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Kommentar Smart und grün muss sie sein

Mit der Digitalisierung bricht ein neues Zeitalter an, in der Ökonomie und Ökologie nicht mehr im Widerspruch zueinander stehen müssen. Aber nur, wenn die Technologien klug eingesetzt werden.
Von Silvia Liebrich

Die Erwartungen sind groß. Mit der Digitalisierung bricht ein neues Zeitalter an, das den Weg in eine smarte grüne Welt ebnen kann. In eine Welt, in der Ökonomie und Ökologie nicht mehr im Widerspruch zueinander stehen müssen. Die Heilsversprechen quer durch alle Branchen sind groß, ganz egal, ob es um Landwirtschaft, den Energie- oder Industriesektor geht. Wird nun endlich alles gut?

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Sicher ist, dass die digitalen Technologien großes Potenzial haben. Sie können helfen, die Erderwärmung zu stoppen, Energie- und Rohstoffprobleme zu lösen und umweltschonende Wirtschaftskreisläufe zu etablieren. Aber nur dann, wenn sie klug eingesetzt werden. Gelingt das nicht, können sie mehr Schaden als Nutzen stiften, und darin liegt die große Gefahr. Die Digitalisierung muss ökologische Ziele und Vorgaben erfüllen, wenn sich das Versprechen einer besseren Welt für künftige Generationen erfüllen soll.

Die Grundlagen sind vorhanden. Weltweit werden immer größere Datenmengen bewegt und vernetzt. Nie zuvor war das Wissen über Zusammenhänge wie etwa Ursachen und Wirkung des Klimawandels größer. Doch allein die Existenz digitaler Technologien und Know-how helfen wenig, wenn diese Innovationen einhergehen mit ungezügeltem Konsum und Wirtschaftswachstum. Dann setzt sich das fort, was mit der industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen hat: der Raubbau an den begrenzten Ressourcen dieser Erde, mit fatalen Folgen.

Wie einst die Erfindung des elektrischen Stroms durchdringt auch die Digitalisierung nahezu alle Lebensbereiche. Diesen Umbruch gilt es zu gestalten. Für Unternehmen aus allen Branchen eröffnen sich neue Geschäftsfelder mit der Aussicht auf Wachstum und noch mehr Gewinne. Doch auch dieser neue Boom braucht sein Futter. Der Bedarf an Energie und Rohstoffen wird riesig sein, wenn das Wachstum nicht gezügelt wird. Unter dem Strich nützt es nichts, wenn ein Smartphone immer weniger kostet und nur noch halb so viel Energie verbraucht, wenn zugleich viel mehr Geräte in Umlauf kommen. Der Einspareffekt verpufft und löst einen noch höheren Verbrauch aus. Ein Phänomen, das sich durch die ganze Wirtschaftsgeschichte zieht und als Reboundeffekt bekannt ist.

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Jedes Jahr ein neues Handy oder Tablet? Umweltfreundlich ist das nicht

Zwar sind in einem einzelnen Smartphone nur ein paar Gramm an Metallen wie Kobalt, Kupfer oder Aluminium verbaut. Entscheidend ist jedoch die Gesamtmenge. In nur zehn Jahren wurden weltweit sieben Milliarden solcher Geräte verkauft, das ergibt riesige Mengen. Hinzu kommen neue digitale Geräte wie E-Reader, Tablets und andere. Selbst Finanztransaktionen mit Bitcoins sind nicht kostenneutral, auch wenn es den Anschein haben mag. So rechnet der Ökonom Tilman Santarius vor, dass eine einzige Transaktion per Digitalwährung gut 10 000-mal mehr Energie verbraucht als eine Buchung per Kreditkarte. Ein Bitcoin-Handel im größeren Stil wäre somit alles andere als umweltfreundlich.

Selbst wenn es gelingt, den Energieverbrauch einzelner digitaler Anwendungen deutlich zu senken: Sinnvoll ist dies nur, wenn man den Strom dafür zu einhundert Prozent aus Sonne-, Wind oder Wasserkraft gewinnt, anstatt wie bisher vor allem Kohle, Öl oder Erdgas zu verstromen. Aber auch für den Aufbau einer alternativen Energiegewinnung werden Rohstoffe und Energie benötigt.

Politiker und Verbraucher haben es in der Hand, die Digitalisierung zu gestalten. Die Ökologiefrage muss dabei stärker in den Fokus rücken. Zwar kaufen immer mehr Menschen Biolebensmittel und Möbel mit Umweltsiegel oder sie verzichten auf ein eigenes Auto, der Umwelt zuliebe. Über die negativen Folgen des digitalen Konsums wird bislang jedoch kaum nachgedacht. Jedes Jahr ein neues Handy oder Tablet, darauf wollen viele nicht verzichten. Beinahe klaglos wird hingenommen, dass Unternehmen ihre Kunden durch fehlenden Kundendienst dazu drängen, ständig neue Geräte zu kaufen, anstatt alte aufzurüsten oder zu reparieren.

Hier muss die Politik eingreifen, indem sie Grenzen und Anreize für die Wirtschaft setzt, etwa indem sie Leih- und Pfandsysteme für digitale Geräte fördert. Hersteller müssen animiert werden, ihre Geräte so zu konstruieren, dass sie leicht auseinandergenommen und wertvolle Rohstoffe wiederverwertet werden können. Ziel muss es sein, digitale Anwendungen auch umweltfreundlich zu gestalten. Verbraucher können ihrerseits mit bewussten Kaufentscheidungen dazu beitragen, dass die neue smarte Welt auch eine grüne, umweltfreundlichere wird.

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