Kommentar:Stau-Land

Es ist mal wieder das Wochenende der Wochenenden: Reisende aus allen Bundesländern sind auf den Fernstraßen unterwegs in ihren Urlaub. Das ist umweltpolitisch und volkswirtschaftlich ein absoluter Irrsinn.

Von Michael Kuntz

Einmal wurde eine Autobahn extra hergerichtet für einen kinoreifen Stau. Das war im Sommer 1979 in der Cinecittà, dem italienischen Hollywood bei Rom. Da bauten sie eine Straße, auf der keiner mehr vorankommt, auch dann nicht, als vom Hubschrauber aus per Lautsprecher zum Weiterfahren aufgefordert wird. Es entstand die subtile, bösartige Studie einer technisierten Konsumgesellschaft, die ihre Grenzen durchlebt. Der Regisseur Luigi Comencini drehte den Spielfilm "Der Stau", der es zwar nicht zu einem der großen Klassiker der Leinwand brachte, aber immerhin bei den Festspielen in Cannes gezeigt wurde. Das Lachen, das "Der Stau" erzeugt, ist das Lachen angesichts der eigenen Hoffnungslosigkeit.

Hoffnungslos ausgeliefert sind die Urlauber auch noch Jahrzehnte später dem Stau, nämlich auf deutschen Autobahnen. An diesem Wochenende könnte er apokalyptische Ausmaße erreichen, denn jetzt beginnen auch in Bayern und Baden-Württemberg die großen Ferien. Es haben dann Schüler und Lehrer in sämtlichen Bundesländern ein Wochenende lang gleichzeitig frei. Am Montag startet in Niedersachsen und Bremen bereits das neue Schuljahr.

In den ersten Juni-Wochen wäre noch viel Luft für Ferien, bei oft gutem Wette

Es ist das Wochenende der Wochenenden: Reisende aus allen Bundesländern sind auf den Fernstraßen unterwegs, im Schneckentempo. Deutschland wird Stau-Land. Das ist umweltpolitisch und auch volkswirtschaftlich ein Irrsinn.

Es ist ein wirtschaftlicher Irrsinn mit Methode. Denn es zählt zu den Mysterien des Föderalismus, dass die Ferienzeiten von den Kultusministern der Bundesländer ausgehandelt werden - mit der gleichen Verbissenheit wie von den Finanzministern der Länderfinanzausgleich. An sich klingt alles ganz vernünftig: Es gibt das sogenannte rollierende System, über die Jahre lösen sich die Bundesländer ab bei den früheren, mittleren und späten Zeiträumen für die Sommerferien. Doch so viel Vernunft gibt es im realen politischen Leben eben dann doch nicht: Bayern und Baden-Württemberg pochen seit Jahren auf einen Ferienbeginn in ihren Ländern Ende Juli, Anfang August. Sie bringen damit nicht alles durcheinander, aber manches dann doch, zum Beispiel an diesem Wochenende.

Erwartet werden auf den Fernstraßen erhöhte Verzögerungen, wie Fachleute das nennen, oder schon etwas deutlicher: gravierende Staus deutschlandweit, das schlimmste Stauwochenende dieses Sommers. Wer auf feste Ferientermine angewiesen ist, der wird sich verhöhnt fühlen, wenn ihm empfohlen wird, doch auf Wochentage wie Dienstag oder Mittwoch auszuweichen, übrigens ein Tipp des ADAC. Schwupps ist dann schon mal eine halbe Woche vom Urlaub verplant.

Es wäre übrigens verkehrt, einfach zu behaupten, die Kultusminister seien nicht lernfähig und die aus Bayern und Baden-Württemberg ohnehin nicht. So ist es nicht. Sie haben nämlich für 2017 die Sommerferien auf die Zeit verteilt zwischen dem 22. Juni, einem Donnerstag, und dem 11. September, einem Montag. Damit haben sie das Problem bereits ein wenig entschärft. Denn dieses Zeitfenster betrug 2013 gerade einmal 71 Tage, an denen sich alles ballte. Für die Jahre 2018 bis 2024 wurde es auf durchschnittlich 84,6 Tage verlängert. Ein Fortschritt, aber kein großer, denn in den ersten Juni-Wochen ist noch viel Luft für Ferien, bei oft gutem Wetter. Man muss ja nicht gleich der Reiseindustrie folgen, für die eine ganzjährige Verteilung der großen Ferien wirtschaftlich optimal wäre. Nicht nur für die. Auch für Urlauber ist es ja angenehmer, wenn sich der Andrang auf die beliebten Ferienziele über einen längeren Zeitraum verteilt - und nicht so viele gleichzeitig an- oder abreisen müssen.

Was ist zu tun? Es sollte keine Autobahn-Baustelle geben, auf der nicht gearbeitet wird - warum eigentlich nicht rund um die Uhr, so wie es ja mancherorts bereits geschieht. Und die Infrastruktur der Straßen so pflegen, dass es nicht zu schier endlosen Sanierungsarbeiten kommen muss, gerade in der warmen Ferienzeit.

Was kann man selber tun? Klar, von der Autobahn abfahren und sich eine schöne Zeit auf dem flachen Land abseits von Rastanlagen machen, doch dieser Gewinn an Lebensqualität korreliert mit dem Verlust an Zeit für die Erholung am Urlaubsort. Oder zu Hause bleiben, das ist dann eine besonders subtile Form des Verzichts auf Konsum und das kollektive Stau-Erlebnis. Daheim könnte man dann auch mal seinen Kandidaten für den Bundestag fragen, ob es immer so weitergehen soll. Und ob es wirklich sein muss, dass Reisende erst einmal am Ferienbeginn für politische Versäumnisse ihren ersten Urlaubstag opfern müssen.

© SZ vom 28.07.2017
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