstelliges Jahresgehalt verdient, kann sich dort keine Wohnung mehr leisten.

Diese Konzerne, die sich gerne vor ihren Pflichten drücken, gerieren sich nun als großzügige und vor allem freiwillige Helfer, obwohl sie letztlich nur dort helfen, wo es ihnen direkt zugutekommt: in den Gegenden, in denen bestenfalls ihre Angestellten wohnen sollen. Apple hat im Januar vergangenen Jahres angekündigt, 38 Milliarden Dollar an Steuern nachzuzahlen und Auslandsgewinne in Höhe von 252 Milliarden Dollar in die USA zurückzuholen. Das klang wie eine Besinnung, eigentlich nutzte der Konzern die günstige Situation einer Steuerreform.

Die Technik-Konzerne sind gewiss nicht alleine schuld an der Wohnungskrise. Politiker haben sich von der Aussicht auf Wachstum blenden lassen, sie haben bei Verhandlungen oft nicht im Interesse derer gehandelt, die sie vertreten sollen. Die Theorie, dass geringe Besteuerung großer Konzerne am Ende den Mitarbeitern zugutekommt, führt in der globalisierten Praxis nun dazu, dass Hochbegabte auf dem Weg ins schicke Büro über Obdachlose steigen - die gar nicht mal selten ihre geringer verdienenden Kollegen sind.

Die Unternehmen wollen also mit viel Geld ein Loch stopfen, das sie selbst gerissen haben. Es ist jedoch so gewaltig, dass selbst das viele Geld nicht reicht. Ökonomen haben errechnet, dass pro Wohneinheit im Silicon Valley durchschnittlich 50 000 Dollar investiert werden müssen. Das bedeutet: Es bräuchte insgesamt 250 Milliarden Dollar, um allein dem Wachstum der vergangenen acht Jahre gerecht zu werden. Der Studie zufolge braucht es in Kalifornien in den kommenden sieben Jahren jedoch insgesamt 3,5 Millionen Wohneinheiten. Die 2,5 Milliarden von Apple und die eine Milliarde von Facebook und Google sind deshalb die berühmten Tropfen auf dem heißen Stein.

Es braucht eine revolutionäre Idee: Gehört es nicht zum Selbstverständnis des Silicon Valley, dass dort all jene leben, die verrückt genug sind zu glauben, dass sie die Welt verändern könnten? Weil es am Ende sie sind, denen es gelingt? Oder ist es doch eher das Tal jener, die der Welt fliegende Autos versprechen und doch nur Apps schenken?

An ihrem eigenen heiligen Ort können die jetzt Visionäre zeigen, wie ernst es ihnen ist, die Welt ein bisschen lebenswerter zu machen. Für alle, nicht nur für einige wenige.

© SZ vom 06.11.2019
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