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Kommentar:Nur ein Anfang

Sachsens Wirtschaftsminister informiert sich über Arbeitsschutz

Überversorgung in Deutschland: Fast jedes fünfte Schwein in hiesigen Ställen lebt und stirbt für den Export.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Die Schlachtindustrie steht seit Jahren in der Kritik. Alle Anläufe, etwas zu ändern, gingen bisher ins Leere. Jetzt sollen neue Gesetze die Lage verbessern - nicht aus Einsicht, sondern wegen Corona.

Von Michael Bauchmüller

Nicht die Menschlichkeit hat die Ausbeutung beendet. Nicht die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, nicht die Enge in den Unterkünften, nicht der an sich himmelschreiende Umstand, dass Kräfte in Zerlegebetrieben nur per Werkvertrag beschäftigt wurden. Als austauschbare Fließbandarbeiter, die irgendein Subunternehmer heranschaffte. Nein, am Ende hat die Pandemie diese Praxis beendet. Aber eben nicht um der Betroffenen willen - sondern weil rund um die Schlachtfabriken herum Corona-Hotspots zu entstehen drohten. Das war dann doch zu viel.

So läuft es in der Fleischwirtschaft seit Langem. Was die Gesetze hergeben, wird auch gemacht. Drohen gesetzliche Verschärfungen, tritt das Schreckgespenst der Abwanderung auf den Plan. Zuverlässig hält es in Schach, was der gesunde Menschenverstand eigentlich gebietet. Schließlich standen auch die Arbeitsbedingungen in der Schlachtindustrie schon seit Jahren in der Kritik. Doch alle Anläufe, dieses Unwesen zu beenden, verpufften. Wenn letztlich die Pandemie etwas daran geändert hat, dann auch nur, weil irgendetwas geschehen musste.

So ähnlich war das auch bei der Haltung von trächtigen Sauen in sogenannten Kastenständen. Die Enge in diesen Gitterboxen war schon seit vielen Jahren bekannt. Aber erst ein Verwaltungsgericht brachte Bund und Länder auf Trab, und selbst das dauerte fünf Jahre; nun droht eine lange Umstellungsfrist. Sieben Jahre inklusive Verlängerung dauerte es, um die Kastration von Ferkeln ohne jede Betäubung zu verbieten, und auch die Tötung männlicher Küken war fast 20 Jahre lang Thema, ehe sie nun ab Ende 2021 verboten wird. Was freilich an den übrigen, oft traurigen, Bedingungen in der Geflügelzucht nichts ändert. Jedenfalls in vielen Betrieben.

Nicht auszudenken, gäbe es - in einem Wahljahr! - Mangel an Grillfleisch

Über die Hintergründe können die Debatten rund um die Schlachtarbeit einigen Aufschluss geben. So grassierte auch die Sorge, durch die neuen Auflagen könnte in Spitzenzeiten das Fleisch knapp werden. Mit der Folge, dass künftig etwa in der Grillsaison auch Leiharbeiter einspringen dürfen. Nicht auszudenken, gäbe es - in einem Wahljahr! - Mangel an Grillfleisch.

Als sich der Deutsche Ethikrat im Sommer mit der Nutztierhaltung befasste, da formulierte er einen bemerkenswerten Satz. "Ökonomische Überlegungen", so schrieb er zu Tierschutzanforderungen, "reichen für sich gesehen nicht aus, um die Unvermeidbarkeit zu begründen." Genau diese ökonomischen Überlegungen allerdings dominieren seit Jahren die Debatte. Oft sind es scheinbare Sachzwänge, wie etwa die Annahme, es gebe eine Art Grundrecht auf günstiges (Grill-)Fleisch. Diese Annahme ist falsch.

Das Gleiche gilt für den Hinweis auf den internationalen Wettbewerb: In jeder der jüngeren Debatten um mehr Tierwohl griff die Branche zur Fleischeraxt dieses Arguments, oft mit Erfolg. Der Selbstversorgungsgrad mit Fleischprodukten lag allerdings 2019 bei 114 Prozent. Was nicht gerade dafür spricht, dass Deutschland mit Importen überschwemmt wird. Fast jedes fünfte Schwein aus deutschen Ställen lebt und stirbt für den Export.

Die Kollateralschäden sind - gerade in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland - massiv. Eine nachhaltige Viehwirtschaft würde für Bauern bedeuten, nur so viele Tiere zu halten, wie sie von eigenen Flächen auch ernähren können. Damit ließen sich auch Nährstoffkreisläufe erhalten, in denen die Gülle als Dünger wieder auf die Felder wandert. Der Exportweltmeister Deutschland dagegen erlaubt die Tierhaltung auch Gewerbebetrieben. Die gelten dann nicht mehr als landwirtschaftliche Betriebe und müssen kein Land bewirtschaften. Sie kaufen ihr Futter, gern auch aus Übersee, und müssen am Ende Unmengen von Gülle loswerden. Diese quasi-industrielle Viehhaltung erklärt die Nitratüberschüsse im Norden und Westen der Republik, wo viele dieser Ställe stehen. Es ist ihre Gülle.

Darunter leiden nicht nur die Tiere, sondern auch die Bauern schlechthin. In Form strengerer Düngevorgaben müssen sie die nitratlastige Exportfixierung ausbaden. Längst schlagen die Tierschutzdebatten auf das Ansehen der Landwirte durch. Auch jener, die mit Liebe und Fürsorge ihr Vieh aufziehen. Bessere Bedingungen in der Schlachtindustrie mögen ein Anfang sein, so wie das Ende des Kükentötens, der Ferkelkastration, des Kastenstandes. Was noch fehlt, ist eine Debatte über das System Fleisch an sich.

© SZ/koe
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