KommentarQuälend lange Erholung

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Die Hoffnung der Experten, nach der Corona-Krise wird es schnell wieder aufwärtsgehen, erweist sich als naiv. Die allergrößte Gefahr geht aber nicht vom Virus selbst aus, sondern von Populisten wie Donald Trump.

Von Claus Hulverscheidt

Es ist ein schöner Buchstabensalat, den Konjunkturdeuter dieser Tage da auftischen: Die einen sagen voraus, dass die Wirtschaftsentwicklung im Corona-Jahr 2020 einen V-förmigen Verlaufen nehmen wird, andere prognostizieren ein U oder ein W. Dem einfachen Bürger konnte der Akademikerstreit lange Zeit egal sein, denn in der entscheidenden Frage herrschte ja Einigkeit unter den Fachleuten: Die großen Volkswirtschaften werden sich einigermaßen rasch von den Widrigkeiten der Pandemie erholen.

Womöglich muss das Konjunkturalphabet jedoch schon bald um einen Buchstaben erweitert werden: den Swoosh, jenes Logo des Sportartikelherstellers Nike, das zunächst kräftig nach unten schwingt und dann langsam, sehr langsam wieder nach oben strebt. Denn die Hoffnung der Experten, dass sich der Konjunktureinbruch zügig wird wettmachen lässt, weil das wirtschaftliche Fundament ja intakt sei und es sich "nur" um einen "externen Schock" handle, erweist sich zunehmend als naiv.

Das Gegenteil ist richtig: Der Corona-Absturz droht in eine quälend langsame Erholungsphase zu münden, die sich bis Mitte des Jahrzehnts ziehen könnte. Insbesondere auf den Arbeitsmärkten wird die Krise tiefe Spuren hinterlassen. Das zeigt die Lage in den USA, wo seit Ende März geschätzt 100 000 Kleinbetriebe, 20 000 Restaurants und 3000 Kaufhausfilialen ihre Tore geschlossen haben - und zwar nicht vorübergehend, sondern für immer. Weltweit streichen Fluggesellschaften Zehntausende Stellen, die Autobauer sortieren Modelle aus und kürzen Investitionen.

Hauptleidtragende der Krise sind Frauen, Geringverdiener und soziale Randgruppen

Dabei sind die direkten Folgen der Kontaktbeschränkungen, der Laden- und Fabrikschließungen nicht einmal das größte Problem. Was die Krise ökonomisch gesehen so gefährlich macht, sind vielmehr dauernde Unsicherheit, die nur schwer aufzulösen ist, Reise- und Konsumunlust, die zur Gewohnheit werden könnten, sowie die Brutalität, mit der das Virus Lieferketten zertrümmert und strukturelle Defizite offenlegt: Deindustrialisierung, Importabhängigkeit und kaputtgesparte Krankenhäuser in den USA, die dramatische Fixierung Deutschlands und Chinas auf den Export, Ignoranz und politischer Dilettantismus in Brasilien, mangelhafte Sozialsysteme in Italien und Spanien.

Hauptleidtragende der Krise sind Frauen, Geringverdiener und soziale Randgruppen - ein Trend, der sich in den nächsten Monaten noch verstärken wird. Aber auch der Lebensstandard der Mittelklasse ist erneut in Gefahr, gerade in den USA, wo Automatisierung, Digitalisierung und die Abwanderung ganzer Branchen teils seit Jahrzehnten für Verunsicherung sorgen. Für Regierungen und Zentralbanken heißt das, dass alle bisherigen Hilfen trotz ihres wahrlich historischen Umfangs nur der Anfang gewesen sein können. Den Stabilisierungspaketen müssen Wiederaufbauprogramme folgen, die Anreize für den Kauf nachhaltiger Güter setzen und zugleich Branchen, die unter weiterhin geltenden Beschränkungen leiden, gezielt stützen. Die Hilfen werden umso wirksamer sein, je besser sie mit der jeweiligen Notenbank, aber auch international abgestimmt sind. Auch Schuldenerlasse für besonders betroffene Firmen und Staaten wird es am Ende geben müssen.

Die allergrößte Gefahr aber geht gar nicht vom Virus selbst aus, sondern von Eiferern und Populisten. Denn so sinnvoll es ist, wenn Firmen Lieferketten diversifizieren und Staaten medizinische Notausrüstung wieder stärker daheim produzieren lassen, so fatal wäre es, wenn das Ergebnis der Krise Nationalismus und Kleinstaaterei wären. Schließlich ist es mitnichten so, dass sich Jobs einfach "nach Hause holen" lassen, wie Einfaltspinsel vom Schlage eines Donald Trump es den Menschen vorgaukeln. Die Realität wird vielmehr sein: Um die bei einer Rückverlagerung drohende Explosion der Lohnkosten zu vermeiden, werden die Firmen die Automatisierung ihrer Produktion massiv vorantreiben - zulasten der Arbeitnehmer.

Vielleicht - das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer - wird Corona aber auch dazu führen, dass die Menschen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit durchschauen und erkennen, wie wichtig ein funktionierendes Staatswesen und ordentliche politische Führung für das Funktionieren einer Gesellschaft sind. Denn es ist ja kein Zufall, dass die Infektionszahlen gerade in den Ländern besonders hoch sind, in denen anstelle von Politikern Politikdarsteller das Sagen haben. Erste Hinweise darauf, ob die Hoffnung berechtigt oder doch naiv ist, wird der 3. November liefern: Dann müssen die Amerikaner entscheiden, ob sie künftig von einem kompetenten Präsidenten regiert werden möchten - oder weiter von Donald Trump.

© SZ vom 19.05.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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