Süddeutsche Zeitung

Gipfelstürmer:Lieferdienste sind nicht alles

Deutsche Start-ups sollten sich auf Innovationen in der Industrie konzentrieren. Hierin liegt ihre große Zukunft, nicht in Apps für Pizzas. Ob eine Volkswirtschaft Wohlstand erschafft, hängt vor allem von der Industrie ab.

Wenn hierzulande darüber debattiert wird, wie Deutschland sich auf dem weiten Feld der Digitalisierung schlägt, wird gern - um die angebliche Schlafmützigkeit zu belegen - das Argument gebracht, seit der Gründung von SAP 1972 sei hierzulande kein großes Tech-Unternehmen entstanden. Deutschland, Land der Dichter und Denker, sei eben kein Land der Gründer.

SAP gilt heute als der viertgrößte Software-Hersteller der Welt. In den USA dagegen, schwärmen die deutschen Digital-Kritiker, gebe es ... - und dann zählen sie eine lange Liste von Unternehmen auf: Apple und Microsoft, Amazon und Google, Facebook und Airbnb. Und, und, und. An der amerikanischen Westküste gehe die Post ab, Milliarden an Risikokapital stünden bereit. Deutschland habe nichts Vergleichbares zu bieten.

Auch auf Deutschlands größter Gründermesse Bits & Pretzels, die an diesem Sonntag in München eröffnet wurde, hört man diese Leier immer wieder: Wir haben es verpennt! Schaut doch, wie gut es die da drüben haben! Gegenseitig versichert man sich dann, was man ja ohnehin schon zu wissen meint: dass die Lösung darin liege, den Geist des Silicon Valley eins zu eins nach Deutschland zu transferieren.

In Kalifornien gründet man schnell und macht schnell wieder dicht

Nur: Ganz so einfach, wie das klingt, ist es eben nicht, und das hat mit der höchst unterschiedlichen Unternehmenskultur in Deutschland und den USA zu tun. In Kalifornien lebt man nach dem Prinzip des Ex-und-Hopp, man gründet schnell und macht den Laden auch ebenso schnell wieder zu, wenn die Geschäftsidee nicht funktioniert. Neun von zehn Gründern, das wird hierzulande gern vergessen, scheitern im Silicon Valley, die meisten davon, weil es für ihr mit viel Bohei vermarktetes Programm oder ihre App leider, leider nicht genug Nachfrage gibt.

Ganz anders ist die Kultur in Deutschland, wo man es gewohnt ist, in längeren Zyklen zu denken und auch mehr Zeit benötigt, um ein Produkt zu entwickeln. Man mag das schlecht finden, weil ja die Digitalisierung alles beschleunigt. Aber andererseits hat es auch etwas Positives, wenn nicht nur all das als innovativ gilt, was sich innerhalb weniger Monate entwickeln und auf den Markt kippen lässt. Die Familienunternehmen, die nach wie vor das Herz der deutschen Wirtschaft bilden (in einer Dichte, die man in den USA gern hätte), sind in vielen, hoch spezialisierten Märkten die Weltmarktführer. Sie gehen mit einem längeren Atem an die Dinge heran, denn sie fühlen sich zuvorderst nicht Investoren verpflichtet, sondern auch der eigenen Familie und den Angestellten. Auch die staatlich geförderten Forschungsinstitute, von Max Planck über Fraunhofer bis Helmholtz, sind wichtige Zentren der Innovation - und sie geben sich ebenfalls nicht dem hektischen Drang hin, private Investoren möglichst schnell reich zu machen; sie haben die nötige Ruhe, sich auch an komplexe Forschung heranzuwagen.

Die Zukunft der deutschen Start-ups liegt nicht in Apps für Lieferdiensten

Dies soll nun kein Plädoyer dafür sein, sich bei der digitalen Transformation möglichst viel Zeit zu lassen, denn dann würden andere Nationen in der Tat an Deutschland vorbeiziehen. Aber es ist ein Plädoyer dafür, den Blick zu weiten. Die Firmen im Silicon Valley sollen gern die hippen Apps und Softwarelösungen für den privaten Kunden liefern. Die deutschen Unternehmen dagegen sollten sich auf die eher langweiligen, schwer verständlichen Innovationen in der Industrie konzentrieren. Denn genau hier liegt die Chance für Gründer: Wer Lösungen für die Industrie entwickelt, der schafft kein neues Google, kein neues Airbnb. Die Wachstumskurven sind flacher, der mediale Hype ist kleiner. Aber genau hier, in der viel beschworenen Industrie 4.0, der digitalen Vernetzung von Maschinen, Fabriken und Produkten, liegt die große Zukunft für deutsche Start-ups. Und nicht in Apps für irgendwelche Lieferdienste.

Wenn man sich die Wirtschaftsgeschichte anschaut, ist das auch gut so. Denn ob eine Volkswirtschaft dauerhaft Wohlstand erschafft, hängt vor allem von deren Kern ab: der Industrie. Als Industrienation haben die USA in den letzten Jahrzehnten massiv verloren, auch Großbritannien hat einen langen Prozess der Deindustrialisierung hinter sich und hängt nun viel zu sehr von der labilen Finanzindustrie der Londoner City ab. Deutschland dagegen hat seine Industrie noch und sollte stolz darauf sein. Gewiss: Diese Industrie, vom Maschinenbau über die Chemie bis zur Autobranche, muss moderner werden - und digitaler. Start-ups können dabei als Antreiber eine sehr wichtige Rolle spielen. Gelingt der Wandel, kann Deutschland in den nächsten Jahren zu den führenden Ländern der Digitalisierung gehören. Und zwar auch ohne zweites oder drittes SAP.

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SZ vom 25.09.2017/vit
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