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Kommentar:Mut statt Angst

An ihrem 25. Geburtstag geht es der Welthandelsorganisation nicht gut. Vor allem US-Präsident Donald Trump attackiert sie. Jetzt müssen sich die freihandelsfreundlichen Länder zusammentun und für das Geburtstagskind und seine Vorteile kämpfen.

Wenn das Geld nicht für eine Torte reicht, fällt jeder Geburtstag traurig aus. So ähnlich sieht es bei der Welthandelsorganisation WTO aus, die 25 Jahre wird. Zwar ist Geld in der Kasse, aber dafür wird das Geburtstagskind in der Existenz bedroht. US-Präsident Donald Trump sägt am Freihandelsmodell, auf das der Westen seinen Wohlstand gründet. 2020 sollte das Jahr der politischen Reaktion werden. Denn die Welt ist mehr als nur die USA, viel mehr.

Wie groß waren die Hoffnungen, als die Korken zur WTO-Geburt knallten. Nach dem Protektionismus der Weltwirtschaftskrise und den Verheerungen der Weltkriege suchte der Westen eine bessere Zukunft: Durch Freihandel und Kooperation statt Konflikt. Was das GATT-Abkommen 1948 für Industriestaaten realisierte, sollte die WTO 1995 für die ganze Welt erreichen. Tatsächlich unterwirft sich heute fast der gesamte Erdball den Handelsregeln. Ein Quantensprung zu den Jahrhunderten davor, als Zölle und Diskriminierung ausländischer Firmen die Menschen arm hielten. Seit der WTO-Gründung vervierfachte sich der Welthandel, der Anteil extrem armer Menschen an der Erdbevölkerung schrumpfte von einem Drittel auf weniger als zehn Prozent.

Anders als Donald Trump glaubt, gewinnt beim Handel nicht einer auf Kosten anderer

Die WTO erlebte auch Enttäuschungen. Anders als bei GATT misslang ein globales Handelsabkommen, das neben dem Westen auch ärmeren Staaten nutzen würde. Die WTO ist eben kein kleiner Club wie GATT mit anfangs 23 Ländern, den der Westen steuert. Diese Ursprungsform der Globalisierung ärgert Nationen wie Indien oder Brasilien, sie wollen mitreden. Um ein Welt-Abkommen zu erreichen, bräuchte es neue Entscheidungsregeln. Heute kann jedes der 164 Mitglieder Deals blockieren - Ex-WTO-Chef Pascal Lamy nannte das "mittelalterlich".

Vor ihrer wahren Bewährungsprobe steht die Organisation, seit Frust über die Globalisierung auch den Westen erreicht. Abgehängte wählten Donald Trump ins Amt, der den Freihandel so vehement attackiert, wie man es zuvor nur von deutschen Gegnern des US-europäischen TTIP-Vertrags kannte: Erst Stahl- und Aluzölle für die ganze Welt, dann gigantische Strafzölle für China - und womöglich bald Europa. Außerdem legt er das Gericht lahm, mit dem die WTO zwischen den Mitgliedsstaaten schlichtet. Wie viel auf dem Spiel steht, rechnet die Bertelsmann-Stiftung vor: Die WTO beschert den weltgrößten Exporteuren USA, China und Deutschland jährlich Einkommensgewinne von zusammen 240 Milliarden Dollar.

Trump verfällt in den Irrtum früherer Jahrhunderte. Anders als er glaubt, gewinnt beim Handel nicht einer auf Kosten anderer. Wenn China exportiert, nimmt es Geld ein, das es zum Kunden amerikanischer (und deutscher) Firmen macht. Vorausgesetzt, die bieten attraktive Waren. Das US-Handelsdefizit zu China und Europa spricht nicht gegen Freihandel, sondern gegen den Zustand der US-Industrie.

Allerdings ist diese Einsicht geschichtlich rar, so der Ökonom Gabriel Felbermayr: "Die WTO-Gründung vor 25 Jahren beruht auf einer kurzen historischen Ausnahmesituation, in welcher der Nationalismus überwunden geglaubt war." Aktuell wütet das Nationale wieder: In Gestalt von Trump - und Chinas Machthabern. Die exportieren gern, selbst aber behindern sie ausländische Firmen. Zudem verkeilen sich die Wirtschafts-Supermächte in einen Zweikampf um die globale Führung.

Der Rest der Welt sollte darauf antworten. Es geht um die Rettung der WTO. Wie? Erstens lassen sich Amerikas und Chinas Fouls am Freihandel stoppen, wenn genug der übrigen Nationen einig sind. Zusammen sind sie stärker als die USA oder China. Und beide Mächte sind verwundbar. Chinas Exporte lassen sich bremsen, wenn es weiter Auslandsfirmen behindert. Im Fall der USA kann man die Digitalkonzerne ins Visier nehmen, die für die US-Wirtschaft unverzichtbar sind.

Zweitens sollten die übrigen Nationen die Streitschlichtung reparieren, die Exporteure brauchen. Zunächst könnten sie auf die Berufung verzichten und den langsamen Prozess beschleunigen.

Zum dritten müssten sie die WTO von "mittelalterlichen" Regularien befreien, wie das Pascal Lamy nannte. Wie es auch in der EU möglich ist, sollten freihändlerische Länder vorangehen und sich wirtschaftlich stärker integrieren - und dann nur diesem Fortschrittsklub alle Vorteile gewähren. Dies löst einen positiven Sog aus und isoliert Foulspieler wie die USA und China. Klingt das angesichts des Nationalismus vermessen? Vielleicht. Aber klar ist, dass das Geburtstagskind eine Offensive braucht, um zu überleben. Der Ausweg heißt nicht Angst, sondern Mut.

© SZ vom 02.01.2020
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