Kommentar:Rechnung mit Lücken

Lesezeit: 3 min

Der Discounter Penny hat echte Preise für einige Lebensmittel berechnen lassen. Das Ergebnis ist unbequem, nicht nur für den Handel, auch für Verbraucher.

Von Silvia Liebrich

Was, wenn Fleisch doppelt oder drei Mal so teuer wäre? Was, wenn Lebensmittel so kalkuliert sind, dass wirklich alle Kosten berücksichtigt werden? Wenn Treibhausgasemissionen und die Vernichtung von Regenwäldern mit auf die Supermarktrechnung gesetzt werden? Das wird ungemütlich, keine Frage. Verbraucher würden wohl auf die Barrikaden gehen und Politiker ihres Lebens nicht mehr froh.

Was-wäre-wenn-Szenarien zu berechnen, in der Wissenschaft gehört das zum Alltag. Sind die Arbeiten abgeschlossen, werden die Ergebnisse veröffentlicht. In der Wirtschaft, genauer gesagt bei Lebensmittelhändlern, hat dergleichen eher Seltenheitswert - erst recht, wenn das Ergebnis mit den eigenen Interessen kollidieren könnte. So gesehen ist der Versuch von Penny höchst ungewöhnlich. Der zu Rewe gehörende Discounter will seinen Kunden in einer Berliner Filiale zeigen, welchen Preis Lebensmittel wirklich hätten, wenn die große Rechnung aufgemacht wird. Bei einigen Produkten steht daher seit Kurzem neben dem zu zahlenden der sogenannte wahre Preis. Ein Forscherteam der Universität Augsburg hat ihn berechnet.

Das Penny-Experiment läuft erst einmal nur in einem einzigen Geschäft und gilt nur für wenige Produkte wie Äpfel, Bananen, Kartoffeln und Hackfleisch. Der große Wurf ist das nicht, einerseits. Andererseits ist der Versuch mutig, weil damit erstmals ein Discounter einräumt, Teil des Problems zu sein: Fleisch ist zu billig und im harten Wettkampf der Handelsketten zur Ramschware verkommen, und das gilt auch für andere Produkte. Den Schaden tragen Tiere, Umwelt, Landwirte und die Gesellschaft. Dass der Fehler im System behoben werden muss, ist inzwischen auch vielen Verbrauchern klar.

Konsumenten ist nicht bewusst, welches Ausmaß versteckte Kosten haben können

Was aber ist der wahre Preis? Grundsätzlich ist es schwer, das genau zu berechnen. Klar ist aber auch: Ein wesentlicher Teil der tatsächlichen Kosten, die bei der Produktion von Lebensmitteln entstehen, ist nicht im Verbraucherpreis enthalten. Hier geht es um jenen Teil der Leistungen, der in der Wirtschaftswissenschaft als externe Kosten bezeichnet wird. Also etwa die Last, die Erntehelfer tragen, weil sie schlecht bezahlt werden. Oder durch Gülle verschmutztes Grundwasser, das am Ende die Wasserrechnung für Haushalte verteuert. Was fehlt, sind außerdem die in der Produktion anfallenden Treibhausgasemissionen. Ein erheblicher Teil dieser externen Kosten wird künftigen Generationen aufgebürdet, die mit Umweltzerstörung und einer Klimakrise leben müssen, für die sie nicht verantwortlich sind.

Vielen Konsumenten ist vermutlich nicht bewusst, welches Ausmaß diese versteckten Kosten haben können. Bei Fleisch- und Milchprodukten sind sie bei Weitem am höchsten. Die Berechnungen zeigen, dass zum Beispiel Hackfleisch eigentlich fast drei Mal so viel kosten müsste, wie es tatsächlich der Fall ist. Ein zweites Preisschild am Ladenregal kann da zu mehr Durchblick verhelfen und das Bewusstsein der Kunden schärfen.

Doch dadurch allein wird sich vermutlich nichts am Einkaufsverhalten ändern, solange überzeugende Alternativen fehlen. Dafür braucht es ein breites Angebot an Produkten, die nachhaltig und fair hergestellt werden - und zwar so, dass es für Verbraucher auch nachvollziehbar ist. Wer mehr zahlt, will eine Garantie, dass er tatsächlich mehr bekommt.

Wenn es Penny wirklich ernst meint mit der Aufklärungsoffensive, so muss der Discounter den nächsten Schritt gehen und sein Sortiment entsprechend verbessern. Bleibt das Preisexperiment zudem nur auf eine Testfiliale beschränkt, entsteht der Eindruck, dass es dem Händler mehr um Imagepflege geht denn um ernst gemeinte Reformen. Dann wäre der Versuch nur ein geschickter Marketing-Kniff. Tatsächlich hat der Handel in der Vergangenheit aber gezeigt, dass er es ernst meinen und einer der Treiber für schärfere gesetzliche Vorgaben sein kann, etwa beim Kampf gegen Plastikmüll oder für mehr Tierschutz in Ställen.

Verbraucher werden vollständige Preise an der Kasse vorerst nicht zahlen müssen. Aber das wird vermutlich nicht so bleiben. Und es ist auch nicht Sache des Handels, hier für faire Bedingungen zu sorgen, etwa in der Tierhaltung oder der Bepreisung von Treibhausgasemissionen. Das ist Aufgabe des Staates. Während Stromkonzerne für ihren CO₂-Ausstoß längst zahlen müssen, ist der Lebensmittel- und Agrarsektor außen vor. Auf lange Sicht werden alle Branchen ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten müssen. Das Preisexperiment von Penny vermittelt zumindest ein Gefühl dafür, was das für Verbraucher bedeuten könnte.

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